Dass es im und um das Porschezentrum Gießen in Wettenberg herum summt und brummt, ist nicht weiter verwunderlich. Wenn die Geräusche aber nicht aus dem Motorraum der glänzenden Edelkarossen, sondern aus zwei kleinen gelben Boxen direkt neben dem Eingang kommen, schaut man schon zweimal hin. Sollen die Gitterboxen etwa den Klang eines 911er 6-Zylinder-Motors imitieren? Weit gefehlt: Darin stecken jeweils 15 000 bis 20 000 Bienen. Aber Moment – was machen denn Bienen in einem Autohaus?

Hobby-Imker Sascha Greiner aus Wettenberg bringt Licht ins Dunkle: »In den kommenden Tagen werde ich zehn meiner Bienenvölker auf das Dach des Porschezentrums umsiedeln. Heute sind die ersten zwei dran.« Nach einem neuen Standort für die fleißigen Insekten hat er sich umgeschaut, da seine Völker am alten zuletzt Opfer von Vandalen wurden und er starke Verluste verzeichnen musste. Auf die Dach-Idee kam der gelernte Banker, der momentan bei einem österreichischen Unternehmen im Vertrieb arbeitet, auf dem Weg zur Arbeit. »Jeden Morgen komme ich hier vorbei. Im Umkreis von zwei bis drei Kilometern finden Bienen hier einen tollen Gabentisch vor«, erklärt er.

Mit den Bienenboxen muss er nun durch die Werkstatt, vorbei an den Mitarbeitern, hoch zu einer Leiter, die zur Dachluke führt. Spätestens jetzt wird das Hobby auch zum Sport für den 36-Jährigen. Aber nicht nur für ihn: Die über 30 Grad im Schatten machen auch den Bienen zu schaffen. Je wärmer es wird, desto lauter wird ihr Summen. »So kühlen sich die Bienen«, erklärt der Fachmann.

Auf dem Dach angekommen, stehen schon die bezugsfertigen Zargen bereit. Bis es überhaupt so weit kommen konnte, musste etwas Überzeugungsarbeit bei den Mitarbeitern des Autohauses geleistet werden. Vielleicht half dabei auch das Argument, dass Greiner eine besonders friedfertige Rasse züchtet, die unter Imkern »Carnica« und im Volksmund »Kärntner Biene« genannt wird, und als sehr sanftmütig gilt. Letztendlich sagte Porschezentrums-Chef Hans-Jürgen Klingelhöfer zu. Nachdem ein Statiker geprüft hatte, ob das Dach die Bienen überhaupt aushält – die zehn Völker können mit allem drum und dran etwa eine Tonne wiegen – konnte der Umzug vorbereitet werden.

Kurz vor dem eigentlichen Termin im Frühjahr, wurde der Hobby-Imker aber von einer Biene in die Hand gestochen. Das ist ihm zwar nicht zum ersten Mal passiert, das Resultat allerdings schon: Zuerst tat der Finger weh, später bildeten sich Quaddeln am Arm. »Dann ist mein Hals zugeschwollen«, erinnert er sich. Beim Arzt die Diagnose: allergische Reaktion. Eine Katastrophe für den Hobby-Imker. Er begab sich direkt in Behandlung, ließ sich desensibilisieren. »Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich es gut aufgenommen, trotzdem trage ich bei den Bienen nur noch Schutzkleidung«, sagt Greiner.

»Jetzt im Hochsommer ist zwar nicht die idealste Zeit, um Bienen umzusiedeln – es gibt gerade nicht viel Nahrung zu finden – es ist aber dennoch machbar«, hält Greiner in luftiger Höhe fest.

Bedächtig öffnet er die Transportkisten und schlägt die Bienen in die geöffnete Zarge ein. Mit einem Mal schwirren Tausende Bienen los. »Die Tiere sind nicht aggressiv, sie machen sich vielmehr mit ihrer neuen Umgebung vertraut«, erklärt Greiner. Mit Futter, einem Sirup auf Getreidebasis, lockt der Imker die nützlichen Insekten in ihre neue Behausung. Dazu setzt er die Königin ein. Sie hat sich zwar zuvor auch in der »Umzugskiste« befunden, allerdings zum Schutz separiert von ihrem Volk, denn die Bienen müssen sich erst an sie gewöhnen. »Die Königin ist quasi repräsentativ, das Sagen hat das Volk«, erklärt Greiner.

Die beiden Völker sind Kunstschwärme und aus Teilen verschiedener Völker zusammengesetzt. »Jetzt wird es spannend, ob die Bienen ihre Königin akzeptieren«, sagt Greiner. Das sei aber sehr wahrscheinlich, schließlich haben die Arbeiterinnen schon drei Tage mit ihrer Königin verbracht und sich »riechen« lernen können. Als überzeugendes Argument bringt das Bienenoberhaupt auch Futter mit.

Wenn nun auch die restlichen acht Völker in ihr neues Zuhause eingezogen sind, baut Greiner einen Sonnen- und Sturmschutz auf, auf dem Dach kann auch ein heftiger Wind für die nützlichen Tiere gefährlich werden. Rund zweimal im Jahr kann der Imker dann den Porsche-Bienenhonig ernten und ihn am Hof und in einigen privat geführten Edeka-Märkten im Umkreis verkaufen.

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