16. August 2018, 18:15 Uhr

Hans Karpenstein

»Ich bin bewegungssüchtig«

Der renommierte Verwaltungsrechtler, engagierte Naturschützer und erfahrene Kommunalpolitiker Hans Karpenstein aus Wißmar feiert 70. Geburtstag. Ein Ortstermin im Erlental.
16. August 2018, 18:15 Uhr
Hans Karpenstein. (Foto: so)

Das Auto kommt gerade am Ende der kleinen Siedlung im Erlental zum Stehen, da geht kräftiges Gebell los. Zwei imposante Riesenschauzer schlagen in der Hofeinfahrt an, kommen zum Tor. »Jetzt will ich mal sehen, ob der Journalist einen Arsch in der Hose hat«, ruft es amüsiert aus dem Garten. Keine Bange: Er hat…

Outdoorhose, offenes Hemd, lächelnde und hellwache Augen, die Pfeife qualmt. Hans Karpenstein empfängt bei sich daheim, im früheren Forsthaus von Wißmar. Wenn man von außen draufschaut, sieht man einen Menschen, der immens viel gemacht hat – und der immer noch viel macht. Und zwar mehr als viele, die ebenfalls vom Alter her im Ruhestand sein könnten. Hans Karpenstein wirkt in sich ruhend, ist mit sich im Reinen – aber nicht immer mit der Welt.

*

Herr Karpenstein, was treibt Sie an?

Hans Karpenstein: Ich bin von Natur aus bewegungssüchtig, und zwar in vielerlei Hinsicht. Im Kopf und mit den Füßen. Aber seit ich Rentner bin, bin ich viel mehr im Vogelsberg unterwegs. Und vormittags gehe ich noch ins Büro. Ich will das so.

Also immer noch Politik, Ehrenamt und Arbeit von frühmorgens bis spätabends?

Karpenstein: Sie kennen das doch: Ein Vereinsvorsitzender hat immer ein schlechtes Gewissen. Weil er glaubt, er tut nicht genug. Ich bin seit einigen Jahren Vorsitzender des Fördervereins für das Naturschutzzentrum Hessen in Wetzlar. Der Förderverein bindet etwa 10 Prozent meiner Zeit, 15 Prozent gehen für die Kommunalpolitik drauf, 15 Prozent für praktischen Naturschutz, 50 Prozent sind beruflich.

Und Zeit für die Familie?

Karpenstein: Was für die Familie bleibt? Rechnen Sie doch nach… Halt! Das stimmt so natürlich nicht. Vom Stellenwert her ist Familie in meinem Leben immer das Wichtigste. Wir haben 1992 ein Kind verloren, unser Sohn Max starb im Alter von 13 Jahren. Das war ein großer Schlag. Aber wir haben eine lebenstüchtige Tochter großgezogen. Und wenn mein Enkel am Wochenende kommt, dann klettere ich mit ihm in den Bach. Wir machen Gewässergütebestimmungen.

*

Hans Karpenstein kommt leicht ins Philosophieren, wenn er über Wald und Biodiversität spricht, wenn es um die Tierwelt geht. Nicht von ungefähr hat er sich dieser Tage erst wieder bereit erklärt, Kommunalpolitiker bei einer kleinen Exkursion durch den Wißmarer Forst fachlich zu begleiten. Am Tag nach seinem 70. Geburtstag übrigens.

*

Ist jetzt Zeit für einen Rückblick?

Karpenstein: Sie wollen jetzt, dass ich ein Resümee meiner Lebenszeit ziehe?

Nur zu!

Karpenstein: Es ist schön. Aber es ist auch spürbar, dass die Kräfte weniger werden. Wenn ich mit meinen Hunden unterwegs bin, kann ich nicht mehr so lange joggen, ich muss »stöckeln«. Ich werde 70, das stimmt wirklich. Auch wenn ich mit Rauchen und Trinken versucht habe, es nicht so weit kommen zu lassen…(Karpenstein lacht, lässt seinen ganz eigenen Humor aufblitzen )... Vergangenes Jahr hatte ich einen Warnschuss. Aber es ist soweit wohl alles okay.

