In den letzten Jahren hüllten immer wieder Baugerüste das alte Gebäude der Hofapotheke in der Kaiserstraße ein. Seit 2016 wurde es umfangreich saniert. Nun sind die Arbeiten abgeschlossen, das Haus erstrahlt in neuem Glanze.

Bei der Gestaltung der Fassade achtete Frank Anhäuser, Besitzer des Gebäudes und Inhaber der Hofapotheke, darauf, das Wesen des Hauses aus den 1850er Jahren zu erhalten. Dieses ist untrennbar mit der Geschichte der Hofapotheke verbunden.

Die Apotheke selbst ist wesentlich älter als das Haus, existierte bereits vor über 350 Jahren. Damals saß man noch in der Obertorstraße innerhalb der Stadtmauern. Die Apotheke hatte vom Fürsten das Privileg verliehen bekommen, Medizin selbst herstellen zu dürfen – daher der Name.

Als Hungen immer weiter wuchs, die Stadtmauern sinnbildlich sprengte und die Kaiserstraße neu angelegt wurde, entschloss sich die Apothekersfamilie, hier ein neues Geschäftshaus bauen zu lassen. Aus Lehmziegeln wurde das Gebäude errichtet. Das war in den 1850er Jahren.

Pillen selbst hergestellt

Über eine Außentreppe kamen die Kunden hinein in den Verkaufsraum im Erdgeschoss. Nach den Rezepten der Ärzte wurden Pillen hergestellt, Pulver abgewogen und Salben angerührt. Die Zutaten dafür sowie jede Menge Tee lagerten in den Regalen sowie im Keller. Damals wie heute hatte die Apothekersfamilie im ersten Stock ihr Quartier. In der zweiten Etage unter dem Dach gab es viele kleine Zimmer, jedes mit einem eigenen Waschbecken ausgestattet. »Da haben die Angestellten gewohnt«, berichtet Anhäuser. Das war damals so üblich – und hatte über viele Jahrzehnte auch praktische Gründe. Getreu dem Spruch »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« konnten sich Auszubildende früher keine eigene Wohnung leisten. Wer jedoch nicht direkt aus Hungen kam, musste morgens irgendwie zur Arbeit kommen. Da war ein kleines Wohnquartier eine feine Sache. Zudem gehörte damals auch eine Haushälterin zur Apotheke.

Die Apothekenräume von damals wären allerdings heute nicht mehr zeitgemäß – allein schon die hohe Eingangstreppe würde ältere oder gebrechliche Menschen vor ein Problem stellen. Bereits in den 1970er Jahren zog der Verkaufsraum daher in einen ebenerdigen Anbau um. Dieser Gebäudeteil spiegelt die Funktionsarchitektur der damaligen Zeit wieder: Große Fensterfronten, Betonelemente, Metalldachkante.

Die Kaiserstraße lud in dieser Zeit sowieso immer weniger zum Flanieren und Häuser angucken ein: Der Verkehr auf der Bundesstraße 457 nahm ständig zu, der Ruß der Autoabgase schlug sich auf den Fassaden der Häuser nieder. Die alte Außentreppe wurde abgerissen. Über das glanzvolle Haus legte sich eine Schmutzschicht.

Bereits als Frank Anhäuser das erste Mal nach Hungen kam, gefiel ihm dieses Bauwerk dennoch sofort. Der Wetzlarer trat Mitte der 1990er eine Anstellung in der Hofapotheke der Familie Gärtner an. Zwischenzeitlich war er hier Pächter, seit 2000 ist er Inhaber. Er und seine Frau setzten sich das Ziel, dem Haus wieder seinen alten Glanz zurückzugeben, dabei aber auch eine moderne Nutzung möglich zu machen.

Schnell wurde klar: Der alte Putz muss dafür runter. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hatten die Handwerker immer wieder nur neues Material auf die alte Front aufgetragen. »Fünf Tonnen Putz haben sie hier heruntergeklopft«, berichtet Anhäuser. Mit einem speziellen historischen Putz wurde die Fassade gestaltet. Die Stelle, an der einst die Eingangstür der alten Apotheke war, deutet nun ein Portal an.

Für die Fenster fertigte ein Schreiner aus Fronhausen extra Läden an, die Dachgauben wurden mit Schiefer neu verkleidet. Auch die alte Haustür und die Kellerfenster wurden kunstvoll wieder instandgesetzt. Langfinger brauchen sich hier aber keine Hoffnungen zu machen: Hinter der alten Fassade steckt jede Menge moderne Sicherheitstechnik und Metall. »So eine Apotheke muss schließlich sicher sein«, sagt Anhäuser. Denn das Erdgeschoss wird weiterhin für Lager- und Bürozwecke genutzt. Auch fast 170 Jahren nach seinem Bau geht die Geschichte in dem Haus der Hofapotheke somit weiter.

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