01. November 2018, 05:00 Uhr

Ärzteversorgung

»Früher hat man die Oma gefragt und ist nicht gleich in die Notaufnahme«

Mehr Medizinstudienplätze und Patienten, die kleine Wehwehchen auch selbst behandeln – das wünscht sich der neue Präsidenten der Landesärztekammer Dr. Edgar Pinkowski mit Praxis in Pohlheim.
01. November 2018, 05:00 Uhr
Die Bevölkerung müsse wieder lernen, schwere Erkrankungen von Kleinigkeiten zu unterscheiden, sagt Edgar Pinkowski.

Herr Pinkowski, Sie haben das Präsidentenamt der Landesärztekammer in einer Zeit übernommen, in der sich die Bevölkerung vor allem wegen des prognostizierten Ärztemangels Sorgen macht. Was sind die Ursachen für den Mangel?

Dr. Edgar Pinkowski: In Deutschland werden zu wenig Nachwuchsmediziner ausgebildet. Seit Horst Seehofer Gesundheitsminister war, hat man massiv Studienplätze in der Medizin abgebaut. Das bekommt man mit einer Verzögerung von zwölf Jahren zu spüren.

Wieso zwölf Jahre?

Pinkowksi: Um beispielsweise niedergelassener Arzt zu werden, studiert man zunächst sechs Jahre an der Universität, inklusive praktischem Jahr. Daran schließen sich weitere fünf bis sechs Jahre fachärztliche Weiterbildung an. Die Studenten, die jetzt das erste Semester beginnen, werden 2030 erst als Hausärzte tätig sein können. Zudem wollen viele junge Kollegen nur in Teilzeit arbeiten – Stichwort Work-Life-Balance.

Das klingt, als ob es schon fast zu spät ist.

Pinkowski: Deswegen fordert die Landesärztekammer auch eine rasche Erhöhung der Studienplatzzahlen. Denn in den nächsten zwölf Jahren werden etliche Kollegen in den Ruhestand gehen.

Um an einen Studienplatz zu kommen, muss man meist ein Abitur von 1,0 ablegen, da bei Medizin ein harter Numerus Clausus gilt. Wäre hier eine Prüfung, die die tatsächliche Begabung für das Fach überprüft, ein besserer Weg?

Pinkowski: Ich glaube, das Auswahlverfahren wird es nie geben. Es gibt immer positive und negative Aspekte. Entscheidend ist, dass wir mehr Studienplätze anbieten. Die Nachfrage ist wesentlich größer als das Angebot. Da kann es auch keine Lösung sein, dass junge Menschen zum Studieren ins Ausland gehen und dort die Plätze belegen oder wir ausländische Ärzte abwerben. Wir sollten in Deutschland unsere Ärzte selbst ausbilden. Bei mehr Plätzen könnten auch mehr als nur die 1,0er-Abiturienten studieren. Auch die Digitalisierung wird keine fehlenden Ärzte ersetzen.

Sie sind seit rund 30 Jahren niedergelassener Arzt, haben die Digitalisierung komplett miterlebt. Ist sie Fluch oder Segen?

Pinkowski: Die Abrechnung und Dokumentation ist leichter geworden, die Praxisverwaltung hat sich zum Teil durch die Digitalisierung vereinfacht und ist exakter geworden. Die Digitalisierung bedeutete zunächst einen Mehraufwand an Zeit und Geld – die Technik musste angeschafft, dass Personal ausgebildet werden. Die Digitalisierung darf auch kein Selbstzweck sein, man muss sie kritisch begleiten.

Wenn ich heute vom Hausarzt zum Facharzt überwiesen werde, bekomme ich noch immer einen Überweisungsschein aus Papier in die Hand. Ist das noch zeitgemäß?

Pinkowski: Die derzeitige Digitalisierung ist noch Steinzeit-Digitalisierung. Die Technik der Krankenkassenkarte ist etwa noch die von vor zehn Jahren. Heute hat jeder junge Mensch genauso wie den Haustürschlüssel ein Smartphone mit dabei. Das Smartphone könnte auch zur Krankenkassenkarte werden. Dabei muss jedoch die Datensicherheit und der Datenschutz oberste Priorität haben. Medizinische Daten sind hochsensible Daten. Die Ärzteschaft besteht daher auf deren Sicherheit.

Die Digitalisierung ist nur ein Aspekt der Veränderungen des Berufsbildes. Viele Ihrer Kollegen beklagen den Zuwachs an Bürokratie.

Pinkowski: Insgesamt hat die Bürokratie deutlich zugenommen. Das ist ein Zeitverlust für die Zuwendungszeit zum Patienten.

Früher war der Hausarzt rund um die Uhr 365 Tage im Jahr erreichbar. Wird das in Zukunft noch so bleiben?

Pinkowski: Die nachwachsende Generation legt großen Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Früher hat sich da so mancher Arzt aufgeopfert und auf die eigene Gesundheit keine Rücksicht genommen. Zudem gibt es den Ärztlichen Bereitschaftsdienst mit der Nummer 116 117, der bei nicht aufschiebbaren und nicht zeitkritischen Behandlungsnotwendigkeiten nach Praxisschluss Ansprechpartner ist.

Immer wieder hört man, dass heutzutage Menschen mit Schnupfen in die Notaufnahme des Krankenhauses gehen. Haben sich die Patienten verändert?

Pinkowski: Das eigene medizinische Wissen und die Selbsteinschätzung des eigenen Zustands ist verlorengegangen. Früher hat man die Oma gefragt und ist nicht gleich in die Notaufnahme gegangen. Die Bevölkerung muss wieder lernen, gravierende Erkrankungen von Kleinigkeiten zu unterscheiden und letztere auch selbst behandeln zu können, damit die Notaufnahmen nicht für die wirklichen Notfälle blockiert werden.

Gibt es ein Thema, das Ihnen als Mediziner besonders am Herzen liegt?

Pinkowski: Ja, die Organspende. Ich befürworte persönlich die Widerspruchslösung. Denn auch dann bleibt eine Organspende freiwillig. Der Bürger muss sich allerdings mit dem Thema beschäftigten und eine Entscheidung treffen. Bei der Freiwilligkeitslösung werden Themen wie der Tod gerne verdrängt. Ich respektiere auch jeden, der sich gegen eine Organspende entscheidet, denn er hat sich entschieden.

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