Obbornhofen

Handwerk anno dazumal

Seit 1982 ist die Obbornhofener Schmiede geschlossen. Jetzt kommt wieder Leben in die Werkstatt. Erhard Schneider lässt den Beruf seiner Vorfahren wieder lebendig werden.
24. April 2017, 18:00 Uhr
Geschick und Erfahrung sind gefragt, wenn der Eisenreifen in der Biegemaschine von Erhard Schneider in Form gebracht wird. (Foto: ti)

Eine alte Werkbank steht in der Ecke, daneben ein handgezimmertes Schraubenregal und ein Küchenschrank von anno dazumal. Alles übervoll mit Werkzeugen, Holzstücken, Metallresten, und vielem mehr. Dazwischen einige altertümliche Maschinen, die an längst vergangene Tage erinnern. Bereits beim Betreten der kleinen Halle ist klar: Hier dreht sich alles um Arbeit. Welcher Art diese ist oder vielmehr war, wird beim Blick auf die gegenüberliegende Seite deutlich: rußverschmierte Wände, zwei von der Decke hängende Blasebalge, drei Essen, säckeweise Kohle. Es ist die alte Obbornhofener Schmiede, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Es wirkt, als wäre hier erst gestern das letzte Eisen aus dem Feuer gekommen. Tatsächlich aber ist dies hier seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr geschehen.

Eigentlich. Denn in den vergangenen beiden Jahren wurde in der Werkstatt das eine oder andere Metall geformt. Von Erhard Schneider, Besitzer des Anwesens in der Untergasse 3. Der Grund: Beim Dorfjubiläum Ende Mai will er an der Wirkungsstätte seines Vaters das Handwerk seiner Vorfahren präsentieren. Gemeinsam mit anderen wird er zeigen, wie Schmied und Wagner früher Leiterwagen flott machten, also Räder bauten und mit Eisen bereiften.

Schon vor Jahren hatte der Obbornhofener die Idee, das in Vergessenheit geratene Handwerk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit dem stehenden Festzug am 28. Mai bot sich der passende Rahmen. Der 65-Jährige machte Nägel mit Köpfen, begeisterte eine Handvoll Freunde beim Tennisclub für sein Vorhaben und zusammen begannen sie vor knapp zwei Jahren mit den Vorbereitungen. Schneiders Part ist dabei der des Schmiedes, wie bereits sein Urgroßvater, Großvater und Vater einer waren. Sein Problem: Als KfZ-Sachverständiger zählen Räder und Reifen zwar zu seinem Metier, und er hat auch noch lebendige Erinnerungen daran, wie heiß es früher beim Bereifen auf dem heimischen Hof zuging. Doch mit Blick auf die tatsächliche Umsetzung fehlte es ihm an Erfahrung. Die ist neben Augenmaß und Geschick allerdings besonders wichtig. Ebenso entscheidend: die gute Zusammenarbeit von Schmied und Wagner. Denn obwohl ein Holzrad mit Eisenbereifung einfach aussieht, ist seine Anfertigung kompliziert. Schneider: »Weder Nagel, noch Bolzen oder Leim halten es zusammen und dennoch trug es früher schwere Lasten.«

Erfahrung hat Schneider mittlerweile gesammelt. Er weiß, nachdem der Wagner – den Job übernimmt bei der Präsentation ein Freund, dessen Großvater den Beruf ausgeübt hatte – Nabe, Speichen und Felgenteile hergestellt hat, beginnt seine Arbeit. Und die sieht folgendermaßen aus: Um die Nabe muss der Familienvater und Opa Eisenbänder aufziehen, bevor der eigentliche Akt der Bereifung beginnt. Die hat er zuvor geschmiedet und auf dem Kegelamboss konisch geklopft.

Was folgt, ist höchste Handwerkskunst. Ein Flacheisen wird auf die richtige Länge, den Umfang eines Wagenrades abzüglich zwei bis drei Zentimeter, abgeschnitten und in der Biegemaschine rund geformt. Letztere, ein altertümlich anmutendes, mit der Hand zu bedienendes Gerät, findet sich an der historischen Wirkungsstätte natürlich ebenso, wie andere notwendige Hilfsmittel von früher. »Die Schmiede ist noch im Originalzustand«, berichtet Schneider stolz und weist gleich auf die erste größere Schwierigkeit im Bereifungsprozess hin: »Nach dem Biegen müssen beide Enden genau aufeinander passen, damit später alles rund läuft.« Ist das gelungen, wird es heiß, denn das Eisen muss ins Feuer und zwar bei 600 bis 800 Grad. »Zwei, drei Mann waren früher dabei in der Schmiede zugange«, erinnert sich Schneider.

»Mit der Zange wurde der Reifen gepackt und so lange durch die mit heißer Kohle gefüllte Esse gedreht, bis das Eisen die gewünschte Temperatur hatte.« Wann diese erreicht war? »Wenn das Metall leicht rot glüht. Man sieht es an der Farbe.«

Dieser Zeitpunkt ist Schneider aus seiner Kindheit noch besonders in Erinnerung. Denn wenn es soweit war, ging auf dem elterlichen Anwesen die Hektik los. Hatte man das Eisen auf die gewünschte Temperatur und damit zur Ausdehnung – »im heißen Zustand ist er zwei bis drei Prozent größer« – gebracht, war Schnelligkeit gefragt: Raus aus der Schmiede, rein in den Hof und rauf mit dem Reifen auf das Rad. Passte alles, waren neben dem Schmied und seinen Helfern Mann und Maus gefordert. »Jeder, der laufen konnte, musste Wasser ranschaffen«, erinnert sich der Obbornhofener. »Meine Mutter, die Großmutter, wir Kinder – alle standen mit Eimern und Schläuchen bereit. Denn erst nach dem Abkühlen saß der Reifen, der sich dadurch wieder zusammenzog, passgenau auf dem Rad.«

Damit beim Fest in fünf Wochen alles glatt läuft, ist in den nächsten Tagen eine Generalprobe geplant, bei der die alte Schmiede schon mal auf Temperatur gebracht wird. Richtig zur Sache geht es, vermutlich unter großem Publikumsaufgebot, dann am letzten Mai-Sonntag. Zwei Vorführungen bieten Schneider und seine Mitstreiter an, eine um 12 Uhr, eine weitere um 15 Uhr.

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