05. September 2017, 10:00 Uhr

Kita-Serie

Kämpferinnen an vielen Fronten

Sie hören zu und trösten, helfen und lehren. Erzieherinnen müssen heute vielfach qualifiziert sein, übernehmen zunehmend Aufgaben von Eltern. Ein Tag in der Kita St. Elisabeth in Buseck.
05. September 2017, 10:00 Uhr
Besuch in der Kita St. Elisabeth

Mittwochmorgen, 7.54 Uhr. Daniela Schmidt öffnet die schwere Eingangstür zur Kindertagesstätte in der Großen-Busecker Bismarckstraße, die seit 2008 ihr Arbeitsplatz ist. Straßen- werden gegen Hausschuhe getauscht. Dann geht es in den Gruppenraum. Zwei Kinder sind schon da, ebenso wie Kollegin Annett Meindl, mit der sie zurzeit 18 Mädchen und Jungen zwischen zwei und sechs Jahren betreut. Das wird sich im Jahresverlauf ändern. In den nächsten Monaten kommen fünf weitere Kinder dazu.

Schmidts zweiter Weg führt in die Küche, wo ein Servierwagen mit Schüsseln Besteck, Brettchen und einigem mehr zu bestücken ist. Denn mittwochs ist Müslitag. Im Schlepptau hat sie einen Vierjährigen. »Jona, wir brauchen vier Messer. Zähl mal, wie viele sind das jetzt?«. Der Junge beginnt: »Eins, zwei, ... nicht genug«, resümiert er. Ganz beiläufig werden hier die Grundlagen für mathematisches Denken geschaffen.

Mehr Gespräche mit Eltern

Als alles zusammen gestellt ist, geht es zurück in die Gruppe, wo das Obst geschnitten wird. Mit den Kindern. Der fünfjährige Tim hat allerdings keine Lust, möchte lieber im Nebenraum mit seinem Freund spielen, der damit schon fertig ist. »Du willst Deine Bananen nicht schneiden? Und was willst Du dann essen?«, fragt Schmidt. Etwas widerwillig setzt sich der Junge an den Tisch und beginnt. Genau wie er, müssen alle anderen ran. Und das hat seine Gründe: »Sie sollen lernen, dass Mahlzeiten nicht von selbst auf den Tisch kommen«, erklärt Schmidt. Zudem fördert der Umgang mit dem Messer Feinmotorik, Koordination und Selbständigkeit. Daran hapert es heute bei vielen Kindern, weiß die Erzieherin. Zum einen, weil sie von ihren Eltern mehr abgenommen bekommen als früher. Zum anderen, weil sie sich nicht mehr so frei entfalten können.

Vieles braucht Zeit

Die Tür geht auf. Der vierjährige Lenn will sich nicht von seinem Vater trennen und schreit aus Leibeskräften. Schmidt nimmt ihn auf den Arm, versucht ihn zu beruhigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Jungen, der sich gerade in der Eingewöhnung befindet. »Wollen wir oben mit der Eisenbahn spielen?«, fragt sie. Die beiden steigen die Treppe zur Empore hinauf. Der Junge wird ruhiger und kurz darauf gibt es nur noch ihn, »Frau Schmidt« und die Schienen. Eingewöhnung ist ein wichtiges Thema für die Erzieherinnen, denn sie braucht Zeit. Ebenso wie viele andere Dinge, etwa das Wickeln der Kleinsten, die intensive Betreuung beim Trockenwerden oder verschiedene Dokumentationen, beispielsweise die des Entwicklungsfortschrittes eines jeden Kindes in einer persönlichen Mappe.

Der gesetzliche Rahmen lässt uns zu wenig Zeit. Es ist so, als hätte man ein Rezept für ein Zehn-Gänge-Menü, aber für die Zubereitung nur einen Kochtopf und 20 Euro zur Verfügung

Claudia Sharifi, Kita-Leiterin

Das Problem: Der gesetzliche Rahmen gibt diese Zeit eigentlich nicht her, wie Claudia Sharifi erklärt. »Das Personal ist nach KiföG zu knapp berechnet«, sagt die erfahrene Erzieherin, die seit 1998 Leiterin der katholischen Kindertagesstätte ist. »Es ist so, als hätte man ein Rezept für ein Zehn-Gänge-Menü, aber für die Zubereitung nur einen Kochtopf und 20 Euro zur Verfügung«, kritisiert sie. Zeiten für Vor- und Nachbereitung würden gar nicht berücksichtigt, seien freiwillige Leistungen des Trägers.

