10. August 2018, 18:00 Uhr

Jung, weiblich, schlagfertig

Eine Männerdomäne schwindet: Christine Damm eine der (noch) seltenen Hufschmiedinnen

Christine Damm hat die Lizenz, heiße Eisen zu schmieden. Und darf diese auch am lebenden Objekt applizieren: Als einzige Frau bei ihrem Termin hat sie die Prüfung zur Hufschmiedin bestanden.
10. August 2018, 18:00 Uhr
Vorne rechts neu »bereift«: Die Allertshäuserin Christine Damm, staatlich geprüfte Hufbeschlagsschmiedin, passt ihrer Kaltblutstute Venus ein neues Eisen an. (Foto: tb)

Mit Pferden hatte es Christine Damm schon immer gern zu tun. Gut so, betrieb doch ihre Familie am Ortsrand von Allertshausen viele Jahre einen Reiterhof. Und auch als der Betrieb in andere Hände ging, blieb sie ihrer Liebe treu, nennt sie doch heute gleich vier Pferde und eine Koppel ihr Eigen: »Wenn man einmal von dem Virus infiziert ist, dann bleibt das so«, sagt die 29-Jährige und gibt »Venus« einen Klaps.

Die Stute hat sich gerade so verhalten, wie es ihrer Art entspricht, eben kaltblütig im Angesicht des heißen Hufeisens, mit dem sich Christine Damm ihr näherte. Gut anderthalb Stunden später ist das Schwarzwälder Kaltblut komplett neu »bereift«.

Die Rabenauerin Pferdenärrin ist eine der wenigen weiblichen Vertreterinnen ihres Berufsstandes. Hufschmied ist immer noch eine Domäne der Männer – freilich mit abnehmender Tendenz. Entsprechend ändern sich die Biografien der Kollegen. Zur Prüfung zugelassen wird nur, wer eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen kann. »Früher waren das vor allem Metaller«, erklärt Damm. Sie selbst hat Schäferin gelernt.

Mitte zwanzig hatte sie sich zur beruflichen Neuorientierung entschieden. Dafür musste sie zunächst einen vierwöchigen Einführungslehrgang an der Veterinärklinik belegen und – vor allem – zwei Jahre mit einem Hufschmied mitgehen. »Um ein Gefühl für diese Tätigkeit zu bekommen.« Im Dezember schließlich die Prüfung, verteilt auf zwei Tage. »Aufgeregt war ich das schon«, räumt die Rabenauerin ein. Eingangs war vor allem Theorie gefragt, war das Prüfungspferd vorzustellen und zu beurteilen, endlich der Beschlagsplan zu erläutern.

 

Mehr Grip dank »Spikes«

 

Was an Praxis verlangt wird, das ist an diesem Morgen auf der Koppel hoch über Allertshausen zu beobachten. Alle acht bis zwölf Wochen, erfährt der Laie, müssen unsere domestizierten Pferde beschlagen werden. Im Sommer sind die Intervalle meist etwas kürzer, da das Horn schneller wächst, wie die Fachfrau erklärt. Und: Am Stolpern könne der Experte erkennen, dass die »Pediküre« überfällig ist.

Folgende Prozedur, vorgeführt an einer tiefenentspannten »Venus«, ist im Wesentlichen immer gleich: Mit passendem Werkzeug – Messer, Raspel und Zange – steht zunächst das Ausschneiden des überschüssigen Zerfallshorns und Glätten des Hufs auf dem Plan. Es folgt das Anpassen der Eisen: Damm erhitzt sie in einem portablen kleinen Schmiedeofen auf über 1000 Grad, um sodann mit der geforderten Schlagfertigkeit die »Rohlinge« dem Huf anzupassen.

Eine schweißtreibende Arbeit, die auch auf dem Prüfungsplan steht. Aus geradem Flachstahl ist ein meist U-förmiger Beschlag zu schmieden, samt Kappen und Löchern für die Nägel. Der Formen sind viele, über 20 Eisen gibt es, jeweils angepasst an die speziellen Anforderungen an das jeweilige Pferd oder den Huf. Ein Beispiel sind Beschläge mit »Spikes«, die Kutschpferden – oft auf glatten Straßen unterwegs – mehr Grip verleihen. Selbst für orthopädische Anwendungen gibt es Beschläge, bei Arthrose etwa greift der Schmied auf sogenannte »Steg-Eiereisen« zurück. Und Eisen mit Zehenkappen erleichtern Rennpferden das Abrollen

Dafür ist »Venus« natürlich nicht zu haben, sie geht meist behäbigen Schrittes durchs Pferdeleben und steht auf landläufigen Breitschenkeleisen. Übrigens: Wie beim Menschen gibt es auch bei dieser Gattung eine unterschiedliche »Besohlung« – für rechte und für linke Hufe.

Ein kurzes Antippen, »Venus« hebt ihr rechtes Vorderbein und – begleitet von leisem Zischen und mächtigen Qualmwolken – drückt Damm das erste heiße Eisen ins Horn. Auch als sie die neue Bewehrung des Pferdefußes festnagelt, macht der Kaltblüter keinen Mucks. »Man muss darauf achten, die Stifte entlang der Weißen Linie ins Horn zu schlagen«, betont Hufschmiedin, die sich im Januar selbstständig gemacht hat. Anders verhält es sich im sogenannten »Leben«, ein Gewebe, durch das schmerzempfindliche Nerven verlaufen. Besser man trifft die Weiße Linie: »Da stehen 600 Kilo, wenn die gegen einen gehen, das wirft dich um«, mahnt die 29-Jährige.

»Venus« dürfte das nur ein müdes Lächeln abringen, sie ist die Geduld selbst. Doch gibt es durchaus andere, eher aufgeregte Charaktere. Auch die hat Damm schon des Öfteren versorgt: »Klar, wurde ich schon mal getreten, habe aber nie etwas gebrochen.« Bei ganz schwieriger Kundschaft zieht sie einen Tierarzt hinzu. Der verabreicht ein Sedativum – und ein noch so feuriger Araberhengst ist bald so tiefenentspannt wie die kaltblütige »Venus«.

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