31. August 2018, 13:00 Uhr

Mr. Flugplatz

Horst Stegmann gehört auch mit 90 noch fest zum Pohlheimer Flugplatz

Wenn es etwas auf dem Flugplatz in Watzenborn-Steinberg zu tun gibt, ist er sofort zur Stelle: Horst Stegmann. Erst vor Kurzem griff er etwa zur Kettensäge, um Teile des kaputten Hallendachs zu zerkleinern. Heute feiert er seinen 90. Geburtstag.
31. August 2018, 13:00 Uhr
Zum 75. Geburtstag schenkten ihm die Flieger einen Rundflug mit der Focke-Wulf »Stieglietz«. (Archivfoto: Henß)

Den Apfelkuchen müssen sie probieren!« Voller Stolz serviert Horst Stegmann auf dem Balkon seines Hauses ein Stück Streuselkuchen. Der Teig zergeht zart auf der Zunge, die Mischung ist perfekt. »Den habe ich gestern selbst gebacken«, sagt der 90-Jährige. Am Segelflugplatz hat er über Jahre hinweg für den Verein auch selbst gemachte Kuchen verkauft. Dabei bekam er auch schon mal zu hören, dass man an Kuchen nichts verdienen könne. »Am Kuchen vielleicht nicht – aber am Kaffee«, schmunzelt der Senior. Den Blick fürs Ganze – er ist Stegmann nicht verloren gegangen. Vielleicht auch, weil es über Jahre hinweg sein Beruf war: Für das Finanzamt war er von 1963 bis 1991 in der Werkstatt und der Einheitsbewertung tätig.

Mit 15 schon Pilotenschein

Am 31. August 1928 wurde Stegmann in Kammerforst in Thüringen geboren. Die kaufmännische Ausbildung hat Stegmann 1942 begonnen. Da war er gerade 14. Im selben Jahr wie seine Lehrlingszeit begann er mit dem Segelfliegen. In Mittelsdorf (Rhön) hob er zum ersten Mal ab, zwei Jahre später legte er die Prüfung ab. »Da war ich mit 15 Jahren und 10 Monaten der jüngste C-Pilot.«

Stegmann wurde zum Kriegshilfsdienst eingezogen, sollte zur Luftabwehr gehen. Zuletzt wurde er in Merkers zusammen mit zwei 17-Jährigen als Flakschutz gegen Tiefflieger eingesetzt. »Man sagte uns, im Schacht würde die V2 gelagert. In Wirklichkeit hatten die Bonzen ihr Vermögen und die Deutsche Reichsbank die Goldreserven eingelagert«, sagt er. Stegmann wurde leicht verwundet und kam auf Heimaturlaub. »Das war mein Glück: Am 3. April haben die Amerikaner Eisenach besetzt.« Danach war es für ihn ein Tabu, eine Uniform zu tragen. Ein Angebot, bei der Volkspolizei zu arbeiten, lehnte er deshalb ab.

 

Umzug nach Pohlheim

Stattdessen arbeitete er zunächst in der Land- und Forstwirtschaft, lernte dann noch das Zimmermannshandwerk. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen. Diese brachte eine achtjährige Tochter mit. Der Vater war im Krieg mit dem Flugzeug abgeschossen worden. Stegmann zog sie wie sein eigenes Kind groß und kümmert sich heute – die Tochter sitzt seit acht Jahren im Rollstuhl – noch immer um sie.

Das Paar zog 1955 in die Bundesrepublik um. Nach einigen Zwischenstationen wurde ein Haus in Watzenborn-Steinberg gebaut. Stegmann arbeitete als Handwerker, später dann beim Finanzamt. Am 19. Dezember 1991 verstarb seine Lebensgefährtin.

Als helfende Hand eingesprungen

Im selben Jahr ging er dann einmal oben am Segelflugplatz vorbei. Da war es weit über 55 Jahre her, dass er selbst am Steuer eines Fliegers gesessen hatte. Ihm fiel auf, dass an einer der Hallen das Dach defekt war. Er traf Reinhold Happel, sprach ihn auf den Schaden an. Dieser sagte: »Wir haben niemanden, der es macht.«

Ab diesem Moment hatten sie jemanden. Horst Stegmann mähte über Jahrzehnte den Rasen des Flugfeldes. Als die neue Halle gebaut wurde, hat er die Eisenarmierung für die Pfeiler selbst gebunden, zigtausende Stunden seitdem auf dem Areal des Flugplatzes verbracht. Erst vor wenigen Monaten, als das nach einem Sturm schwerbeschädigte Dach der Halle durch ein neues ersetzt wurde und die alten Holznagelbinder zerkleinert werden mussten, griff er mit 89 Jahren zur Kettensäge und kümmerte sich darum. Außerdem ist er im Notfall als Startleiter im Einsatz. »Wenn was zu arbeiten ist, bin ich da.«

Flugzeug trägt seine Initialen

Der Verein weiß, was er an seinem Hallen- und Schlüsselverwalter hat. Zum 75. Geburtstag schenkten ihm die Flieger darum einen Flug mit einer Focke-Wulf »Stieglitz«, Baujahr 1937. Stegmann kann sich an den Rundflug noch gut erinnern, »aber die ist sehr laut«. Außerdem trägt ein Hochleistungssegler des Vereins als Kennung seine Initialen. Die Ernennungsurkunde zum Ehrenmitglied hat im Wohnzimmer einen Ehrenplatz.

Besonders freut den 90-Jährigen, dass er seinen Enkel Michael ebenfalls für die Fliegerei begeistern konnte. Im Familienalbum gibt es gleich mehrere Seiten mit Bildern von der Feier zum Pilotenschein. Wenn der 90-Jährige nicht gerade in Kärnten ist – bereits 77-mal hat er dort seinen Urlaub verbracht –, ist er auch sonst gerne auf Flugplätzen zu Gast. »Fliegen ist immer eine eingeschworene Gemeinschaft«, sagt er. »Egal, ob ich hier oder in Klagenfurt auf den Platz komme – ich bin da daheim.«

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