27. Juli 2018, 05:05 Uhr

Äppelwoi

Hitze macht den Obstbäumen zu schaffen – Klimawandel gefährdet »Stöffche«

Die Trockenheit im Landkreis macht den Apfelbäumen zu schaffen. Im Lindener Lehrgarten sind die Spuren deutlich zu erkennen: Die Blätter rollen sich, die Früchte fallen ab.
27. Juli 2018, 05:05 Uhr

Wenn ein Mensch Durst hat, holt er sich ein Glas Wasser und trinkt. Ein Obstbaum kann das nicht so leicht: Er ist darauf angewiesen, dass er mit seinen Wurzeln an genügend Wasser heran kommt. Normalerweise funktioniert das auch sehr gut. Doch die anhaltende Hitze und Dürre bringen die heimischen Obstbäume nun in Bedrängnis.

Im Lehrgarten des Obst- und Gartenbauvereins Linden kann man die Folgen deutlich beobachten. Gärtnermeister und Lehrgartenbeauftragter Reinhard Ackermann steht neben einem kleinen Apfelbaum. Seit vier Jahren wächst er hier in Linden. Die Blätter sind grün, auf dem ersten Blick scheint alles in Ordnung. Doch der Experte sieht, dass sie sich einzurollen beginnen. »Der Baum will sich so schützen«, sagt Ackermann. Denn je weniger Blattfläche er hat, desto weniger Wasser verdunstet. Im gesamten Lehrgarten kann man dies an den Blättern beobachten.

 

25 Liter Wasser für junge Bäume

 

Und das, obwohl es den Bäumen hier noch sehr gut geht. Denn zweimal pro Woche kommt ein Vereinsmitglied mit dem Gartenschlauch vorbei und wässert. Auf zwei Durchgänge verteilt kriegt jeder der jungen Bäume gut 20 bis 25 Liter Wasser. Die Kindergruppe des Vereins hatte erst im Frühjahr neue Pflanzen gesetzt: Ein Gingko, ein Mammutbaum, aber auch die weiße Maulbeere und die japanische Weinbeere zieren seitdem den Lehrgarten. »Ohne gießen hätten die aber keine Chance«, sagt Hans-Dieter Leschhorn vom OGV-Vorstand. In der Regel wässert man junge Bäume nach dem Setzen gut ein bis anderthalb Jahre lang. Ackermann und das Gießteam versorgen aber auch die Vierjährigen noch mit Wasser, um den Stress für sie zu reduzieren. »Die sind noch nicht so gut durchgewurzelt, dass man sie sich selbst überlassen kann.«

Die Blätter der Bäume rollen sich aufgrund von Hitze und Trockenheit.
Die Blätter der Bäume rollen sich aufgrund von Hitze und Trockenheit.

Ausgewachsene Bäume lassen sich kaum gießen

 

Während die jungen Bäume noch gegossen werden, ist dies bei den ausgewachsenen Halb- und Hochstammbäumen kaum möglich. »Dann müsste man 200 bis 300 Liter rund um den Stamm verteilen, damit das was bringt«, sagt Ackermann. Denn der umliegende trockene Boden zieht das Wasser weg. Darum kommt nur ein Teil dessen, was man oben drauf gießt, bei den Wurzeln im Erdreich an.

Die großen Obstbäume fangen mittlerweile an, auf Notprogramm zu schalten: Ein Teil des Obstes wird abgeworfen. Dass im Juni einige unreife Äpfel vom Baum fallen, ist normal. Doch dieses Jahr hängen die Bäume vielerorts brechend voll, sind die Äpfel schon recht weit ausgewachsen. Mittlerweile kann der Baum aber nicht mehr alle Früchte mit Wasser versorgen. Um selbst zu überleben, schmeißt er sie darum nach und nach ab. Die Lindener Obstbauer betrachten dies mittlerweile mit Sorgen – schließlich braucht man noch genug Früchte, um am 29. September beim Mostfest Schaukeltern zu können.

 

Rote Äpfel sind noch nicht reif

 

Übrigens: Auch wenn die Äpfel, die jetzt unterm Baum liegen, teils schon eine rote Seite haben – reif sind sie nicht. Denn durch die viele Sonne ist nur eine Stelle vorzeitig rot geworden – die restliche Frucht schmeckt hingegen noch erbärmlich. Ausnahmen bilden hier nur Sorten, die bereits im August erntefähig sind, beispielsweise Klaräpfel.

Die Äpfel werden durch den vielen Sonnenschrein rot, obwohl sie noch nicht reif sind.
Die Äpfel werden durch den vielen Sonnenschrein rot, obwohl sie noch nicht reif sind.

Während sich die Lage bei den Äpfeln dramatisch zuspitzt, sieht es bei Zwetschgen und Mirabellen recht gut ist. Die Früchte sind kurz vor der Ernte, viele schon süß und lecker. Da haben die Obstbauer nun eher die Sorge, dass über Nacht Diebe vorbeikommen und die Bäume plündern. In Linden im Lehrgarten ist dies schon mehrfach passiert. »Wenn ein Vereinsmitglied sagt, dass es Früchte holen will, ist das okay«, sagt Leschhorn. »Aber die kommen heimlich, holen die schönsten Früchte und reißen noch die Äste herunter.«

Ein weiteres Sorgenkind sind die Hochbeete des Vereins. Diesen setzt die Hitze besonders zu. Auch die Blumenkästen wären ohne regelmäßigen Besuch mit der Gießkanne schon längst vertrocknet. Ackermann rechnet damit, dass dieses Jahr die Blumenpracht auf den Balkonen schneller als sonst vergangenen sein wird. Denn was für den Menschen gilt, trifft auch auf die Pflanze zu: Stress macht schneller alt und anfällig für Krankheiten. Und die Wasserknappheit ist für die Fauna ein enormer Stressfaktor.

 

Klimawandel gefährdet Stöffche

 

Darum betrachten die Lindener Obstbauer den Klimawandel auch mit großen Sorgen. Wenn sich über Jahre solch trockene Sommer wiederholen, leiden die Bäume, sterben Teile und schließlich ganze Pflanzen ab. Um auch noch in Zukunft »Stöffche« keltern zu können, denkt man bereits über Apfelsorten nach, welche hohe Temperaturen besser verkraften und mit weniger Wasser auskommen. Welche davon schließlich den Weg in den Lehrgarten finden und sich auf heimischen Streuobstwiesen auch bewähren werden, steht noch nicht fest.

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