Unabhängige Bürgermeister

Bürgermeister im Kreis Gießen: Unabhängig, parteilos und erfolgreich

Ein neuer Typus Bürgermeister zieht in die Rathäuser im Kreis Gießen: Sie sind zunehmend parteilos oder unabhängig. Wir gehen dem Trend auf die Spur.
23. Februar 2018, 14:04 Uhr
Bürgermeisterwahl in Biebertal: Patricia Ortmann verfolgt die Ergebnisse am Wahlabend. Foto: so

Thomas Bender war so einer, Patricia Ortmann wird so eine: Bürgermeister und Bürgermeisterin ohne Parteibuch – und mehr noch: Bürgermeister, die ihre Unabhängigkeit durchaus betonen. »Das ist für mich Wählerwunsch und Wählerauftrag: Die Menschen wollten jemanden Neutrales, Unabhängiges haben«, sagt Patricia Ortmann. An diesem Donnerstagabend wird sie in Biebertal im Bürgerhaus Rodheim ins Amt eingeführt. Zugleich wird Bender in den Ruhestand verabschiedet.

Bei aller Unterschiedlichkeit stehen beide für einen anderen Typus Bürgermeister. Sie kommen nicht originär aus der Verwaltung respektive dem Staatsdienst. Und sie haben den Weg ins Amt nicht der Ochsentour in der Partei oder mit einer Partei zu verdanken, auch wenn sie 2005 beziehungsweise 2017 von den Freien Wählern unterstützt wurden.

 

CDU-Mitglied tritt bewusst als unabhängiger Kandidat auf

Mit dem Etikett »unabhängig« sind Bender und Ortmann nicht allein: Florian Langecker, der in der Rabenau demnächst das Bürgermeisteramt antritt, macht aus seiner CDU-Mitgliedschaft keinen Hehl. Aber er ist im Wahlkampf bewusst als unabhängiger, überparteilicher Kandidat angetreten. »Deswegen habe ich alles weitgehend alleine geschultert, mit allem was dazu gehört«, sagt er rückblickend. Unterstützung aus dem engsten Familien- und Freundeskreis war natürlich hilfreich. Aber finanzielle Unterstützung wollte er nicht in Anspruch nehmen.

Weiteres Beispiel: In Reiskirchen bewirbt sich Dietmar Kromm in diesem Jahr um eine zweite Amtszeit – ebenfalls als Unabhängiger. Er war vor sechs Jahren von der CDU unterstützt worden.

 

Landesweit stellen Unabhängige die Mehrheit

Ist das der Trend? Immerhin sind weitere fünf Bürgermeister im Kreis bei den Freien Wählern. Drei gehören der CDU an und sechs weitere kandidierten als Sozialdemokraten.

Landesweit stellen unabhängige Rathauschefs schon seit einiger Zeit die Mehrheit. Das belegt eine Auswertung von Marcel Schlosser: Der junge Christdemokrat, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Grünberg, hat sich die Hessenkarte 2012 und Anfang 2017 angeschaut und kommt zu dem Befund, dass rund 150 der 423 Kommunen von unabhängigen Bürgermeistern geleitet werden. Mittlerweile sind noch ein paar dazugekommen. Rechnet man die Freien Wähler im Rathaussessel hinzu, sind es hessenweit rund 40 Prozent.

 

Grund ist nicht in erster Linie Politikverdrossenheit

Seit Mai 1993, also seit knapp 25 Jahren, werden Bürgermeister (und Landräte) in Hessen direkt von den Bürgern gewählt. Das hat ihre Rolle gegenüber den Parlamenten, aber auch gegenüber den Parteien gestärkt. Und es gibt ihnen die Möglichkeit, sich frei von parteipolitischen Zwängen zu profilieren. Trifft dieses Werben für unabhängige Positionen auf Bürger, die über den etablierten parteigeprägten Politikbetrieb verdrossen sind, dann stärkt dies Kandidaten, die dort eben nicht eingebunden sind.

Das Stichwort ist also nicht in erster Linie Politikverdrossenheit, sondern eine Distanzierung von den etablierten Parteien respektive deren Repräsentanten. Wenn sich dies noch mit einer tendenziell sinkenden Wahlbeteiligung verbindet, so kann dies die Chancen unabhängiger Kandidaten bei Direktwahlen erhöhen.

 

Unternehmensberater und Handballer als Rathauschefs

Und wie sehen Profil oder Herkunft der Bewerber aus? Das ist heute nicht mehr zwingend der gelernte Diplom-Verwaltungswirt. Ortmann beispielsweise ist Verlagskauffrau und hat zuletzt im Bereich Ehrenamtskultur gearbeitet sowie Moderationen gemacht. Oder der Allendorfer Thomas Benz, ein Freier Wähler, kommt aus dem Vertrieb eines Lebensmittelkonzerns und hat eine gewisse lokale Popularität durch sein Engagement im Handball. Bender war Unternehmensberater, managte in Biebertal ehedem einen großen Sportverein.

Es erhöht jedenfalls die Chancen, gewählt zu werden, wenn ein Kandidat bereits aus anderem Kontext wie etwa Vereins-Engagement positiv bekannt ist. Das Fachmagazin »Politik und Kommunikation« konstatierte dazu bereits vor einigen Jahren: Es »entscheiden heute die persönlichen Kompetenzen der Bewerber (Fachkompetenz, Kommunikations- und Sozialkompetenz) die Wahlen zum Bürgermeister«. Eine Parteizugehörigkeit trete als Wahlargument in den Hintergrund und könne aufgrund von »parteipolitischen Reibungsverlusten« sogar nachteilig sein.

Ob dem so ist, das muss Patricia Ortmann in Biebertal ab 1. März herausfinden – als unabhängige Bürgermeisterin. Dabei kann sie jedenfalls auf Rat von Gleichgesinnten setzen, wenn sie dies will: Einen Mitgliedsantrag haben ihr die »Partei-unabhängigen Bürgermeister« schon zukommen lassen. (Foto: pm)

 

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