07. Juli 2018, 18:00 Uhr

Weniger Singvögel

Droht bald wegen der Landwirtschaft der stumme Frühling?

Die heimische Singvogel-Population hat eine katastrophale Entwicklung genommen. Dr. Achim Zedler, NABU-Kreisverbandsvorsitzender macht vor allem der Landwirtschaft einen großen Vorwurf.
07. Juli 2018, 18:00 Uhr
Auch Rotkehlchen gibt es immer weniger im Kreis Gießen. (Fotos: Zedler/kgg)

Herr Zedler, Sie sprechen von einer katastrophalen Entwicklung bei den Singvögeln. Gibt es wirklich nur noch so wenige?

Achim Zedler: Gehen Sie nach draußen ins Feld und achten Sie darauf, wie viele Tiere Sie dort sehen. Sie werden kaum welche finden. Ein paar Rabenkrähen, ein paar Elstern, ein paar Feldlerchen, das war’s. Sie finden kaum noch Vögel.

Wie schnell ging diese Entwicklung vonstatten?

Zedler: Ich überblicke einen Zeitraum von rund 30 Jahren, in denen ich sogar durch Naturschutzgebiete gegangen bin und die Vögel gezählt habe. Arten, die klassisch sind für Mitteleuropa, haben drastisch abgenommen. Wir vom NABU haben immer wieder gewarnt, waren aber nun selbst überrascht, dass es so schnell ging.

Welche Arten sind besonders betroffen?

Zedler: Etwa die Zahl der Haussperlinge, also der Spatzen, hat stark abgenommen. Obwohl er bei uns vergleichsweise häufig vorkommt. Genauso die Kohl- und Blaumeise, der Buchfink, die Goldammer und die Schwalben. Auf einer landwirtschaftlichen Fläche nahe Fernwald-Steinbach von knapp 50 Hektar Größe habe ich in den 1980er Jahren die Feldlerche beobachtet. Damals waren es über 60 Brutreviere. Heute sind es dort gerade einmal zwei.

Also droht diese Art zu verschwinden?

Zedler: Ja. Jedenfalls konkret hier in Fernwald-Steinbach, aber auch andernorts im Landkreis Gießen.

Der Hauptfaktor für das Verschwinden von Vogelarten ist die Landwirtschschaft. Auch wenn das Landwirte nicht hören wollen

Achim Zedler

Worauf führen Sie das zurück?

Zedler: Der Hauptfaktor, den wir ausmachen, ist die Landwirtschaft. Das muss man leider so sagen, auch wenn das die Landwirte nicht hören wollen. Sie finden fast nur noch Monokulturen. Wenn Sie draußen sind, suchen Sie mal nach »Ackerunkräutern«. Also Pflanzen, die nicht erwünscht sind. Die finden Sie nicht und dadurch auch keine Insekten. Denn dagegen wird konsequent gespritzt. Das ist das Hauptproblem.

Warum setzen die Landwirte denn so auf Spritzmittel?

Zedler: Ich habe viel mit Landwirten gesprochen. Es ist mittlerweile so, dass sie nicht mehr ihr eigenes Saatgut ziehen, sondern es etwa von Firmen wie Bayer kaufen. Weil sie so starke Spritzmittel haben, dass sie dagegen resistentes Saatgut brauchen. Das ist aber gleichzeitig so konzipiert, dass die Landwirte daraus kein neues Saatgut ziehen können. Die Landwirte sind damit an die Firmen gebunden. Betriebswirtschaftlich macht so konventionelle Landwirtschaft kaum Sinn, denn es müssen immer größere Erträge erwirtschaftet werden, um über die Runden zu kommen, weil Saatgut und Spritzmittel so teuer sind.

Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung?

Zedler: Wenn man auf ökologischen Landbau umstellt, auf das Gift verzichtet und eigenes Saatgut zieht, hat man zwar mehr Ernteverlust, aber unterm Strich rechnet es sich vielleicht besser. Und man ist nicht von einem Konzern abhängig.