Sie sind noch immer Gemeindevertreter – und machen dies im Ehrenamt seit bald 40 Jahren. Warum?

Karpenstein: Weil man hier auf kommunaler Ebene etwas bewegen kann. Ich bin bereits mit 31 Jahren Parlamentsvorsitzender geworden. Anfang 1980 war das, in der damals nach der Stadt Lahn neu gewählten Gemeindevertretung Wettenberg.

Jetzt sitzen Sie in der dritten Reihe. Warum?

Karpenstein: Warum ich das Amt aufgegeben habe? Da gab es eine Reihe von Faktoren: Andere wollten auch, es gab personelle Verschiebungen und Veränderungen. Unterm Strich kann ich sagen: 34 Jahre Vorsitz sind genug. Ich bin jetzt aus der Pflicht. Und das ist auch gut so. Sitzungsleitung bedeutet, immer hoch konzentriert zu sein. Und von der Arbeit her waren es harte, aber schöne Zeiten, mit einem unglaublich engagierten Bürgermeister…

...den Sie seinerzeit ins Amt geholt haben?

Karpenstein: An einem Donnerstagabend Ende November 1985 war Günter Feußner von der Kreis-SPD für das Amt des hauptamtlichen Ersten Kreisbeigeordneten vorgeschlagen worden. Am Freitag stand das in der Zeitung, und am Samstagmorgen sind Hubert Hauke, Günter Feußner und ich zu dem damals 42-jährigen Gerhard Schmidt gegangen und haben gesagt: »Du bist unser Wunschkandidat für das Bürgermeister-Amt. Wir erwarten bis Sonntagabend eine Antwort.« Der Rest ist bekannt.

Es gab über viele Jahre ein Führungstrio in der Wettenberger SPD, die zudem mit absoluter Mehrheit ausgestattet war…

Karpenstein: Ich habe mich bewusst nie politisch außerhalb der Gemeinde engagiert; war nie im Kreistag. Ich bin Rechtsanwalt und kein Berufspolitiker. Aber es stimmt: Es war stets eine vollständige Harmonie zwischen Gerhard Schmidt, Dietmar Kleiner (seinerzeit 1. Beigeordneter, Anm. der Redaktion) und mir. Deshalb waren auch die schwierigen Zeiten mit Anstand zu meistern. Sie erinnern sich an die Golden-Oldies-Steuer-Geschichte? Als man Gerhard Schmidt Steuerbetrug vorgeworfen hat in der Frage, ob das Festival eine kulturelle oder kommerzielle Veranstaltung ist? Da wurde einer der redlichsten Männer, den ich kenne, durch den Dreck gezogen – das war schrecklich. Gerhard und ich haben immer noch ein sehr gutes Verhältnis. Wir sehen uns leider zu wenig. Der Gerhard ist dafür zu viel unterwegs.

Lassen Sie uns bitte über Ihre Arbeit reden – als Verwaltungsrechtler, als Windkraft-Befürworter.

Karpenstein: Ich habe mich beruflich all die Jahre gut entwickelt. Das große Büro, die Kanzlei Kleymann, Karpenstein und Partner in Wetzlar, das war wie mein Kind. Aber nachdem ich mich aus der Geschäftsführung zurückgezogen hatte, bin ich wenig später auch raus. Ich habe mich mit 62 Jahren nochmals selbstständig gemacht.

Warum das?

Karpenstein: Weil ich eigentlich ein Gemeinschaftsmensch bin. Zuerst war ich ganz allein, hatte ein kleines Büro in Staufenberg angemietet. Bald danach ging ich zusammen mit Christoph Nübel und Fabio Longo. Wir sind heute das Rechtsanwaltsbüro KLN. Als die beiden jungen Leute mich fragten: »Komm, alter Mann. Mach mit uns noch einmal was Neues…«, da habe ich mich nicht lange geziert. Wichtig waren mir zwei Dinge: Ich wollte einen Anschluss an den Gießener Ring, und dass ich im Büro rauchen darf. Dabei hatte ich gewaltig Schiss vor dem Neustart. Ich war da immerhin schon 64. Mit dem Alter wird man ängstlicher. Jetzt bin ich froh, dass ich noch mit den zwei Jungs arbeiten darf. Und die Freiheit habe, gelegentlich nur halbe Tage im Büro zu sein.

