05. September 2018, 05:00 Uhr

Mord in Gonterskirchen

Gonterskirchen: Frau des Ermorderten schildert Taten der Peiniger

Neun Monate ist der tödliche Raubüberfall in Gonterskirchen her. Das überlebende Opfer leidet noch immer an den psychsichen Folgen. Vor Gericht schilderte die Frau, wie die Täter sie traktierten.
05. September 2018, 05:00 Uhr
In diesem Haus in Gonterskirchen fand der Raubmord statt. (Foto: srs)

»Ich existiere, aber ich lebe nicht«, sagt die Zeugin. Panik sei ihr ständiger Begleiter. Am Abend des 28. November 2017 wäre die 60-Jährige fast bei lebendigem Leibe verbrannt. In einem Haus im Laubacher Stadtteil Gonterskirchen. Nach einem Raubüberfall, der für ihren Lebensgefährten mit dem Tod endete.

Seit Anfang August wird der Fall vor dem Gießener Landgericht verhandelt. Fünf Männer müssen sich wegen Mordes verantworten. Am Dienstag sagte die Frau des Todesopfers aus, das mit den Angeklagten Drogengeschäfte gemacht haben soll. Die Spanierin, die auch als Nebenklägerin auftritt, saß während ihrer Befragung allerdings nicht im Gerichtssaal. Sie wurde aus einem anderen Raum per Videoübertragung zugeschaltet.

 

Sechs Monate in Nervenklinik

Einem entsprechenden Antrag ihrer Anwältin gab das Gericht unter Vorsitz von Andreas Wellenkötter statt, befürchtete die »dringende Gefahr eines schwerwiegenden Nachteils«, wenn die Zeugin in Gegenwart der Angeklagten vernommen werde. Offenbar leidet die 60-Jährige seit jenem Abend Ende November an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Sechs Monate lang hat sie in einer Nervenklinik verbracht, befindet sich noch immer in psychiatrischer Behandlung. Von einer möglichen Retraumatisierung war die Rede und davon, dass eine Konfrontation mit den Angeklagten sich in den Augen ihrer Ärzte negativ auf den Genesungsprozess auswirken könnte.

 

Erst mit Alkohol, dann mit Benzin überschüttet

Was die Frau in den letzten Stunden des 28. November erlebte, schilderte sie mit zittriger Stimme, teils unter Tränen. Sie berichtete, wie sie bei der Ankunft in dem Haus Am Heiligenstock von hinten überwältigt und zu Boden gestoßen worden sei: »Ich wollte schreien, aber es kam nichts raus.«

Man hatte ihr den Mund zugehalten. Sie sei geschlagen und getreten, mit Kabelbindern an Händen und Füßen gefesselt, zuerst ins Schlafzimmer, später ins Ess- und Wohnzimmer gebracht worden. »Und immer wieder wurde Flüssigkeit über mich geschüttet.« Alkohol, den einer ihrer Peiniger getrunken habe, und schließlich Benzin.

 

Irgendwann war da nur noch so ein Pfeifen, wie, wenn ein Mensch nicht mehr kann

Frau des Ermordeten

 

Ihren Lebensgefährten, der ebenfalls von den Männern überwältigt worden sei, habe sie nebenan wimmern hören, wenn er einen Schlag oder Tritt abbekam. Und irgendwann »war da nur noch so ein Pfeifen, wie, wenn ein Mensch nicht mehr kann«, so die Zeugin mit tränenerstickter Stimme. »Es war das letzte Lebenszeichen.«

Sechs Männer seien es insgesamt gewesen, allesamt vermummt. Fünf mit schwarzen Kapuzen, einer mit Mütze und Schal. Und sie hätten etwas gesucht. Wonach, ist seit Prozessauftakt bekannt: 100 Kilogramm Marihuana im Wert von einer Viertelmillion Euro – das Motiv für die Tat.

»Wo sind meine Kilos«, habe einer der Männer immer wieder gefragt. Jener, den die Zeugin als »den Belgier« identifizierte. Offenbar hatte sie den Mann bereits zuvor in Spanien getroffen, wo sich die Vorgeschichte der Gewalttat abgespielt hatte. Denn das Todesopfer soll für die Angeklagten als Drogenkurier tätig gewesen und von ihnen verdächtigt worden sein, den Stoff unterschlagen zu haben. »Diese Stimme werde ich niemals vergessen«, so die 60-Jährige.

 

Was wusste die Frau?

Wusste das Opfer von den kriminellen Geschäften ihres Partners? Nein, behauptet sie. »Vielleicht habe ich etwas geahnt. Aber es war mir egal, was er gemacht hat.« Weil offenbar auch eine andere Frau im Spiel gewesen war und die Seniorin ihrem Mann schon lange nichts mehr glaubte, wie sie sagt.

Seine häufige Abwesenheit habe sie sich mit einem Verhältnis erklärt. Erst zwei Tage vor der Tat habe er ihr von den Drogen erzählt. Auf dem Weg von Spanien nach Deutschland, wo das Paar gemeinsam Weihnachten verbringen wollte.

 

Zwei Männer aus der Nachbarschaft retten sie

Der 57-Jährige hat den Überfall nicht überlebt. Und eigentlich sollte auch die 60-Jährige sterben. »Ich habe gesehen, wie sie Feuer gelegt haben«, berichtet sie. »Durch einen Schlitz«, denn man hatte ihr offenbar etwas über den Kopf gezogen. Drei der Männer hätten sie vom Ess- ins Wohnzimmer gebracht und mit Benzin übergossen.

Sie sei liegengeblieben, habe sich erst versucht zu befreien, nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war. Doch das Feuer habe sich sehr schnell ausgebreitet. Irgendwas sei explodiert. »Und da war der Rauch. Ich konnte nichts mehr sehen«, so das Opfer. Irgendwie schaffte sie es zu einem Fenster und rief um Hilfe. Zwei Männer aus der Nachbarschaft retteten sie schließlich aus den Flammen.

Zwei Nächte verbrachte sie auf der Intensivstation, dann folgten mehrere Klinikaufenthalte. Sechs Monate wurde sie stationär wegen ihrer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt, noch immer ist sie in Therapie. Und auch die Spuren der körperlichen Verletzungen »sehe ich heute noch.«

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