10. Januar 2018, 18:00 Uhr

Gaststätte

Ein Leben für die Gaststätte

Seit 45 Jahren ist die »Krone« in Annerod ihre Wirkungsstätte. Günter und Marianne Stiebing sind im Rentenalter und wollen sich zur Ruhe setzen. Aber es gibt ein Problem.
10. Januar 2018, 18:00 Uhr
Marianne und Günter Stiebing führen seit 1973 gemeinsam das Gasthaus »Zur Krone« in Annerod. Ihre Stammgäste kommen aus der ganzen Region. (Fotos: us)

Privatleben? Marianne Stiebing winkt ab. »Null.« Für sie und ihren Mann Günter dreht sich seit bald einem halben Jahrhundert alles um die »Krone«. Seit 1973 betreiben die Eheleute gemeinsam die Anneröder Traditionsgaststätte.

Die lebhafte Wirtin wird demnächst 76, ihr Mann 78. Die beiden sind also längst im Rentenalter. So langsam denken sie ans Aufhören. Wohlgemerkt: langsam.

 

Maklerin eingeschaltet

Zwar haben die Stiebings eine Maklerin mit dem Verkauf des kompletten Gebäudes beauftragt, einen Käufer haben sie aber noch nicht. Und so lange die »Krone« ihnen gehört, machen sie weiter. Sie kennen es nicht anders. »Wir haben das immer mit viel Engagement und Freude gemacht«, sagt Marianne Stiebing.

Das Gasthaus »Zur Krone« gibt es seit 1912. Dass die ersten Wirtsleute Wallbott hießen, verrät ein Schild mit dem Dorfnamen, das draußen an der Fassade hängt.

 

Auf dem Butterweg nach Annerod

1966 erwarben Günter Stiebings Eltern das Anwesen und richteten dort eine Metzgerei mit Gaststätte ein. »Ich war der Metzgermeister«, verrät der 77-Jährige.

Doch nach der Hochzeit mit Marianne im Jahr 1973 verschoben sich die Schwerpunkte. 1976 wurde die Metzgerei geschlossen, das Restaurant ausgebaut, die Speisekarte peu à peu erweitert.

Sie im Service, er in der Küche: Diese Arbeitsteilung haben die Eheleute beibehalten. Seinem Platz am Herd hält Günter Stiebing trotz gesundheitlicher Probleme bis heute die Treue.

Mitt Wehmut erinnern sich die beiden an die Zeiten, als Annerod ein beliebtes Ausflugsziel war. Vor allem für Gäste aus Gießen.

Die fuhren mit dem Bus bis zum Eichendorffring und spazierten dann auf dem Butterweg durch den Wald, um in einer der fünf Gaststätten einzukehren, mit denen Annerod damals aufwarten konnte.

 

Orientsteak und "Sauschwänze"

»Das Mühlchen, Engelhard, uns, Bauer und das Forsthaus«, zählt Marianne Stiebing auf. An Tagen wie Himmelfahrt sei es schwer gewesen, überhaupt irgendwo noch einen freien Platz zu finden. »Das war eine Völkerwanderung

Die Arbeitsbelastung wuppten die Eheleute mehr oder weniger alleine. Die Tochter habe viel geholfen, später auch der Enkel. »Wenn was ist, können wir uns auf die beiden auch heute verlassen.«

Die Eheleute erinnern sich gerne an ihre zahlreichen Stammgäste, darunter gut betuchte Geschäftsleute oder amerikanische Offiziere aus Gießen. »Ich habe mich manchmal gefragt, warum die ausgerechnet zu uns kommen«, erzählt die Wirtin. »Wir sind doch nur eine einfache Dorf-Gaststätte.«

Aber eine, in der bodenständig und solide gekocht wird. »Wir sind in der Region bekannt für unser Essen«, sagt Metzgermeister Stiebing selbstbewusst.

Er hat das Kochen bei der Marine gelernt und die Speisekarte der »Krone« peu à peu erweitert, denn Spezialitäten wie den Schlemmertopf oder das Orientsteak gab es in den Anfangsjahren nicht.

Damals dominierten Braten, Schnitzel, Bellschou. Und zur Kirmes gab es die legendären »Sauschwänze«, große Fleischstücke vom Schweinerücken, an denen das Ringelschwänzchen noch dran hing.

Ein amerikanischer Gast lobte »the best Schnitzel in Deutschland«, ein Stammtisch orderte regelmäßig »Forelle blau«. Die Fische besorgte Günter Stiebing fangfrisch in Beuern.

Das sind schöne Erinnerungen. Noch immer ist die »Krone« Treffpunkt von Stammtischen und Altersvereinigungen.

 

Geändertes Ausgehverhalten

Aber das geänderte Ausgehverhalten der Menschen haben auch die Stiebings und ihre Kollegen zu spüren bekommen. Von den einst fünf Lokalen in Annerod sind ganze zwei übrig, neben der Krone noch der »Struwwelpeter«, die frühere Gaststätte Bauer.

Die Ankündigung, dass sie das komplette Haus verkaufen wollen, sei bei den Stammgästen auf großes Bedauern gestoßen, erzählt Marianne Stiebing. Aber leider brodele seither auch die Gerüchteküche.

»Mal hieß es, wir machen im November zu, dann wieder Silvester«, ärgert sich die Wirtin. »Manche Gäste haben schon angerufen und gefragt, ob sie überhaupt noch kommen können.«

 

Es brodelt in der Gerüchteküche

Die Antwort lautet: Ja. Marieanne Stiebing: »Solange wir es gesundheitlich können, machen wir weiter bis zum letzten Tag. Und den werden wir rechtzeitig ankündigen.«

Dem Verkauf ihrer langjährigen Wirkungsstätte blickt die Wirtin mit gemischten Gefühlen entgegen. »Manchmal denke ich: hoffentlich meldet sich morgen ein Käufer. Und manchmal: hoffentlich dauert es noch recht lange.«

 

Wirtshäuser im Dorf

Kein Einzelfall

Annerod mit nur noch zwei verbliebenen Lokalen ist beileibe kein Einzelfall. Viele Orte haben damit zu kämpfen, dass immer mehr Traditionsgasthäuser und Kneipen zumachen, auch im Kreis Gießen. In Grünberg etwa schloss vor rund zwei Jahren die über den Ort hinaus bekannte Speisegaststätte »Zum Bahnhof«. In Allendorf/Lumda war nach fast sechs Jahrzehnten im vergangenen November das Ende von »Klements Post« besiegelt. Die Gründe für das Kneipensterben sind vielschichtig, mal findet sich kein Nachfolger, mal ist ein Schicksalsschlag Auslöser, mal bleiben die Gäste aus. Vor allem aber macht sich das geänderte Ausgehverhalten bemerkbar. Auf Facebook haben wir Sie gefragt, welche der geschlossenen Lokale Ihnen am meisten fehlen? Unter anderem nannten Sie: Beinhart (Lindenstruth), Zur Lahnbrücke (Ruttershausen), Gasthaus Schröder (Leihgestern), Zur Traube (Laubach) Töff Töff (Lich) und Goldene Nuss (Watzenborn-Steinberg).

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