30. August 2018, 05:00 Uhr

Schlägerei zwischen Schülern

Kinderpsychiater: »Die Gewalt unter Jugendlichen hat abgenommen«

Der Fall von Neunjährigen, die in Londorf einen Siebenjährigen krankenhausreif geschlagen haben, hat für Aufsehen gesorgt. Ein Kinderpsychiater erklärt, wie man mit prügelnden Schülern umgehen sollte.
30. August 2018, 05:00 Uhr
Symbolbild: Fotolia/Jonathan Stutz

Zwei neun Jahre alte Schüler haben am 14. August auf dem Hof der Grundschule in Londorf einen Siebenjährigen mit Schlägen gegen Oberkörper und Kopf verprügelt. Das Opfer lag zwei Tage im Krankenhaus. Einer der Prügler ist von der Schule für eine Woche suspendiert worden. Inzwischen gab es Treffen zwischen den betroffenen Kindern, den Eltern, begleitet von Polizei und Sozialarbeitern. Das Jugendamt wurde eingeschaltet. Im Interview erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Klaus-Dieter Grothe, ob Gewalt unter Kindern brutaler geworden ist und wie man mit prügelnden Schülern umgehen sollte.

Herr Grothe, hat Sie die Brutalität der Schlägerei zwischen Grundschülern in Londorf auch so erschreckt?

Klaus-Dieter Grothe: Ja und Nein. Der Vorfall in Londorf ist schlimm. Aber mit Kollegen unterhalte ich mich schon seit 20 Jahren darüber, dass man in unserem Alter bei Schlägereien aufgehört hat, wenn der andere am Boden lag. Eine heftige Schlägerei zwischen Grundschülern ist aber nichts Neues.

Wenn weder Eltern noch Kind zu einer Einsicht fähig sind, können sie nicht mehr an diese Schule

Klaus-Dieter Grothe

Gibt es dennoch aus Ihrer Sicht eine Veränderung in den vergangenen 20 Jahren, was Gewalt an Schulen angeht?

Grothe: Es gibt eine Veränderung: nämlich dass die Jugendkriminalität abnimmt. Die Gewalt unter Jugendlichen war in den 90er Jahren sicher größer. Das belegen auch Zahlen, die glaubwürdig sind, weil sich das Anzeigeverhalten nicht verschlechtert hat.

Klaus-Dieter Grothe (Foto: pm)
Klaus-Dieter Grothe (Foto: pm)

Aber irgendetwas hat sich doch verändert. Man liest von Kindern, die mit Messern aufeinander losgehen, von jüdischen Schülern, die gemobbt werden und von brutalen Prügeleien zwischen Grundschülern wie in Londorf. Ist die Gewalt zwischen Jugendlichen nicht härter geworden?

Grothe: Die Gewalt unter Jugendlichen hat eher abgenommen, das muss man konstatieren. Meine Frau war von 1975 bis 2006 im Schuldienst. Die sagt: »Was haben wir uns in den 80er und 90er Jahren tagelang über Gewalt an Schulhöfen unterhalten.« Wir sind heute vielleicht etwas sensibler dafür. Das heißt noch nicht, dass alles gut ist. Mein Vater war in den 60er und 70er Jahren Lehrer an einer Haupt-, später an einer Gesamtschule. Der hat erzählt, wie Acht- und Neuntklässler den Lehrer geohrfeigt hätten. Das wäre heute direkt in der Bild-Zeitung. Undenkbar, aber das gab es. Worüber Lehrer allerdings zunehmend klagen, ist, dass der Respekt abgenommen hat. Das hat auch mit einer verstärkten Individualisierung der Gesellschaft zu tun.

Was meinen Sie damit?

Grothe: Das heißt, dass als Vorbild nur noch die Eltern angesehen werden.

Warum werden Kinder gewalttätig?

Grothe: Die äußerlich sichtbare Gewalt ist nur das Ende eines Prozesses. Kinder müssen Sozialverhalten ab dem zweiten und dritten Lebensjahr erst einmal lernen: also, sich in einer Gruppe bewegen, Rücksicht auf andere nehmen, zuhören und Konflikte sprachlich lösen statt mit körperlicher Gewalt. Von alleine lernen Kinder das nicht. Sie brauchen liebevolle Begleitung durch Erwachsene und klare Grenzen mit Handlungsanweisungen. Je jünger die Kinder sind, umso schlechter können sie Konflikte untereinander alleine klären. Werden sie alleine gelassen, lernen sie schnell, Streit anders zu lösen: Dann zählt nämlich, wer kräftiger ist. Und das Verhalten verfestigt sich schnell. Das hat nichts mit Kultur oder Herkunft zu tun.

