11. Juni 2008, 10:36 Uhr

Erinnerungen an Klaus Daubertshäuser

Wettenberg (no). Er hatte eben erst begonnen, nach Jahrzehnten der Herausforderung und Anspannung beruflich ein wenig kürzer zu treten und dafür mehr auf die Gesundheit zu achten, auf die innere Balance, zumal ihm, wie er selbst hin und wieder mit einem Augenzwinkern anmerkte, der liebe Gott schon vor dem 60. zweimal mit Schlaganfällen »die gelbe Karte gezeigt« hatte, als er im Juli 2006 zu Hause zusammenbrach und man anschließend eine Hirnblutung diagnostizierte. Von jetzt auf gleich ein Pflegefall. Klinik, Reha, Hoffen auf Besserung.
11. Juni 2008, 10:36 Uhr
Klaus Daubertshäuser 1993 nach seinem Einstieg bei der Bahn in deren Frankfurter Zentrale.

Wettenberg (no). Er hatte eben erst begonnen, nach Jahrzehnten der Herausforderung und Anspannung beruflich ein wenig kürzer zu treten und dafür mehr auf die Gesundheit zu achten, auf die innere Balance, zumal ihm, wie er selbst hin und wieder mit einem Augenzwinkern anmerkte, der liebe Gott schon vor dem 60. zweimal mit Schlaganfällen »die gelbe Karte gezeigt« hatte, als er im Juli 2006 zu Hause zusammenbrach und man anschließend eine Hirnblutung diagnostizierte. Von jetzt auf gleich ein Pflegefall. Klinik, Reha, Hoffen auf Besserung.

Doch die wollte letztlich nicht eintreten: Am Montag ist der langjährige SPD-Politiker und Bahn-Vorstand Klaus Daubertshäuser in seinem Heimatort Krofdorf-Gleiberg gestorben. Der 64-Jährige hinterlässt seine Frau Gabi und die drei erwachsenen Kinder Kai, Antje und Kira-Kim. Die Trauerfeier findet am Freitag um 14 Uhr auf dem Krofdorfer Friedhof statt. Die Familie bittet, statt Kränzen und Blumen im Sinne des Verstorbenen die Stiftung der evangelischen Kirchengemeinde Krofdorf-Gleiberg zu bedenken, die sich um den Erhalt der beiden protestantischen Gotteshäuser am Ort kümmert.

Man wird sich nur schwer daran gewöhnen können, dass diese Persönlichkeit nicht mehr lebt. Das gilt für die Familie und die Freunde allemal, aber auch für die Wegbegleiter aus der Politik und der Wirtschaft, die Sportkameraden von früher und auch für Journalisten: Zum 65. Geburtstag - das Gespräch war noch nicht terminiert, aber zugesagt - hatten wir ein ereignisreiches Leben Revue passieren lassen wollen. Mit neuen Fragen, verbunden mit der Hoffnung auf neue Antworten.

Klaus Daubertshäuser war ein vorzüglicher Gesprächspartner und einer, der das politische Berlin aus dem Effeff kannte. Aber auch einer mit Sinn für die schönen Seiten des Lebens, die Künste - herausragend seine Gemälde- und Plastikensammlung, für das Feine aus Küche und Keller. Ja, er konnte genießen. Nicht zu vergessen sein Faible für die chinesische Kultur; ins Reich der Mitte zog es ihn und seine Ehefrau, wenn beide mal ganz weit weg von den alltäglichen Dingen sein wollten.

De mortuis nihil nisi bene. Nun bleibt es bei den persönlichen Erinnerungen. Vor knapp eineinhalb Jahrzehnten, bei »Überschreiten der biologischen Altersschwelle«, als er 50 wurde, hatte er noch händeringend - aber durchaus auch scherzhaft - um Beistand gebeten: »Lasst mich in dieser gefährlichen Situation nicht allein!« Mit 60 war der ehemalige Verkehrspolitiker, der 1994 von keinem anderen als dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl an die Spitze der Deutschen Bahn berufen worden war, stark genug, im kleineren Kreis das neue Lebensjahrzehnt zu beginnen.