*

Auf dem Tisch in der Küche liegt die Frankfurter Rundschau, daneben Lokalzeitungen sowie ein Ascher. Dazu die »Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts« von Golo Mann.

*

Sind Sie ein Zeitungs-Mensch?

Karpenstein: Ich lese viel. Tageszeitungen – print und online. Die Gießener Lokalzeitungen, den »Freitag«, die »Rundschau«, dazu schaue ich täglich auf »Spiegel Online«. Fernsehen? Null Prozent. Print und online. Und seit ich Rentner bin, bin ich wieder viel mit dem Fernglas und den Hunden im Vogelsberg unterwegs. Zum Wandern in Grebenhain, in Obermoos, in Bermutshain. Sie wissen, dass ich aus Grebenhain stamme, dass ich in Lauterbach mein Abitur gemacht habe? Wegen meines Berufs habe ich viel mit den Vogelsberg-Bürgermeistern zusammengearbeitet und habe sie in Sachen Windkraft beraten. Ganz tolle Kerle übrigens.

Und der Golo Mann?

Karpenstein: Lese ich jetzt. Das bekam seinerzeit jeder Abiturient geschenkt. Sagt jedenfalls meine Frau. Als Lehrerin weiß sie so etwas. Die »Deutsche Geschichte...« hat 50 Jahre bei mir im Regal gestanden. Jetzt habe ich Zeit dafür. Eine tolle Sprache übrigens.

Ihre Familie und Ihr Haus, das frühere Forsthaus im Wißmarer Erlental, verbindet ein besonders Schicksal, richtig?

Karpenstein: Das Haus. Ich habe das Ding damals gekauft, ich wollte nichts anderes, als ein Nest zu bauen für meine junge Familie. Und dann kracht wenige Tage vor dem Notartermin ein Düsenjet rein. Ich kaufte also die Ruine, nachdem die Stadt Lahn die Schadensersatzansprüche an mich abgetreten hatte. Dann haben wir das Haus 1980/81 wieder aufgebaut.

Stimmt es, dass auch Reinhard Mey Interesse am Forsthaus hatte?

Karpenstein: Das war das, was die Stadt Lahn damals als Verkäufer sagte. Er war wohl bei seinem Freund, dem Liedermacher Fredrik Vahle in Salzböden zu Gast gewesen und hatte das Forsthaus entdeckt. Habe ich aber auch nur gehört. Bis zum Kauf hat es vier Jahre gedauert. Und es hat mich damals 20 000 Mark mehr gekostet. Beim Bieterverfahren hat eine Musikagentur immer 10 000 Mark höher geboten, und ich habe immer etwas draufgelegt. Es waren anfänglich 50 Interessenten. Zumindest auf dem Papier. Ich kniff also den A… zusammen und bot 1000 mehr. Ich hatte als junger Anwalt ja nichts auf der Naht. Die Finanzierung war schwierig. Ich war fremd hier, ich war jung, hatte nichts als eine Beamtin auf Lebenszeit zur Frau. So klappte dann die Finanzierung mit der Volksbank Gleiberger Land. Leben hat auch immer etwas mit Vertrauen zu tun.

Das Stichwort »Vertrauen« greift Hans Karpenstein beim Abschied am Hoftor nochmals auf.

Karpenstein: Ich vertraue den Menschen. Aber wer mich enttäuscht, mit dem rede ich nicht mehr. Das ist dann vorbei.

Sagt er nachdenklich und blickt auf seinen Škoda Diesel. Karpensteins nächstes Auto kommt jedenfalls nicht mehr aus dem VW-Konzern. (Foto: m)

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