13. Februar 2019, 22:11 Uhr

Ein Kinderheim zieht um

In Reiskirchen planen die Schottener Sozialen Dienste ein Wohnheim für 24 Kinder und Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung. Die Bungalows am bisherigen Standorts in Langgöns sind nicht mehr zeitgemäß. Doch die Suche nach einem passenden Grundstück war nicht leicht.
13. Februar 2019, 22:11 Uhr
Lange Jahre haben die Schottener Dienste nach einem neuen Standort im Landkreis Gießen gesucht. Jetzt sind sie in Reiskirchen fündig geworden. In absehbarer Zeit werden sie mit den Kindern in ein neues Zuhause umziehen. (Symbolfoto: dpa)

Im Eingang türmen sich Schuhe in vielen Größen, an der Haustür stehen in bunten Buchstaben die Vornamen von bis zu acht Jungen und Mädchen. Seit bald fünf Jahrzehnten sind die Bungalows am Ortsrand von Langgöns in Richtung Leihgestern das Zuhause von Kindern und Jugendlichen, die geistig und teilweise auch körperlich beeinträchtigt sind. In absehbarer Zeit werden sie umziehen. Der Träger der Einrichtung, die Schottener Sozialen Dienste gGmbH, planen einen Umzug nach Reiskirchen. Wenn alles glatt geht, soll der Neubau in der Goethestraße im Laufe des kommenden Jahres bezugsfertig sein. Er wird, genau wie das alte Heim, 24 Plätze haben.

Am neuen Standort fühlen sich die künftigen Bewohnern willkommen. »Wir sind in der Gemeinde auf großes Wohlwollen gestoßen«, sagt Angelika Maus, die Regionalleiterin der Schottener Sozialen Dienste für den Landkreis Gießen. Auch die Gespräche mit den Nachbarn seien positiv verlaufen.

Das war längst nicht überall so. »Gefühlt sind wir seit 20 Jahren auf der Suche nach einem passenden Grundstück«, sagt Maus. Das idyllische Gelände in Langgöns, das am Waldrand und direkt neben der großen Wohnanlage für Erwachsene mit geistiger und psychischer Behinderung liegt, lässt zwar keine Wünsche offen, aber die Bungalows sind in die Jahre gekommen. Als sie in den frühen 70er Jahren gebaut wurden, herrschten ganz andere Standards. Die Zwei-Bett-Zimmer und das Gemeinschaftsbad waren damals üblich, erinnern aber ein bisschen an Jugendherberge. Heutzutage hat man andere Vorstellungen. »Jugendliche brauchen ihr eigenes Zimmer«, sagt Einrichtungsleiter Richard Dost. »Damit vermeidet man Konflikte.« Um den Förderrichtlinien des Sozialministeriums zu entsprechen, wird außerdem für jedes Zimmer ein separates Bad geplant.

Die Kinder und Jugendlichen, die von den Mitarbeitern der Schottener Dienste betreut werden, kommen aus der ganzen Region. »Unser Einzugsgebiet reicht bis in den Frankfurter Raum«, erläutert Angelika Maus. Und weil die Eltern nicht unbedingt alle ein Auto haben, war bei der Suche nach einem neuen Standort vor allem eines wichtig: eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Am besten ein Bahnhof. Den hat Reiskirchen, und außerdem eine gute Infrastruktur mit Arztpraxen und Geschäften, die zu Fuß zu erreichen sind. »Ziemlich ähnlich wie Langgöns«, findet die Regionalleiterin. Weiterer Pluspunkt: Das Familienzentrum Anne Frank liegt direkt gegenüber und die Tagesstruktur des Martinsheims quasi um die Ecke. Beide Einrichtungen sind potenzielle Kooperationspartner.

Wichtig ist auch die Nähe zu Gießen. Viele Kinder und Jugendliche besuchen dort die Martin-Buber-Schule für geistige Entwicklung, einige haben weitere Anlaufpunkte: einen Hip-Hop-Kurs etwa oder Kontakte in eine Kirchengemeinde. Die Älteren und Selbstständigeren gehen zudem einfach mal gerne shoppen.

Wie schon in Langgöns sind auch in Reiskirchen drei Gruppen geplant. »Aber das neue Haus erlaubt individuellere Konzepte«, sagt Einrichtungsleiter Dost. Eine Gruppe wird den jüngeren Kindern vorbehalten sein. Und in den beiden Gruppen für die Älteren wird es jeweils ein separates Apartment geben, damit sich künftige Abgänger schon mal ein Stück weit abnabeln können. »Der Übergang in eine Erwachseneneinrichtung kann richtig hart sein«, erläutert Angelika Maus.

Die Kinder und Jugendlichen haben ganz unterschiedliche Diagnosen, manche sind auch mehrfach behindert. Bei allen geht es darum, das Potenzial, das da ist, bestmöglich zu fördern. »Einige blühen bei uns richtig auf«, erzählt der Einrichtungsleiter.

Warum die Kinder nicht in ihren Familien bleiben, hat ganz unterschiedliche Gründe. »Manchmal erkennen die Eltern, dass sich ihr Kind bei ihnen nicht weiterentwickelt«, erläutert Angelika Maus. Andere wurden vom Jugendamt rausgenommen. Und in manchen Fällen seien die Beeinträchtigungen so schwerwiegend, dass die Familie die Herausforderung allein nicht meistern kann. »Anders als die Eltern können unsere Erzieher nach acht Stunden nach Hause gehen,« sagt Dost.

Aber der Kontakt zu den Familien sei gewünscht und werde gefördert. Jedes zweite Wochenende und die Ferien verbringen die Bewohner bei den Eltern. »Sie haben im Grunde genommen zwei Zuhause.« Und künftig wird das zweite Zuhause in Reiskirchen sein.

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