9.27 Uhr. Zeit zum Aufräumen. Ein paar Minuten später sind Scheren, Stifte, Kleber und Tonpapier im Schrank, Fahrgeräte in der Garage, Puppen in ihren Bettchen verschwunden und - auch das haben einige Kinder selbst gemacht - die Frühstückstische gedeckt. In einer langen Reihe geht es Lieder singend in den Turn-, dann in den Waschraum, wo jede Erzieherin zehn Hände mehr gebrauchen könnte. »Frau Schmidt, ich bin fertig«, ruft Ella. »Frau Schmidt, hier kommt keine Seife raus«, beklagt Lisa, und Lenn hat ein Problem mit der Toilettenspülung. Die 41-Jährige hilft und schaut, dass alle gespült und die Hände gewaschen haben

Vorsicht: Unverträglichkeiten

Kurz darauf sitzen sie auf ihren Stühlen im Gruppenraum: ein kurzes Gebet, Guten-Appetit-Wünsche und 18 Kinder stürmen das Müsli-Buffet. »Halt« ruft Schmidt plötzlich. »Jona, Du darfst doch gar keine Rosinen essen.« Bei den Mahlzeiten ist Vorsicht geboten, weil viele Kinder unter Unverträglichkeiten leiden. »Das kenne ich von früher nicht«, sagt Schmidt, die wie ihre Kolleginnen die besonderen Bedürfnisse und Umstände im Leben der Kinder auf dem Schirm haben muss. Neben Allergien und Krankheiten auch Vorfälle wie der Tod eines Angehörigen oder die Trennung der Eltern.

Und dazu gehört die regelmäßige Kommunikation mit den Erziehungsberechtigten, die heute viel mehr Raum als früher einnimmt. »Wir müssen Mütter und Väter intensiv begleiten«, sagt Schmidt und nennt Hausbesuche vor der Eingewöhnung, Erst- und Jahresgespräche neben dem alltäglichen Austausch als Beispiele. Denn Eltern schauen heute viel genauer hin als früher, ebenso wie Gesellschaft und Politik. Stichwort: hessischer Bildungs- und Erziehungsplan, der zwar für Kindergärten nicht verpflichtend ist, das pädagogische Arbeiten danach von Behördenseite aber eingefordert wird, wie die Kita-Leiterin erklärt. »Der Fokus ist heute ein anderer«, bestätigt sie.

Trost spenden

10.36 Uhr. Das Müsli ist verputzt. Tische werden abgeräumt, Schuhe und Jacken angezogen, der Hof gestürmt. Kaum draußen, ist Daniela Schmidt schon wieder gefordert. Nach einer Laufrad-Bobbycar-Kollision weint ein Kind bitterlich. »Ihr dürft hier nicht so schnell fahren«, erklärt Schmidt, während sie Jona auf den Arm nimmt und versucht, die Tragweite des Vorfalls zu ergründen. Zum Glück ist nichts passiert, das nicht mit gutem Zureden, Taschentüchern und einem Kühlakku zu beheben wäre. Nach der Hofzeit steht Theater auf dem Programm, denn Leticia hat Geburtstag.

Dann ist Mittag, und während die einen mit Annett Meindl zum Essen gehen, warten die anderen draußen auf Eltern, Oma oder Opa. Daniela Schmidt macht Mittagspause.

Niemand schaut auf die Uhr

13.32 Uhr, die beiden sitzen wieder zusammen. Vorbereitungszeit. Heißt konkret: Themen, Alltagsabläufe oder Probleme von Kindern besprechen. Nebenbei wird die Jahrespraktikantin angeleitet. Nach anderthalb Stunden sind die drei fertig, 30 Minuten später als geplant. Aber hier schaut niemand auf die Uhr. Die Erzieherin in spe bleibt, gemeinsam mit Leiterin Sharifi, bis zum Schluss. An diesem Tag um 16.23 Uhr, als das letzte Kind die Einrichtung verlässt. Daniela Schmidt hat längst Feierabend. Wieder mal nach einem anstrengenden Tag. Sie liebt ihren Job, möchte keinen anderen machen. Dennoch sagt sie: »Das Schönste ist, wenn ich nach Hause komme und es nicht mehr dauernd heißt Frau Schmidt, sondern Mama.«

Die Namen der Kinder wurden geändert.

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