In Londorf haben Kinder von Asylbewerbern zugeschlagen. Da wird auch mal als Erklärung angeführt, dass Flüchtlinge traumatische Erlebnisse hinter sich haben.

Grothe: Das ist ein grobes Missverständnis. Das Erleben von Krieg, von Folter oder nackter Gewalt führt nicht zu aggressivem Verhalten, sondern eher zu Rückzug und Vorsicht. Die Vorstellung, dass Kinder, die aus Kriegsbedingungen kommen, Gewalt erlebt haben und diese Gewalt hier mitnehmen, stimmt nicht.

Aber sie haben doch in ihrer Heimat mitbekommen, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden.

Grothe: Kinder werden viel stärker durch Gewalt zwischen Eltern beeinflusst. Ich bin seit 2007 jährlich in Uganda. Ein befreundeter Wissenschaftler hat dort Kinder untersucht, die entführt und als Soldaten missbraucht wurden, die schrecklichste Dinge erlebt haben. Er hat statistisch nachgewiesen, dass nur drei Jahre nach ihrer Rückkehr die aktuelle Gewalt in der Familie viel prägender und wichtiger war als das, was sie in der Miliz erlebt haben.

Sind Migranten überproportional in Schlägereien verwickelt?

Grothe: Der Eindruck täuscht. Auch weil inzwischen sehr viel mehr Kinder einen Migrationshintergrund haben. Wie auch sonst in der Gesellschaft: Ich war letzten Samstag beim FC Gießen. Wenn ich nur an die Torschützen denke: Mukasa, Kara und Lekaj.

Welche Konsequenzen sollte ein Vorfall wie in Londorf haben, wenn Neunjährige einen Siebenjährigen krankenhausreif schlagen?

Grothe: Konkret zu dem Vorfall in Londorf kann ich mich nicht äußern. Aber grundsätzlich muss dem Schläger in Gesprächen das Unrecht seines Tuns deutlich gemacht werden. Kinder sagen dann oft, sie seien doch im Recht gewesen. Da muss man als Eltern sagen: Das kann ja sein, aber die Mittel heiligen das nicht. Das ist eine Differenzierung, die viele Eltern nicht hinbekommen. Das erlebe ich häufig in der Praxis. Der Schläger muss sich ernsthaft damit auseinandersetzen, was er getan hat. Wenn die Erkenntnis gereift ist, gehört dazu auch eine adäquate Entschuldigung. Auch individuelle Strafen gehören dazu – damit das Kind merkt, dass hier deutlich eine Grenze überschritten ist.

Welche Konsequenzen sollte die Schule ziehen?

Grothe: Wenn die Eltern das Unrecht einsehen und mitarbeiten, dann wird das Kind auch lernen. Wenn die Eltern nicht mitmachen, und sagen, ihr Kind habe doch recht gehabt, die haben ja nur... Es gibt Eltern, die entschuldigen ihre Kinder immer. »Der hat das ja nur gemacht, weil...«. Das ist eine Katastrophe. Wenn weder Eltern noch Kind zu einer Einsicht fähig sind, können sie nicht mehr an diese Schule. Das ist aufgrund von Schulregelungen schwierig durchzusetzen. Aber in einem solchen Fall müsste die Schule sagen: Stopp, so geht es nicht weiter. Wenn die Schule da nicht weiterkommt, muss eventuell nach Erziehungsberatungsstellen auch das Jugendamt eingeschaltet werden

Und wie schützt man das Opfer?

Grothe: Man muss ihm Sicherheit geben, dass so etwas nicht mehr passiert. Das geschieht nur über eine glaubwürdige Entschuldigung und eine Veränderung der Täter. Wenn das nicht passiert, müssen die Täter weg von der Schule. Sonst führt das dazu, dass sich das Opfer verkriecht und die Eltern eine andere Schule suchen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Eltern
  • Gewalt
  • Grundschulen
  • Jugendämter
  • Klaus-Dieter Grothe
  • Londorf
  • Polizei
  • Schlägereien
  • Schulen
  • Rabenau
  • Stefan Schaal
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.