Sie sprechen aber auch von Vögeln in Naturschutzgebieten. Wieso sieht es dort ebenfalls so schlecht aus?

Zedler: Untersuchungen zeigen, dass das Gift aus der Landwirtschaft auch die Naturschutzgebiete trifft. Diese sind gerade hier bei uns zum Teil sehr kleinräumig. Wenn nebenan auf landwirtschaftliche Flächen gespritzt wird, bleibt es nicht aus, dass das Gift auch herüber fliegt. Ich habe das neulich selbst erlebt, in einem Naturschutzgebiet bei Hungen. Es war windig, und ich habe alles gerochen.

Immer häufiger wird entdeckt, dass die Brut verlassen wird, weil es nicht genug Nahrung gibt

Achim Zedler

Hängt auch das Insektensterben, das oft in einem Atemzug mit der Landwirtschaft genannt wird, mit dem Rückgang der Vogelwelt zusammen?

Zedler: Ja, auch das ist ein Grund. Zwar gibt es ja unter den Vögeln die Trennung zwischen Körner- und Insektenfressern, aber auch einige Körnerfresser brauchen Insekten.

Wofür?

Zedler: Nehmen wir beispielsweise die Spatzen. Eigentlich sind sie Körnerfresser, zur Jungenaufzucht brauchen sie aber Insekten, da diese anfangs Proteine brauchen. Wenn keine Insekten verfügbar sind, gibt es nicht genügend Nachkommen. Immer häufiger wird von den Nistkastenkontrolleuren entdeckt, dass die Brut verlassen wird, weil es nicht genug Nahrung gibt.

Sind auch Raubiere, wie etwa der Waschbär ein Problem für die Vogelwelt?

Zedler: Eigentlich nicht. Einen gesunden Vogel kann er eher nicht erwischen. Die Brut ist da eher in Gefahr. Aber dabei gilt: Er frisst den Häufigen häufiger und den Seltenen seltener. Die Arten sterben nicht aus, weil der Waschbär da ist. Der ausgeraubte Nistkasten ist sicherlich nicht schön, aber nur ein minimaler Faktor. Und gerade dabei kann man mit Draht gegensteuern, so dass der Waschbär gar nicht hineingreifen kann.

Betrifft auch der Klimawandel den Artenrückgang?

Zedler: Ja, richtig. Ein weiterer Faktor ist der Zugweg. Die Zugvögel nehmen stark ab. Es gibt aber einzelne Arten, die sich dem Klimawandel anpassen können, wie etwa die Mönchsgrasmücke. Sie hat in den letzten 30 Jahren einen neuen Zugweg gewählt. Ein Teil der hier lebenden Population zieht im Winter nach Südengland.

Ist es dort so warm?

Zedler: Ja , das ist ein Grund. Durch die atlantische Luft, wird es dort nicht so kalt. Zum anderen füttern die Engländer sehr gut, so dass die Mönchsgrasmücke damit offensichtlich gut durch den Winter kommt. Das ist eine Art, die sich angepasst hat, viele andere haben das nicht. Langstreckenzieher nehmen stark ab. Die Synchronisierung mit dem Klima ist nur ein Grund.

Welche Gründe gibt es noch?

Zedler: Die Vögel werden bejagt und im großen Stil gefangen. Das sind keine kleinen Mengen, da kommen Millionen von Vögeln um. In Italien, Spanien, Frankreich – eigentlich in ganz Südeuropa – überall wird gejagt. Es gibt zwar Gesetze, die das verbieten, die werden aber nicht eingehalten.

Die Politik und wir als Verbraucher müssen dafür sorgen, dass eine ökologisch gute Landwirtschaft besser gefördert wird.

Achim Zedler

Geht es also den Standvögeln besser als den Zugvögeln?

