28. August 2018, 19:10 Uhr

Gonterskirchen

Deals mit der »Glatze«: Angeklagter erzählt von Drogengeschäften vor Gewalttat in Gonterskirchen

Im Gerichtsprozess zu dem tödlichen Raubüberfall in Gonterskirchen haben sich zwei Angeklagte geäußert. Sie schildern dabei auch Deals mit einem Drogenboss namens »Glatze«.
28. August 2018, 19:10 Uhr
In diesem Haus wurde im November 2017 ein 57-jähriger Mann getötet. Ein Gerichtsverfahren versucht, die Tat aufzuklären. (Foto: srs)

Faustschläge, Schreie, dumpfe Tritte, Stöhnen vor Schmerzen: Diese Geräusche sollen in der Nacht des 28. Novembers 2017 aus dem Zimmer eines Hauses Am Heiligenstock in Gonterskirchen gedrungen sein – bis einer der Schläger den Wohnungsflur auf und ab gelaufen sein soll. »Ist er tot?«, soll er gerufen haben. So erzählte es am Dienstag ein 19-jähriger Mann aus Antwerpen vor der Jugendkammer des Gießener Landgerichts – er ist der jüngste der fünf Angeklagten, die sich für einen brutalen Raubüberfall in Laubach verantworten müssen, bei dem ein 57 Jahre alter Mann getötet wurde.

Sie hat geweint und gezittert. Sie hat mir leidgetan

19-jähriger Angeklagter

Er habe in Belgien gemeinsam mit seinem Bruder nur den Auftrag angenommen, Drogen zu transportieren, sagte der 19-Jährige. »Mir wurden 2000 Euro versprochen.« Er habe mit Komplizen in dem Haus in Gonterskirchen zunächst auch nach Drogen gesucht. Dann aber sei die Situation eskaliert. Die Gruppe habe das eintreffende Paar überwältigt. Ein 41-jähriger sowie ein 34-jähriger Angeklagter, die wie er damals von Belgien nach Laubach angereist sein sollen, hätten wieder und wieder auf den Mann eingeschlagen und eingetreten. Er habe währenddessen in einem Zimmer schräg gegenüber die gefesselte Frau des Opfers in Schach gehalten, sagte der 19-Jährige. »Sie hat geweint und gezittert. Sie hat mir leid getan.« Er habe sie nicht angefasst. Der 41-Jährige habe ihn nach dem Tod des Mannes dann aufgefordert, die Frau zu erwürgen. Da habe er sich geweigert. »Damit will ich nichts zu tun haben. Ich wollte lieber selbst sterben, als jemanden umzubringen.« Die Frau konnte später von Nachbarn aus dem brennenden Haus befreit werden.

Der 19-Jährige erzählte von einer anschließenden Verfolgungsjagd mit der Polizei. Er und sein Bruder hätten irgendwann das Auto abgestellt und seien zu Fuß geflüchtet. »Wir sind bestimmt zehn Kilometer gelaufen, sind an einem Bauernhof vorbeigerannt.« An einer Tankstelle hätten sie ein Taxi gerufen und seien von Frankfurt mit dem Zug zurück nach Belgien gefahren. Sein Bruder sitzt nicht auf der Anklagebank, er ist in Belgien wegen einer anderen Straftat in Haft.

 

Opfer soll Drogenkurier gewesen sein

Das Wort Gonterskirchen nahm der 19-jährige Antwerpener übrigens nicht in den Mund, sprach in der Erinnerung an die Nacht im November nur von dem »dunklen Dorf«. Gänzlich glaubwürdig war die Aussage des 19-Jährigen allerdings nicht – vor allem seine Angaben, nur von einem Transport gewusst und in dem Haus nicht einen Schlag oder Tritt verübt zu haben.

Hintergrund des Raubmords sollen Drogengeschäfte zwischen Spanien und Deutschland gewesen sein. Für einen Einblick sorgte am Dienstag ein 31-jähriger Angeklagter aus Friedrichsdorf. Er sowie zwei Cousins und auch der 41-jährige mutmaßliche Haupttäter hätten Ende Oktober 2017 Geschäfte mit einem Drogenboss in Malaga gemacht, der dort unter dem Spitznamen »Die Glatze« bekannt sein soll. »Ich wollte für 7500 Euro Marihuana kaufen«, sagte der Friedrichsdorfer. Er habe der »Glatze« das Geld gegeben. Auch das spätere Todesopfer in Gonterskirchen soll damals in Malaga gewesen sein – als Drogenkurier. Eines Abends seien dann schwarze Tüten voll mit dem Marihuana, das die Angeklagten gekauft haben sollen, in einen Caravan des Kuriers geladen worden sein – laut Staatsanwaltschaft 100 Kilogramm. Das spätere Opfer sollte die Drogen nach Deutschland fahren, erzählte dann aber später, dass er ausgeraubt worden sei. Die Angeklagten – allen voran der 41-Jährige – sollen ihm diesen Überfall nicht geglaubt haben. Dies ist offenbar der Anlass für die Gewalttat in Gonterskirchen.

Der 31-jährige Angeklagte aus Friedrichsdorf behauptet, in Laubach nur am Rande beteiligt gewesen zu sein. »Ich habe den Taxifahrer gespielt«, sagte er. »Ich habe nicht gewusst, worum es geht.« Im Haus sei er nicht gewesen. Stattdessen habe er vergeblich versucht, einen im Schlamm steckenden, von ihm gemieteten Wagen zu befreien. Dass ihm, wie er sagte, die verschwundenen Drogen egal seien, mochte ihm der Vorsitzende Richter nicht glauben. Daraufhin antwortete der Angeklagte mit überraschender Höflichkeit: »Ich sage Ihnen die Wahrheit, der Herr.«

Info

Frau sagt am Dienstag aus

Sieben Männer sollen an dem Raubmord in Gonterskirchen beteiligt gewesen sein. Neben den fünf Angeklagten sitzt einer bereits in Belgien im Gefängnis. Ein weiterer Mann – Inhaber einer Gaststätte in Friedrichsdorf – ist flüchtig. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt, dann soll die Partnerin des Todesopfers aussagen.

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