13. Dezember 2017, 11:34 Uhr

Glyphosat

Glyphosat: So bekämpfen Kreis-Gießen-Kommunen Unkraut

Der Unkrautvernichter Glyphosat ist heftig umstritten. Im Kreis Gießen kommt es bei der Reinigung von Straßen noch zum Einsatz. Auf Äckern wurde in diesem Jahr gar so viel versprüht wie lange nicht mehr.
13. Dezember 2017, 11:34 Uhr
Kommunen bekämpfen Unkraut wie Löwenzahn immer weniger mit Glyphosat. Foto: Fotolia (Pascal Huot)

Glyphosat: Als das Stichwort während des Telefongesprächs fällt, wird der sonst recht gesprächige Bauhof-Mitarbeiter einer Kreiskommune ganz wortkarg. »Ich müsste sie belügen«, erklärt er auf die Frage, ob der Unkrautvernichter in der Straßenreinigung zum Einsatz kommt. Dabei ist das Mittel nicht verboten. Und seine Stadt setzt es nur noch in Ausnahmefällen ein.

Normalerweise sind ein bis zwei Liter Glyphosat pro Hektar nötig. In diesem Jahr waren es bis zu 2,5 Liter

Dietmar Schmidt, Landwirt

»Wahrscheinlich krebserregend beim Menschen«: So stuft die Weltgesundheitsorganisation den Herbizidwirkstoff Glyphosat ein. Der umstrittene Unkrautvernichter, auch bekannt unter dem Handelsnamen Roundup, wird beispielsweise in Pohlheim seit mehreren Monaten überhaupt nicht mehr verwendet. »Wir setzen seit 2016 auf Heißdampf«, erklärt Bürgermeister Udo Schöffmann – »aus Gründen des Umweltschutzes.« Das Prinzip: In einem Behälter wird Wasser auf 95 Grad erhitzt und über die Pflanzen gegossen. Das heiße Wasser zerstört die Zellen der Unkräuter und lässt diese absterben. Schöffmann erklärt, in Ausnahmefällen, bei besonders hartnäckigem Unkraut, behalte man sich vor, Glyphosat punktuell einzusetzen. »Allerdings von zwei geschulten Mitarbeitern des Bauhofs.«

Auch Bürgermeister beispielsweise in Biebertal und Fernwald erklären, auf Glyphosat seit längerer Zeit nicht mehr zurückzugreifen. Stefan Bechthold, Rathauschef in Fernwald, spricht sich zudem für ein Verbot des Unkrautvernichtungsmittels aus, »solange auch nur im Ansatz der Verdacht besteht, dass es Krebs verursacht.« Der Leiter des Bauhofs einer südlichen Kreiskommune betont, auch seine Gemeinde verwende Glyphosat in Ausnahmefällen. Er sagt aber, dass man den Unkrautvernichter aus finanziellen Gründen bisweilen benötige. »Wenn wir ganz darauf verzichten müssen, brauchen wir auch eine breite Toleranz für Unkraut in Grünanlagen, Gärten und Friedhöfen.« Denn ohne Mittel wie Glyphosat müsste das ungewünschte Grün von Hand ausgezupft werden. »Das bringt Personalkosten mit sich, die keiner bezahlen kann.«

So viel wie lange nicht versprüht

Glyphosat ist das meistverwendete Pflanzenschutzmittel. Das Herbizid steht im Verdacht, Erbgutschädigungen hervorzurufen und die Artenvielfalt zu beeinträchtigen. Fest steht: Das Mittel hemmt ein Enzym, das ausschließlich in Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen vorkommt, nicht aber in Tieren und Menschen. In der Diskussion um den Unkrautvernichter ist für abwägende Erörterungen indes wenig Platz.

