03. September 2018, 16:52 Uhr

Von oben

Freienseen – das Dorf, in dem Rebellen wohnen

Mit den Laubachern haben es die Freienseener nicht so. Die Antipathie hat (auch) historische Gründe. Kein Wunder, dass vor der Eingemeindung die Biergläser flogen.
03. September 2018, 16:52 Uhr
Seit 1. April 1972 Stadtteil von Laubach: das 850-Einwohner-Dorf Freienseen. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Ältere Semester werden sich erinnern: 1971 war’s, dass im fernen Ägypten der riesige Assuan-Staudamm eingeweiht werden konnte. Nach elf Jahren Bauzeit. Rund 5000 Kilometer nördlich drohten derweil in einem kleinen Dörfchen mit großem Selbstbewusstsein die Dämme des Anstands zu brechen: In Freienseen kochte im Vorfeld der Gebietsreform die Volksseele. Die »Fräsch«, wie seine Bewohner auch genannt werden, begehrten auf. Bei Versammlungen in der Dorfkneipe entbrannte heftiger Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der »Zwangseingemeindung« in die ungeliebte Stadt Laubach.

 

Neun Mark Monatslohn

Die Antipathie hat historische Gründe, wofür etwa der Versuch der Laubacher Grafen steht, dem Dorf das Wasser abzugraben, indem sie es von der Freienseener Mühle nach Laubach ableiteten. 1595 kam’s zum für die Kläger erfolgreichen Prozess. Einer von insgesamt 48 Rechtsstreitigkeiten, sah man sich doch nicht als Teil der Solms-Laubacher Landesherrschaft, sondern als freie Bürger eines »Freien Reichsdorfes«. Den (historisch nicht verbürgten) Titel soll Kaiser Friedrich (1125-1190) verliehen haben – der Legende nach als Dank dafür, dass die Freienseener dem Rotbart bei seinem Halt an der alten Handelsstraße zur Nachtruhe verhalfen. Wie das? Sie beendeten das allzu laute Froschkonzert....

All das freilich lag bereits Jahrhunderte zurück, eine größere Rolle dürfte 1971 der »relative Reichtum« der Gemeinde gespielt haben. Hatten die anderen Dörfer rundum meist noch kein Bürgerhaus, hatte Freienseen seit den 1920ern schon seine Turnhalle und bis in die Sechziger eine Weberei und eine Kleiderfabrik. Der Streit war heftig: »Du Verrätersau«, musste sich ein Gemeindevertreter an den Kopf werfen lassen. Gut, es hätte schlimmer kommen können: Eine »Schlacht mit Aschenbechern« ist ebenso überliefert wie eine »Teer- und Galgenaktion«.

Da flogen die Biergläser

Hildegard Dalchau

»Da flogen die Biergläser«, bestätigt Hildegard Dalchau. Die 90-Jährige kennt Freienseen wie kaum eine zweite. Im Haus der Eltern in der Löbergasse geboren, wohnt sie noch heute dort.

Was für ganz Oberhessen gilt, gilt auch für dieses Dorf: In den vergangenen 100 Jahren hat sich das Leben der Bewohner radikal verändert. Als Hildegard Dalchau ein Kind war, prägte die Landwirtschaft den Alltag, verfügte die Masse über ein nur karges Einkommen. Dabei hatten seit dem 19. Jahrhundert der Erzbergbau und die aufkeimende Industrialisierung die Lage verbessert. Die Einwohnerzahl auch dieses Dorfes stieg wieder an, nachdem sie – Folge von bitterer Armut und Auswanderung – von 1810 bis 1910 von 1120 auf 710 gesunken war.

In den Dreißigern besuchte Dalchau die Volksschule. Dort unterrichtete ein Lehrer Norwig, der als Anhänger der pädagogischen Reformbewegung bei den Nazis bald in Ungnade fiel und 1935 versetzt wurde. Trotz eines Schreibens der Freienseener an die Reichskanzlei – vor wenigen Jahren dann die posthume Würdigung, erhielt die Turn- bzw. Mehrzweckhalle seinen Namen.

1942 feierte Hildegard Dalchau Konfirmation. Was heißt »feiern«: Von der Patentante gab’s einzig eine Schürze als Geschenk, das ersehnte Fahrrad konnte sie sich erst Mitte 20 leisten. Vor allem: Das Fest fand ohne den zum Kriegsdienst befohlenen Vater statt.

 

Zwangsarbeit im Tunnel

Vierzehn Tage nach der Schule bereits musste sie arbeiten, damit »ess Maul drauße is’«, wie es damals hieß, also ein Mund weniger zu stopfen war. Wie viele Mädchen verdingte sie sich bei Bauersleuten. »Ich bekam neun Mark – im Monat.«

Überregional in die Schlagzeilen geriet der Ort vor gut 20 Jahren. Anlass war der Streit um eine Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge, die im Freienseener Eisenbahntunnel von 1942 bis 1945 schuften mussten. Zur Gedenkstätte kam es nicht. Und so wissen heute nur Eingeweihte, was es mit der Lagerbaracke am Ortseingang auf sich hat.

1958 hatte das Dorf das Ende der Seentalbahn, in den 60er und 70ern den Niedergang der Textilbetriebe und mehrerer Handwerksbetriebe zu verkraften. Apropos verkraften: Am 1. April 1972 kam die Eingemeindung wider Willen.

Als prägende Ereignisse der letzten Jahre sind der erfolgreiche Kampf um die Rückkehr der Schule ins Dorf sowie das generationenübergreifende Begegnungszentrum »DorfSchmiede« zu nennen. Bundesweit gewürdigt, sollte Letztere vor Ort zu einem politisch heißen Eisen werden, musste doch das Projekt der ev. Kirche gleich zweimal (auch) von der Stadt Laubach vor der Insolvenz gerettet werden. Wenn das die »Rebellen« aus der Zeit der Gebietsreform gewusst hätten...

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  • Aufständische und Rebellen
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