29. Oktober 2018, 00:00 Uhr

Erleichterung, Schock und Jubel

Wenige Minuten vor 18 Uhr herrscht bei den Grünen schon ausgelassene Stimmung voller Vorfreude. Bei den Christdemokraten hingegen steigt die Anspannung ins Unermessliche. Nach 19 erfolgsverwöhnten Jahren geht es bei der Hessen-CDU um mehr als die Prozentzahl an diesem Abend.
29. Oktober 2018, 00:00 Uhr
Stimmungsbilder eines Wahlabends: Volker Bouffier und Ehefrau Ursula... (Fotos: dpa)

Es geht um die Positionierung der CDU als Volkspartei – und um die Zukunft ihrer Anführerin Kanzlerin Angela Merkel. Als der Uhrzeiger dann endlich auf 18 Uhr springt, macht sich zunächst Schockstarre breit. Die ersten Hochrechnungen offenbaren riesige Verluste für die Christdemokraten. Doch wenig später folgt ein Moment der Erleichterung: Es könnte doch noch für eine Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition reichen – dank der furiosen Stärke der Grünen. »Und wenn es doch nicht reicht, dann halt mit der FDP«, sagt Frankfurts Ex-Oberbürgermeisterin Petras Roth nach anfänglicher Enttäuschung. Von wirklichem Jubel ist jedoch zunächst nichts zu spüren. Kein Vergleich zur Situation vor 19 Jahren, als Roland Koch überraschend das sozialdemokratisch geprägte Hessen gewann. Und schon gar kein Vergleich zum Wahlabend 2003, als Koch die absolute Mehrheit für seine CDU holte. Doch immerhin kam es nicht ganz so schlimm wie es einige Umfragen vor der Wahl erwarten ließen.

Lautes Gejohle bei den Grünen

Von »einem Abend mit einer gemischten Botschaft«, sprach dann auch Ministerpräsident Volker Bouffier, als er vor seiner Fraktion auf die Bühne trat. »Die CDU kann als stärkste Fraktion erneut den Anspruch erheben, eine Regierung zu bilden«, ruft der CDU-Chef seinen Anhängern zu, und räumt dann ein: »Die Menschen haben uns gezeigt, dass es im Bund anders werden muss mit weniger Streit.« Innenminister Peter Beuth resümiert schon kurz nach 18 Uhr: »Wir sind noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen.« Und er fügt hinzu: »Durch die Diskussionen im Bund fühlen wir uns um die Früchte unserer Arbeit gebracht.«

Ganz anders bei den Grünen: Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir bedankt sich bei der Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock im Publikum »für den Rückenwind aus Berlin«. In den Fraktionsräumen der Grünen kannte der Jubel keine Grenzen. Lautes Gejohle, Freudenschreie, Menschen liegen sich in den Armen. Selbst als noch nicht entschieden war, ob die Grünen gar die SPD überholen würden, war klar: Hier feiern die ganz großen Gewinner dieses Wahlabends. Die Partei, ohne die nichts gehen wird bei der Bildung einer neuen Landesregierung.

Nicht ganz unwesentlich könnte auch die Rolle der FDP sein, der gestern eine vergleichbare Zitterpartie wie 2013 erspart blieb. Damals war erst weit nach Mitternacht entschieden, dass die Liberalen es über die Fünf-Prozent-Hürde und damit in den Landtag geschafft hatten. Nun bleibt abzuwarten, ob es für eine hauchdünne schwarz-grüne Mehrheit reicht oder die FDP zu einer Jamaika-Koalition mit ins Boot geholt wird.

Mit einer Mischung aus Trauerstimmung und Durchhalteparolen haben die Sozialdemokraten die Hochrechnungen vernommen. »Das ist nicht ansatzweise das Ergebnis, das wir wollten«, sagte Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel, der schon zum dritten Mal seinen Hut in den Ring geworfen hatte. Der Spitzenkandidat sprach von einem »schweren und bitteren Abend« und einer »bitteren Niederlage«. Der Bundestrend sei »übermächtig« gewesen, »dagegen hatten wir kein Chance«, betont Schäfer-Gümbel: »Das tut fürchterlich weh.« Darüber werde ab Montag zu reden sein, betont er und es klingt wie eine Drohung: »Wir müssen in Berlin Konsequenzen ziehen, die Debatte darüber muss morgen ernsthaft beginnen«, sagt er.

Keine linke Mehrheit

Gleichermaßen enttäuscht waren unterdessen alle Landtagsfraktionen über den Einzug der AfD ins hessische Parlament. Wieder vertreten sein wird die Linkspartei, für die es aber nicht nach Chancen auf eine Regierungsbeteiligung aussieht, da sich gestern Abend keine linke Mehrheit abzeichnete.

So ist also anzunehmen, dass trotz der herben Verluste für die CDU auch der künftige Ministerpräsident Volker Bouffier heißen wird. Und was sagt der »jüngere und schönere« Bouffier dazu, wie der Namensvetter mit dem Vornamen Mario von der satirischen »PARTEI« beworben wird: »Alter siegt über die Schönheit.«

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