Der weite Blick zurück. Das Leben Daubertshäusers unterschied sich über Jahrzehnte kaum von dem der Alterskameraden: Im Dorf geboren - in »Leewerts« Haus, heute Metzgerei Rotter -, karge Kindheit im Elternhaus neben der evangelischen Kirche, Volksschule bei Bindewald, Prass & Co., Handelsschule, Lehre zum Industriekaufmann bei Rinn & Cloos, dort später Vorstandsassistent. 1968 erstmals in die Gemeindevertretung gewählt, unmittelbar SPD-Fraktionsvorsitzender, dann auch Mitglied des Wetzlarer Kreistages, wo er als 29-jähriger Juso 1972 ebenfalls den Fraktionsvorsitz übernahm. Daubertshäuser verließ »R&C« 1973, ging als Ministerialreferent nach Wiesbaden. Folgten 1976 die erste Wahl in den Bundestag, 1980 die Berufung zum verkehrspolitischen Sprecher seiner Fraktion, 1983 die Wahl in den Fraktionsvorstand.

Schnell aufgelistet, aber ein hartes Stück Arbeit. Dazwischen lag noch das Lahnstadt-Desaster, an dessen Ende er die SPD im Kreis Wetzlar aus einem tiefen Tal herausführen musste; sie verfehlte allerdings 1979 - mit ihm als Spitzenkandidat gegen Dr. Karl Rehrmann - ihr Wahlziel, die Mehrheit der Stimmen.

Was Daubertshäuser ehedem in Bonn am Rhein und später in Berlin machte, nannte er früher einmal »nichts anderes als bundesweite Kommunalpolitik; ergebnisorientiert, an der Praxis ausgerichtet«-sein Metier. Im Wirtschaftsausschuss, dem er während der Lehrjahre unter Fraktionsvorsitz von »Onkel« Herbert Wehner zunächst angehört hatte, sei »nur philosophiert« worden. (Verkehrs-)politische Ziehväter des Krofdorfers waren »Schorsch« Leber, Hans Apel und Heinz Ruhnau. Parlamentarisch war er maßgeblich beteiligt an der - im 17. Anlauf seit 1952 erst geschafften - Bahn-Reform, die im Dezember 1993 mit knapper Mehrheit im Bundestag beschlossen wurde. Sicher sei, so bekannte Daubertshäuser einmal gegenüber dieser Zeitung, längst nicht alles in Butter, was die Bahn betreffe, aber ohne diese Reform, ohne die Abkehr von der Organisationsform einer Behörde, wäre man nicht so weit.

Daubertshäuser war schon als Knabe politisierend aufgefallen in der Verwandtschaft: »Das lag in meinen Genen«, scherzte er 2003 im Kreis der Gratulanten zum »40-Jährigen« in der SPD. Seine Urgroßmutter Sophie sei politisch aktiv gewesen, sei um die Jahrhundertwende mit dem späteren Ministerpräsidenten Philipp Scheidemann, als der noch Kasseler Oberbürgermeister war, und dem in jungen Jahren in Krofdorf, gleich in der Nachbarschaft beheimateten Eduard David (später u. a. Reichsminister und erster Präsident der Weimarer Nationalversammlung) »durch die Lande gezogen«. Das waren seine Vorbilder. »Ich konnte nicht anders. Ich musste Sozialdemokrat werden.«

Als der »Sechzigste« zu erörtern war, da hatte Daubertshäuser sehr präzise Zukunftspläne: Besagter »gelber Karten« wegen hatte er nur noch bis Ende 2006 weitermachen wollen im Bahn-Vorstand. Dann aber hatte er bereits Ende 2005 - ein politisch begründeter Wechsel - den Platz geräumt für Otto Wiesheu (CSU), um fortan als privatwirtschaftlicher Berater von Krofdorf aus für die Deutsche Bahn Lobbyarbeit zu erledigen und für das Staatsunternehmen im politischen Raum Freunde und Zuspruch zu gewinnen. Das war seine Passion, seine Leidenschaft: »Political Engineering«. Was hätte er noch alles erzählen können�

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