27. Mai 2018, 19:58 Uhr

Christlich oder nicht christlich?

27. Mai 2018, 19:58 Uhr
Über das geplante Völkermorddenkmal in Pohlheim diskutierten die Teilnehmer auf dem Podium mit den Gästen im Saal. (Foto: kgg)

»Das Geheimnis der Erlösung (auch als Versöhnung übersetzt) ist die Erinnerung.« Dieses jüdische Sprichwort setzte der Moderator, Laubachs ehemaliger Pfarrer Ulf Häbel, an den Anfang der Diskussion um das geplante Denkmal »für die Opfer des Völkermordes an den Christen im Osmanischen Reich 1915« in Pohlheim. Die Erinnerung sei keine Sache einzelner, sondern vieler Menschen. Zur Diskussion hatte der Grünen-Stadtverband am Freitagabend in das Gasthaus »Grüner Baum« in Watzenborn-Steinberg eingeladen. Der Vorsitzende Eckard Hafemann stellte die Diskussionsteilnehmer vor, die anschließend ihre Meinung zum Denkmal erläuterten. Ein Stuhl blieb leer: Pater Arsenios von der griechisch-orthodoxen Gemeinde war verhindert.

Zeynal Sahin, der Vorsitzende des Ausländerbeirates Gießen und selbst Armenier, erläuterte die Geschichte hinter dem Völkermord und machte deutlich: »Solange die Türkei diese Morde leugnet, solange gehen sie weiter.« In der Türkei werde »Armenier« noch immer als Schimpfwort benutzt.

Isray Budak, der in der Osttürkei geboren ist, stellte klar, dass er aus privater Motivation an der Diskussion teilnahm und nicht in seiner Funktion als SPD-Stadtverordneter. Er erzählte, dass seine beiden Großväter Zeitzeugen und Verfolgte waren, sie aber glücklicherweise überlebten und so die Geschichte weitertragen konnten. »Ich sehe das Denkmal als Zeichen der Wertschätzung und des Verständnisses. Es soll heißen ›Ich verstehe dich, ich kenne deinen Hintergrund‹«, erklärte Budak.

Dem stimmte auch Nubar Telmeci zu. Er sei für das Denkmal als »Zeichen des Nicht-Vergessenwerdens«. Es solle auch daran erinnern, dass es eine Geschichte erzählt, die auch die Deutschen angeht. Das Deutsche Reich war damals Verbündeter des Osmanischen Reichs. Die Deutschen wussten von der Verfolgung und den Morden, griffen aber nicht ein. Telmeci: »Egal wo ein Mensch stirbt – man muss sich dagegen stellen«.

Bernd Apel von der Profilstelle Ökumene der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, beschäftigte sich in seiner kurzen Rede mit der Zukunft. »Eine ehrliche Erinnerung ehrt die Opfer auch über die Nachgeborenen und mindert das Wiederholungspotenzial der Tat«, hielt er fest. Er erachtet ein Mahnmal in Pohlheim für alle Opfer von Verfolgung und Mord als sinnvoll. Denn alle Minderheiten, egal ob Aramäer, Armenier, Assyrer, Jesiden oder Aleviten, seien durch ihre Geschichte in Pohlheim zusammengekommen – auch mit türkischen Muslimen. »Deshalb sollte das Mahnmal ein Angebot der Versöhnung für nachgeborene Opfer und Täter sein.« Dabei sollte bei der Gestaltung des Denkmals dieser Vielfalt Rechnung getragen werden.

Versöhnung im Mittelpunkt

Tim van Slobbe gab aus dem Publikum zu bedenken, ob das Wort »christliche Opfer« auf dem Mahnmal stehen sollte. »Auch Nicht-Christen wie Jesiden und Aleviten sind damals Opfer geworden und nicht alle Muslime sind Täter gewesen«, sagte er. Da die Deutschen damals mit dem Osmanischen Reich verbündet waren, seien somit auch Christen Mittäter gewesen. Derzeit gebe es viele, die versuchten Keile in die Gesellschaft zu treiben, wie Rechte, die gegen Muslime hetzen. Deshalb plädierte er dafür, »christlich« zu streichen, da es »gefährlich für die Gesellschaft ist, weil es spaltet«.

Abraham Abrahamian, der Ausländerbeiratsvorsitzende der Stadt Linden, hält das Denkmal für wichtig, denn es sei »Respekt für die Opfer«. Ohne die Erinnerung unterstütze man das damalige Osmanische Reich.

Der Konsens des Abends lautete: Die Versöhnung soll im Mittelpunkt des Denkmals stehen. Viel Applaus erhielt Budak, der sagte: »Man darf den Glauben nicht dazu verwenden, sich gegenseitig zu hassen.« Das waren zugleich die Schlussworte der Diskussion. Hafemann bat darum, die Gedanken um das Wort »christlich« an den zuständigen Beirat zu richten. Dieser werde bald Näheres zum Denkmal bekanntgeben.

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