17. Juli 2018, 09:55 Uhr

Autobahn 485

Der Abriss der Autobahnbrücke bei Großen-Linden braucht Zeit

Weil die Bahnstrecke Gießen-Frankfurt unterhalb der alten Brücke der A485 verläuft, ist der Abriss sehr kompliziert. Ohne einen riesigen Kran geht gar nichts.
17. Juli 2018, 09:55 Uhr
Das Brückenteil wird bereits vom 60 Meter hohen Spezialkran gesichert, während Seilsägen die Enden abschneiden. Die Bahnstrecke Gießen–Frankfurt ist dafür voll gesperrt. (Fotos: pad)

An einem gewaltigen Kran hängt ein 22 Meter langes Teil der alten Autobahnbrücke. Rund 50 Tonnen wiegt es, den riesigen Doppel-T-Träger auf seiner Oberseite nicht mitgerechnet. Scheinbar federleicht schwebt es über den Lindener Wald und zurück auf den Ablageplatz auf der Autobahn 485, wo es später zerkleinert wird. Stück um Stück verschwindet so das alte Bauwerk.

 

Nichts darf auf die Gleise fallen

 

Für rund 28,8 Millionen Euro werden die Brücken der A 485 bei Linden derzeit abgerissen und neu gebaut. Sie sind in die Jahre gekommen und dem modernen Lkw-Verkehr nicht mehr gewachsen. Aktuell sind die Bauwerke in Fahrtrichtung Langgöns an der Reihe. Der Aufwand beim Abriss der Eisenbahnbrücke ist enorm: Während die alte Brücke über die Landesstraße zwischen Kleinlinden und Großen-Linden innerhalb von acht Stunden von fünf Baggern in ihre Einzelteile zerlegt worden war, dauern die Arbeiten bei der Brücke über die Bahngleise bereits seit Monaten an. Unter dem Bau aus dem Jahr 1969 verläuft die Bahnstrecke Gießen – Frankfurt. Die Deutsche Bahn hat vorgegeben, dass weder die Gleise noch die Oberleitung beschädigt werden dürfen. Darum müssen alle Teile beim Abriss nach oben heraus gehoben werden. Da die Schwerkraft hier ihren Widerspruch einlegt, geht nichts ohne Kran.

Die Brücke an einem Stück herauszuheben ginge nicht – dafür ist sie viel zu schwer. Also wurde sie der Länge nach in jeweils 50 Zentimeter breite Streifen zersägt. Diese werden an einen 80 Zentimeter hohen Doppel-T-Stahlträger festgeschraubt, um sie zu stabilisieren. Klingt kompliziert – und ist es auch.

 

Armdicke Stahlseile im Beton

 

»Wir haben hier eine Sache, die ist ganz schön schwer«, sagte der für die Baustelle zuständige Teamleiter Karl-Wilhelm Nusch. Denn in der Brücke lag wesentlich mehr Metall, als man vorher vermutet hatte. Unter anderem wurden 1969 armdicke Stahlseile als Spanneisen längs und quer durch das Bauwerk gezogen. Sie sollten den Beton stabilisieren. Wenn die Kreissäge über mehrere Meter in solch einem Seil entlangsägte, begann das Metall heiß zu werden und zu schmelzen. Dann blieb das Sägeblatt stecken. Den Schnitt einfach um ein paar Zentimeter nach rechts oder links zu verlegen, um den Seil auszuweichen, geht nicht. »Heute würde man die ordentlich und gerade legen. Damals wurden die aber in Wellen verlegt – dann sägt man ein paar Meter weiter wieder in das Seil«, erklärt Nusch. Also wich man auf eine Seilsäge aus, die so etwas besser wegsteckt. Zudem bedeute jeder Zentimeter mehr gleich einen ordentlichen Gewichtzuwachs – und das könnte den Abtransport dann unmöglich machen. Denn der Kran hat nur eine maximale Hebekraft.

 

60 Meter hoher Kran

 

Dabei hat man schon ein extra großes Exemplar nach Linden geholt. Rund ein Dutzend Schwertransporte waren notwendig, um ihn auf die Baustelle zu bringen. Die Anhänger stehen mehrere hundert Meter entlang in der Baustelle auf dem Standstreifen. Komplett aufgebaut wäre er 190 Meter hoch. Mit dem Kran werden normalerweise Windräder montiert. In Linden ragt er nur 60 Meter hoch in den Himmel – denn mehr braucht es nicht, um die Brückenfragmente über den Wald hinweg auf den Ablageplatz zu heben. Über die Seite der Autobahn, auf welcher der Verkehr rollt, dürfen sie übrigens aus Sicherheitsgründen nicht gehoben werden. So bleibt den Autofahrern auch das beklemmende Gefühl erspart, unter einem schwebenden Bauteil hindurchfahren zu müssen.

Alle Arbeiten, bei denen Teile hinab auf die Schienen fallen könnten, durften nur in Sperrpausen erfolgen. Um dennoch bereits im Vorfeld die Brücke zersägen zu können, wurden an der Unterseite Schutzpaneele angebracht. Diese fingen herabfallende Steine auf. Die Bohrlöcher, an denen beispielsweise die T-Träger später befestigt werden, konnten aber nur dann gebohrt werden, wenn kein Zug fuhr. Sonst würde unter Umständen ein zig Kilo schwerer und 80 Zentimeter langer Bohrkern plötzlich unkontrolliert nach unten rauschen und eine Bahn treffen.

Seit Samstagnachmittag war die Bahnstrecke Gießen-Friedberg gesperrt – das Startsignal für das Ausheben. Zunächst wurden die Enden an jedem Brückenstreifen mit der Seilsäge abgetrennt. Diese blieben bis zuletzt stehen, damit die Scheiben nicht einfach umkippen. Bereits da hing die Brücke zur Absicherung am Kran. Sobald sie durchtrennt sind, wird das Brückenteil herausgehoben und zur Seite gelegt. Bis das nächste Teil herausgehoben werden kann, dauert es fast drei Stunden: Denn so lange braucht die Seilsäge, um die Enden abzuschneiden.

 

Abriss geht nachts weiter

 

Da wird schnell klar: Der Brückenabriss konnte nicht an diesem Wochenende komplett erfolgen. Denn die Bahnstrecke war nur bis Sonntag, 16 Uhr gesperrt. »In den kommenden Nächten gibt es noch einmal Sperrpausen, da wollen wir dann pro Nacht je zwei Streifen von der Brücke herausheben«, erklärt Nusch. Bis Freitag sollten die Abrissarbeiten beendet sein (Aktualisierung 20.Juli: Die Arbeiten dauern noch über das Wochenende hinaus). In den kommenden Wochen werden die Bagger die alten Widerlager abreißen und die Bauarbeiten für die neuen Widerlager beginnen. Die Uhr tickt: Im August gibt es ein Zeitfenster von zwei Wochen, um die neuen Brückenteile einzubauen. Wie viel der Baukosten allein auf den aufwändigen Abriss der Brücke über die Bahnstrecke entfällt, steht noch nicht fest.

 
Fotostrecke: Brückenabriss bei Linden

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