Zedler: Im Großen und Ganzen kann man sagen: Je weniger die Vögel ziehen, desto besser geht es ihnen noch. Aber auch den standorttreuesten, den Spatzen, geht es – wie gesagt – nicht gut. Der Amsel, die nur vergleichsweise kurze Strecken zieht, geht es noch nicht so schlecht. Früher sagte man dazu »Strichvögel«, davon gibt es aber nicht sehr viele Arten.

Was kann man gegen das Artensterben tun?

Zedler: Die Politik und wir als Verbraucher müssen dafür sorgen, dass eine ökologisch gute Landwirtschaft besser gefördert wird. Da hat die EU bislang ganz klar versagt, die konventionelle Landwirtschaft wird zu stark unterstützt, da muss sich dringend etwas ändern.

Kann auch der Gartenbesitzer etwas dagegen tun?

Zedler: Wir wissen, dass Privatleute teilweise noch mehr Gift spritzen als die Landwirte. Leute spritzen ihre Gehwege aus Bequemlichkeit, statt sich zu bücken und das unliebsame Gras auszureißen. Genauso wird im Winter lieber Salz geworfen, statt den Schnee wegzuschieben. Jeder kann also im privaten Bereich sehr viel machen, indem er auf Gift und massenhaft Salz verzichtet. Man kann auch mal Laub liegen lassen und den Rasen nicht so häufig mähen. Das ermöglicht mehr Lebensräume für Vögel. Und, genauso wie wir es jetzt in der Landwirtschaft mit Blühstreifen machen: Jeder kann in seinem Garten mehr Blütenpflanzen hochkommen lassen.

Für den Menschen ist es womöglich nicht so drastisch, solange er genug zu essen hat.

Achim Zedler

Und wie sieht es mit Nistkästen aus?

Zedler: Nistkästen bringen nicht viel. Genauso wie das Füttern. Dennoch werden dadurch lokale Brutpaare etwas gestärkt. Wenn man füttert, sollte man allerdings darauf achten, dass man Futtertanks hat, bei denen das Futter nachsickert. Laufen Vögel auf dem Futter herum, kann es durch deren Kot kontaminiert werden und Krankheiten übertragen. In der Vergangenheit hat ein Parasit beispielsweise bei Grünfinken ein Massensterben verursacht. Das wurde wohl durch solche Futterhäuser begünstigt.

Sollte man ganzjährig füttern?

Zedler: Ganzjährig ist zu befürworten, aber wenn man nur im Winter füttert, ist es auch gut. Die Tiere stellen sich schnell um, sie gehen eben dahin, wo es am bequemsten ist.

Wenn nun einzelne Vogelarten ausbleiben, welche Auswirkungen hat das speziell?

Zedler: Die Nahrungskette wird unterbrochen. Für den Menschen ist es womöglich nicht so drastisch, solange er genug zu essen hat. Das Ausbleiben der Arten ist aber ein Indikator dafür, wie es der Natur und damit unserer Umgebung geht und dass damit etwas stark im Argen liegt. Der Mensch kann nicht ohne die Natur. Allein schon, weil unsere Nahrung davon abhängt.

Was denken Sie, wie es um die Vogelwelt in den nächsten 15 bis 20 Jahren bestellt ist?

Zedler: Vom stummen Frühling hat schon der Wissenschaftsjournalist Horst Stern in den 1970er Jahren gesprochen. Und jetzt ist es soweit. Es singen zwar noch ein paar Vögel, allerdings stark gedämpft. Wenn sich nichts ändert, sehe ich schwarz.

INFO

Zur Person

Achim Zedler lebt in Fernwald-Steinbach und ist Facharzt für Orthopädie in Bad Nauheim. Der 56-Jährige ist seit 1987 ehrenamtlich im NABU aktiv und seit 1993 im NABU-Kreisvorstand, seit 2006 in leitender Position. Bereits seit 1991 gibt er den Vogelkundlichen Jahresbericht des Kreises Gießen heraus, seit 1994 erhebt er systematisch Daten über das Vogelvorkommen im Kreis. Seit 2004 ist er Mitglied der hessischen Kommission für seltene Vogelarten (Avifaunistische Kommission Hessens).

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