22. Februar 2019, 22:08 Uhr

Getanzte Völkerverständigung

Wenn am 17. Juli das größte Trachten- und Folklorefestival Europas über die Bühne geht, ist eine Delegation aus dem Landkreis wieder mit von der Partie. Damit sie in Frankenberg zwei Dutzend Volkstänze aus dem Effeff beherrschen, wird bei der Anneröder Jugendtanzgruppe seit Anfang Februar fleißig trainiert.
22. Februar 2019, 22:08 Uhr
Neben dem Tanzen bleibt den Annerödern auch immer viel Zeit, um die jeweiligen Städte zu erkunden. Das tun die Jugendlichen selbstverständlich in Tracht.

Ein kleiner Kreis Personen. Drei Männer. Zwei Frauen. Ein Mädchen. Hände werden gereicht. Füße setzen sich in Bewegung. Erst in die eine Richtung. Dann in die andere. Körper drehen und verbeugen sich. Dazu spielen zwei Musiker. Es ist Dienstagabend, 19 Uhr. Das Training der Anneröder Kinder- und Jugendtanzgruppe ist in vollem Gang. Gerade wird die Estländer Quadrille geübt. Einer von etwa zwei Dutzend Volkstänzen, der in gut vier Monaten sitzen muss. Denn dann tanzen die Anneröder bei der Europeade, dem größten Trachten- und Folklorespektakel Europas.

In Schweden, Belgien und Finnland waren sie schon. Portugal im vergangenen Jahr haben sie ausgelassen. In diesem Jahr ist das Team um Tanzleiter Uwe Becker bei der Europeade wieder mit von der Partie, denn das Festival findet quasi direkt vor ihrer Haustür statt – im nordhessischen Frankenberg. »Wir freuen uns riesig, wieder dabei zu sein«, sagt Organisatorin Carla Rühl, die bei der Jugendtanzgruppe quasi das Mädchen für alles ist. »Das Ob stand gar nicht zur Debatte. Es wollten wieder alle mit.«

Alle – das sind neben den insgesamt vier Musikern 15 begeisterte Trachtentänzer. Die jüngste ist elf, die älteste 70. Der Altersunterschied spielt keine Rolle, denn das Tanzen verbindet. »Es ist gesellig, die Schritte sind leicht zu lernen, jeder kann mitmachen. Der Tanz führt Groß und Klein zusammen, das finde ich toll«, sagt Rosl Tröster, die Älteste im Bunde. Seit zwei Jahren tanzt die Gladenbacherin in Annerod mit, hat früher für die Gruppe auf der Teufelsgeige musiziert.

Die Gemeinschaft ist auch das, was Maximilian David jeden Dienstag in die alte Schule kommen lässt. Der 22-jährige Anneröder ist seit 14 Jahren dabei. Ob seine Freunde sein Hobby nicht komisch finden? Nein, sagt David. Und wenn das doch mal vorkam, habe er sie einfach mitgenommen und vom Gegenteil überzeugt. Seine kleine Schwester, Charlotte Steil, ist mit elf Jahren die Jüngste im Bunde, aber nicht weniger begeistert. »Mit den anderen zusammen tanzen, das macht Spaß«, findet sie. Die Musik gefällt ihr viel besser als Rock und Pop.

Mit ihrem Hobby sind die Anneröder nicht allein. 5000 Trachtentänzer werden vom 17. bis 21. Juli im kleinen Frankenberg erwartet. »An jeder Ecke wird getanzt und Musik gemacht werden«, freut sich Rühl. Die 18 000 Einwohner zählende Fachwerkstadt bietet in ihren Augen dafür einen angemessenen Rahmen, auch wenn sie größenmäßig nicht mit Austragungsorten wie Helsingborg (Schweden), Namur (Belgien) oder Turku (Finnland) mithalten kann. Denn egal, wo sie stattfindet, die Europeade ist eine Veranstaltung der besonderen Art, fördert durch ihre Vielfalt und Verschiedenheit Freundschaft und Einheit in Europa, was Rühl mit Blick auf die politischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren für wichtig hält. »Ich sehe das als gelebte Völkerverständigung und ein herzliches Miteinander«, so die Anneröderin. Sie habe noch nie ein böses Wort unter den Teilnehmern gehört. Im Gegenteil: »Jeder freut sich an den Tänzen und dem Können der anderen. Überall wird gelacht und miteinander gesprochen. Einfach nur schön.«

»Jetzt die Mädels rein, dann die Jungs. Vor die Damen und gemeinsam als Paar.« Uwe Becker gibt Kommandos, damit alle Tänzer wissen, was zu tun ist. Dabei ist er selbst mittendrin im Geschehen. Seit 22 Jahren gibt er in Annerod den Ton an. Ob Watzenbörner oder Wittenauer Tortanz – Becker kennt sie alle. In Tanzbeschreibungen wird das Grundkonzept für die jeweiligen Volkstänze vorgegeben. Der Rest ist künstlerische Freiheit. Soll heißen: Jede Gruppe stellt die Schrittfolgen zu ihrer eigenen Choreografie zusammen. In diesem Jahr wollen die Anneröder zudem verstärkt mit Rosenbögen arbeiten, die bei einer Handvoll Tänzen zum Einsatz kommen werden: gebogene Kunststoffrohre, um die Weiden, Seidenrosen und -blätter drapiert sind.

Anfang Februar haben die Proben begonnen. Über 20 Tänze gilt es, bis zum Sommer einzustudieren. Das geschieht dienstags zwischen 18 und 19.30 Uhr in der alten Schule. Kurz vor der Europeade soll alles bei einem Probenwochenende den letzten Schliff bekommen. Am 17. Juli startet die 19-köpfige Delegation Richtung Frankenberg, neben den Tänzern sind das die vier Musiker Torsten Bamberger (Kontrabass), Arno Tröster (Akkordeon) sowie Aurelia und Merlinde Frank (Teufelsgeige, Altflöte).

Mittlerweile geht es auf 20 Uhr zu. Die Übungsstunde ist fast vorbei. Als die letzten Töne verklungen sind, nehmen die Tänzer im Halbkreis vor den Musikern Aufstellung. »Wir bedanken uns herzlich für die musikalische Unterhaltung«, sagt Becker, bevor sich die ganze Gruppe verbeugt. Denn dass die Musik handgemacht ist und nicht vom Band kommt, ist nicht selbstverständlich. Becker: »Das wissen wir sehr zu schätzen.«

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