28. August 2018, 10:00 Uhr

Kita

Ayse Güngör trägt auch als Erzieherin ihr Kopftuch

Sie ist gläubig und arbeitet für die evangelische Kirche. Alles ganz normal? Nicht ganz. Ayse Güngör ist Muslima. Und sie trägt ihr Kopftuch auch als Erzieherin im Kindergarten in Hungen.
28. August 2018, 10:00 Uhr

Von Ursula Sommerlad , 1 Kommentar
Beide glauben an den einen Gott: Pfarrer Marcus Kleinert und Ayse Güngör. Die bekennende Muslima trägt ihr Kopftuch auch bei der Arbeit als Erzieherin im evangelischen Kindergarten. (Foto: us)

Erzieherinnen werden überall händeringend gesucht. Doch Ayse Güngör hatte Schwierigkeiten, eine Stelle für ihr Anerkennungsjahr zu finden. Der Grund: Sie ist gläubige Muslima. Sie trägt ein Kopftuch. Und sie will es auch im Kindergarten nicht ablegen.

Erst nach zahlreichen Bewerbungen hat die 24-Jährige einen Arbeitgeber gefunden. Die evangelische Kirchengemeinde Hungen hat sie zum 1. August für den Kindergarten »Grashüpfer« eingestellt. »Wir sind sehr froh, dass sie Teil unseres Teams ist«, sagt Pfarrer Marcus Kleinert.

 

 

Wir brauchen Menschen, die von ihrem kulturellen Hintergrund her Brücken bauen können

Pfarrer Marcus Kleinert

 

Dass eine Muslima für die evangelische Kirche arbeiten darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Üblicherweise wird Mitarbeitern die Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche abverlangt. Ausnahmen sind möglich, wenn es aus konzeptionellen Gründen sinnvoll erscheint. Und das sei in Tagesstätten, in denen auch Kinder anderen Glaubens betreut werden, der Fall, sagt Pfarrer Kleinert.

»Wir brauchen Menschen, die von ihrem kulturellen Hintergrund her Brücken bauen können.« Auch bei den »Grashüpfern« gibt es schon längere Zeit eine Erzieherin mit muslimischem Hintergrund. Doch bei ihr fällt das nicht auf. Bei Ayse Güngör schon. Sie trägt ein großes Tuch, das ihre Haare komplett bedeckt.

 

Kirchenvorstand stimmt mit großer Mehrheit zu

 

Kleinert berichtet, dass sich der Kirchenvorstand die Einstellung dieser Bewerberin reiflich überlegt und schließlich mit großer Mehrheit zugestimmt habe. Den Ausschlag gab ein längeres Gespräch, dass der Pfarrer, die Vikarin und eine Kirchenvorsteherin mit der Bewerberin führten. »Das hat uns so überzeugt, dass wir gesagt haben: Sie ist ein Glücksfall«, sagt Kleinert.

Ayse Güngör hat nicht immer Kopftuch getragen. Die Tochter aus kurdischer Familie, die im Alter von sechs Jahren nach Hungen kam, die örtliche Gesamtschule besuchte und nach dem Fachabitur ihre Erzieherinnen-Ausbildung an der Gießener Alicenschule absolvierte, hat sich erst im Alter von 20 Jahren entschlossen, ihr Haar zu bedecken.

»In vielen Familien wird das Kopftuch aus Gewohnheit getragen«, berichtet sie. Bei ihr sei das anders. Für sie sei es einzig und allein ein Zeichen ihres Glaubens. »Ich habe mich damit auseinandergesetzt. Jetzt stehe ich dazu. Seit vier Jahren gehört das Kopftuch zu meiner Identität.« Deshalb könne sie es auch nicht einfach am Arbeitsplatz ablegen. »Entweder man trägt es oder man trägt es nicht,« findet sie. Ihre jüngere Schwester zum Beispiel trägt es nicht. »Ob sie es dabei belässt, ist ganz allein ihre Entscheidung,« sagt Ayse Güngör.

 

Schon andere kirchliche Arbeitgeber

 

Dass sie sich bei ihrer Einstellung verpflichten musste, in ihrem Dienst »das Christentum und seine Grundüberzeugung« zu achten«, war für die junge Frau kein Problem. Sie sei schon für andere kirchliche Arbeitgeber tätig gewesen, habe unter anderem ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Diakonie absolviert und für die Caritas Hausaufgabenhilfe geleistet.

»Es ist mir wichtig, andere Religionen kennenzulernen und mitzuerleben«, sagt sie. Als sie vor gut zwei Wochen im Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche als neue Erzieherin im Anerkennungsjahr vorgestellt wurde, hat sie sich sogar segnen lassen. Den Pfarrer hat das positiv überrascht. »Das ist ja ein christliches Ritual.« Für die 24-Jährige aber war das kein Thema: »Ich glaube eh daran, dass Gott mich schützt.«

 

Für die Kinder kein großes Ding

 

Weder Ayse Güngör noch Marcus Kleinert. zweifeln daran, dass ihr Gott ein und derselbe ist. Die Religionen seien lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen, um mit ihm in Kontakt zu treten, sagt der Pfarrer. »Da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Da gibt es Parallelen. Und natürlich auch Unterschiede.« Zum Beispiel das Kopftuch.

Die Kinder, mit denen die junge Erzieherin arbeitet, machen daraus kein großes Ding. »Sie fragen höchstens mal, warum ich es trage. Oder warum es jeden Tag ein anderes ist,« erzählt die Erzieherin. Doch dann sei meistens ganz schnell ein anderes Thema interessanter. Rückmeldungen von Eltern habe Güngör bislang nicht bekommen. »Nur ein Großvater hat mich einmal gefragt, ob ich die Dame aus der Kirche sei.«

 

Pfarrer wünscht sich offene Diskussion

 

Auch der Pfarrer hat noch keine offene Kritik vernommen. Doch er weiß, dass es Vorbehalte gegen die Stellenbesetzung gibt. Er bedauert, dass der Islamismus für manche Menschen, Christen wie Muslime, die Vorstellung vom Islam präge. »Dabei ist er eine Perversion dieser Religion.«

Deshalb wünscht sich der Pfarrer eine offene Diskussion. Vielleicht sei die Begegnung mit einer Muslima in kirchlichen Diensten ja auch eine gute Gelegenheit, eigene Vorbehalte zu überprüfen.

Ayse Güngör jedenfalls hat mit Offenheit gute Erfahrungen gemacht. »Ich habe türkische Freunde, ich habe deutsche Freunde, ich habe alevitische Freunde. Wir können trotzdem miteinander sprechen und Mensch sein.«

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