In der Landwirtschaft kommt Glyphosat unverändert stark zum Einsatz. Auf Äckern im Kreis wurde in diesem Jahr so viel wie lange nicht versprüht. Grund war der nasse Sommer, der günstige Bedingungen für Unkraut geschaffen hat. »In der Regel sind pro Hektar ein bis zwei Liter Glyphosat jährlich gegen das Unkraut nötig«, erklärt der Busecker Landwirt Dr. Dietmar Schmidt. »In diesem Jahr waren es bis zu 2,5 Liter.«

Landwirte sehen Diskussion gelassen

Schmidt setzt auf die landwirtschaftliche Bearbeitung ohne Pflug. Dank Glyphosat kann er auf das Unterpflügen des Unkrauts verzichten, es reicht die Überfahrt mit einem Grubber. Dies sei schonend für den Boden, hebt der Landwirt hervor, da der Acker nicht mehr bis zu 25 Zentimeter tief durchwühlt wird.

Wie Schmidt sieht auch Manfred Paul, der Vorsitzende des Bauernverbands Gießen/Wetzlar/Dill, die derzeitige Diskussion um Glyphosat eher gelassen. Seine Familie verwende das Mittel seit 1969, erklärt der Villinger Landwirt Paul. »Das Mittel ist legal«, betont er. Er selbst habe es in den vergangenen zwei Jahren nicht verwendet. »Aber gegen Unkraut wie Ackerfuchsschwanz und Quecke« ist es die effektivste Lösung.«

Bio-Bauer: Deutschland könnte sich Verzicht leisten

Für den Busecker Bio-Bauer Jürgen Scheld kommt der Einsatz von Glyphosat indes nicht in Frage. Er baut in der Fruchtfolge Kleegras an, mäht es mit dem darin wachsenden Unkraut viermal im Jahr, konserviert es – und verfüttert es an seine Tiere.

Dadurch sinke der Unkrautdruck für die Folgefrucht wie zum Beispiel Getreide erheblich. Unkrautbeseitigung durch Striegeln sei aufwändig, räumt er ein. »Bei Glyphosat oder anderen chemischen Unkrautvernichtern ist aber ungewiss, was in den Boden gelangt – und was wir Menschen letztendlich in uns aufnehmen« Ein Verzicht auf Glyphosat in der Landwirtschaft hätte deutlich höhere Preise für Getreide und andere landwirtschatliche Produkte zur Folge. Scheld glaubt: »Ein Land wie Deutschland könnte sich das leisten.«

Info

Vier Fragen an Ökologie-Professor Volkmar Wolters

Herr Wolters, ist die hysterische Debatte um Glyphosat berechtigt?

Volkmar Wolters: Die Hysterie um den großen Einsatz von Pestiziden ist berechtigt. Glyphosat nimmt eine besondere Stellung ein, da nicht abschließend geklärt ist, ob es Krebs erregt oder nicht. Zudem fördert es die Abhängigkeit von gentechnisch veränderten Pflanzen, da nur sie resistent sind.

Welche Gefahren sehen Sie?

Wolters: Als Ökologe sehe ich, wie in Agrarlandschaften Pflanzen, Insekten und Vögel immer weiter zurück gehen. Und es gibt viele Hinweise, das der Pestizideinsatz daran einen großen Anteil hat.

Wie bewerten Sie den Einsatz von Glyphosat in Landwirtschaft und in Kehrmaschinen?

Wolters: Die Anwendung in Kehrmaschinen kann ich nicht beurteilen. Die großräumige Nutzung von Pestiziden in der Landwirtschaft sollte definitiv heruntergefahren werden. Das Spritzen schädigt nicht nur Zielarten, sondern auch Nützlinge wie etwa Bestäuber. Bei Glyphosat soll der Effekt zwar geringer sein, aber das ist nur ein geringer Trost – und zudem nicht gründlich belegt.

Was wären Alternativen?

Wolters: Eine schonendere Landwirtschaft, die auf mehr Vielfalt und natürliche Regulationen setzt. Etwa auf natürliche Feinde von Schädlingen anstatt auf Pflanzenschutzmittel. Das können wir aber nicht den Landwirten allein aufbürden. Das muss sich die gesamte Gesellschaft etwas kosten lassen.

(Interview: Eva Diehl)

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