16. Januar 2019, 22:23 Uhr

Historische Fake-Fotos

16. Januar 2019, 22:23 Uhr

Die Leidenschaft Dr. Werner Schmidts ist das Sammeln von Ansichtskarten aus vergangenen Zeiten. Rund 4000 bebilderte Karten mit Fotos und Lithografien hat er inzwischen. Aber nicht immer bilden die meist bunten Karten den realen Blick auf das abgebildete ab, wie es sich den damaligen Zeitgenossen bot. Bei seinem reichlich bebilderten Vortrag bei der Fotogruppe Hausen zeigte er unter dem Titel »Gießener Fotoansichten – spiegeln sie die Ansicht von Gießen wieder?« Beispiele manipulierter Bilder.

Die Aufnahmen stammen aus den Jahren von 1892 bis 1965. Aus ästhetischen, werbetechnischen oder aus politischen Gründen verschwanden auf diesen Dinge oder wurden hinzugefügt, wie Schmidt den 60 Gästen erklärte. Er ging auf die Postkarte als damals viel genutztes günstiges Kommunikations- und Werbemittel ein. Die Darstellung von für die Menschen wichtigen Orten des alltäglichen Lebens, aber auch von historischen Ereignissen war damals wie heute beliebt, sagte Schmidt.

Der Glaube an die objektive Darstellung wurde aber bei ihm als Betrachter beim näheren Vergleich mit Originalbildern teilweise in Frage gestellt. Wenn sich etwa am Selterstor auf Höhe des heutigen Karstadt-Kaufhauses Straßenbahnen auf zwei Gleisen begegneten, mussten Fotonachbearbeiter am Werk gewesen sein. Denn es gab an dieser Stelle nur eine eingleisige Stelle, wie er mit einem anderen Foto belegte.

Hakenkreuze übertüncht

Oder die Lokomotive vor dem Schild »Giessen« am Bahnhof. Beide standen zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht dort, wie der Vergleich mit dem vorliegenden Original verdeutlicht: Die Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz sind dieselben, ein Schild oder eine Lok ist nicht zu versehen. So verschwanden manchmal Dinge und Gebäude oder wurden hinzugefügt, wie es dem Bearbeiter gefiel.

Auch auf Fotos gab es eine »Entnazifizierung«: Nach dem Krieg waren ehemals mit Hakenkreuz geschmückte Fahnen an Häusern auf den späteren Postkarten »ohne« zu sehen oder das Kriegerdenkmal wurde einfach wegretuschiert. Beim ersten Blick sind diese Verfälschungen oft nicht zu erkennen, sagte Schmidt. Er zeigte anhand einer hinzugefügten Straßenbahn die Arbeit der Retuscheure, die in Zeiten der analogen Fotografie noch viel Arbeit damit hatten.

Die gezeigten Postkarten spiegelten trotz dieser gefundenen Eingriffe als Zeitdokumente ein sich ständig veränderndes Stadtbild von der Kaiserzeit über die Kriege mit der erlebten Zerstörung und dem folgenden Wiederaufbau und Wirtschaftswunder wieder. Neben einigen Fragen der Fotoamateure an den Referenten gab es viel Applaus.

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