Achtsamkeit

Ist Achtsamkeit eine Masche?

Die Biebertalerin Kerstin Markovic hat den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Sie ist nun Trainerin für Achtsamkeit. Ist das mehr als nur ein Modewort?
13. Juni 2018, 13:00 Uhr
Foto: Fotolia (contrastwerkstatt)

Kerstin Markovics Lächeln ist stärker als jede Umarmung. Die Biebertalerin heißt im Café des Gesundheitszentrums Lahnpark-Vital in Lollar willkommen, wo sie bisweilen Seminare für Eltern gibt – in Achtsamkeit. Die 41-Jährige bietet auch in Unternehmen und bei gemeinnützigen Einrichtungen Kurse an. Dafür hat sie das Startup »Mindtensive« gegründet – »ein Einfrauunternehmen«, wie sie sagt. Während man ihr gegenüber Platz genommen hat, fragt man sich plötzlich: Sitze ich eigentlich achtsam? Was genau ist Achtsamkeit? Und wozu braucht man das?

Frau Markovic, Sie lehren Achtsamkeit. Haben sie darin heute selbst schon trainiert?

Kerstin Markovic: Das versuche ich an fast allen Tagen für mindestens eine Viertelstunde – aber es gibt auch Tage, an denen ich es nicht schaffe, mir die geplante Zeit zu nehmen. Da fällt mir ein Spruch ein. Nimm dir jeden Tag eine Viertelstunde für dich. Außer an den Tagen, an denen du keine Zeit hast – da nimm dir eine halbe Stunde.

Kerstin Markovic (Foto: srs)
Kerstin Markovic (Foto: srs)

Wozu brauche ich ein Achtsamkeitstraining?

Markovic: Brauchen? Das ist vielleicht das falsche Wort. Es geht darum, einen Gegenpol zu haben. Dass ich bewusst rauskomme aus dem ewigen Tun, aus meinem persönlichen Hamsterrad. Achtsamkeit ist ein Ausgleich in unserer reizüberfluteten, immer mehr digitalisierten Welt – ich glaube, da gibt es eine große Sehnsucht bei vielen. Smartphones zum Beispiel kosten uns enorm viel Energie, wenn wir alle zehn Minuten drauf gucken.

In Ihren Übungen geht es zum Teil auch darum, nur zu sitzen, zu atmen und nichts zu tun.

Markovic: Ja – und das ist anfangs gar nicht so einfach. Wenn ich einfach nur so dasitze bemerke ich zum Beispiel auf einmal die vielen Gedanken, die mir ständig durch den Kopf schwirren.

Ist Achtsamkeit esoterisch oder religiös?

Markovic: Nein, mein Training ist weltanschaulich völlig neutral. Es geht darum, mich selbst wahrzunehmen und zu reflektieren. Eigentlich ganz simpel.

Wenn Achtsamkeit so simpel ist: Wozu ist dann ein Training erforderlich – oder ist es nur eine Masche?

Markovic: Versuchen Sie mal, selbständig ein achtsameres Leben zu führen. Allein ändern wir unsere Gewohnheiten nicht so schnell, in der Gruppe ist es einfacher.

Sie haben im Herbst 2016 den Schritt in die Selbständigkeit gewagt – nach zwölf Jahren in der Personalentwicklung von Ikea. Sie haben dort von einem Tag auf den anderen gekündigt. Warum?

Markovic: Ich hatte das Gefühl, ich will noch etwas anderes machen. Nach dem Psychologiestudium bin ich in die Wirtschaft und war über Jahre im Hamsterrad – erst nur arbeiten, später dann die tyische »Working Mum«. Training war bei Ikea schon mein Steckenpferd, eine Kollegin dort hat mir den Floh der Achtsamkeit in den Kopf gesetzt. Nach einem Kongress in Köln war klar: Das ist mein Ding. Danach ging es schnell. Nach einer einjährigen Weiterbildung habe ich mir beim Finanzamt eine Steuernummer geben lassen und habe meine Homepage eingerichtet. Und über Kontakte habe ich erste Trainings angeboten.

Sie bieten Achtsamkeitskurse auch speziell für Eltern an. Warum?

Markovic: Das ist eine Herzensangelegenheit. Ich bin ja Mutter von drei Jungs. Wenn wir im hektischem Alltag unter Stress agieren, reagieren wir häufig ohne nachzudenken, motzen zum Beispiel mit unseren Kinder, obwohl wir uns eigentlich um sie sorgen. Durch das Achtsamkeitstraing lerne ich, genauer hinzuschauen, was gerade wirklich mit mir passiert, welche Gefühle, Gedanken oder Körperempfindungen da sind und kann meine Reaktionen so viel bewusster wählen. In meinem Training für Eltern gibt es eine klassische Übung aus der Achtsamkeit: Die Teilnehmer sollen sich zehn Minuten lang eine Rosine anschauen und sie probieren, als hätten sie noch nie eine in der Hand oder im Mund gehabt. Viele sind hinterher erstaunt, wie differenziert sie die Rosine wahrgenommen haben. Den Eltern rate ich: Schaut euer Kind dreimal am Tag an, als wäre es solch eine Rosine, als hättet ihr es noch nie gesehen – um es neu zu entdecken.

Meine Kinder liebe ich. Aber Achtsamkeit im Büro fällt dann doch schwerer.

Markovic: Menschen, die wir am meisten lieben, können uns am meisten stressen. Aber auch im Büro hilft es, einfach mal fünf Minuten zu atmen und meinen Körper bewusst wahrzunehmen. Hinterher kann ich dann meist viel effizienter arbeiten.

Ist Achtsamkeit im Arbeitsleben überhaupt durchsetzbar? Unternehmen sind vor allem auf Effizienzsteigerung aus.

Markovic: Als achtsamer Arbeitnehmer kann ich mich selbst besser managen – und erkenne zum Beispiel rechtzeitig, wenn es mir zuviel wird. Ich bin überzeugt: Je größer die Achtsamkeit, umso geringer der Krankenstand im Büro. Auch die Kommunikation untereinander verbessert sich häufig, wenn die Kollegen in Achtsamkeit geschult sind.

Kritisch könnte man sagen, dass Achtsamkeit eine Spielart der Selbstoptimierung ist.

Markovic: Ich glaube auch, dass das Konzept missbraucht werden kann. Wer sich aber wirklich mit Achtsamkeit beschäftigt, merkt schnell: Es geht nicht um Selbstoptimierung. Sondern um Selbstwahrnehmung, Präsenz und letzlich Selbstfürsorge.

Info

Einstieg in drei Minuten

Für den Einstieg in die Achtsamkeit empfiehlt Kerstin Markovic, sich drei Minuten Zeit nehmen. »Schließen Sie die Augen und spüren Sie, wie Sie sitzen.« Es gelte, den Körper wahrzunehmen – und die Aufmerksamkeit auf die Gedanken zu richten. »Dann achten Sie auf die Gefühle.« Anschließend, rät Markovic: »Spüren Sie, wie Sie ein- und ausatmen.« Ganz am Ende könne man sich für einen Augenblick noch einmal komplett spüren. »Ein Moment, in dem man nichts tun und erledigen muss.« Weitere Infos zu ihrem Training unter www.mindtensive.de. Am 10. August lädt sie um 19 Uhr im Lahnpark-Vital in Lollar zu einer kostenlosen Info-Veranstaltung über ihr Training speziell für Eltern ein.

(Fotos: srs/Fotolia/contrastwerkstatt)

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