12. Juni 2018, 13:00 Uhr

Disco-Brand

Als das »Atlantis« in Trohe zur Ruine wurde

Es war eine der legendären Discos im Landkreis. Vor 30 Jahren brannte das »Atlantis« – und brachte die Feuerwehren an ihre Grenzen. Der Fall gibt bis heute Rätsel auf.
12. Juni 2018, 13:00 Uhr
Im Juni 1988 brannte die Diskothek »Atlantis« in Trohe. Die Ermittlungen deuteten auf Brandstiftung hin. (Foto: Troher Chronik)

Meterhoch züngeln Flammen in den Nachthimmel über Trohe. Dicke Rauchschwaden liegen in der Luft. Immer wieder ist in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1988 lautes Knallen zu vernehmen, das Bersten des Eternit-Daches klingt wie explodierende Feuerwerkskörper.

Gegen 3.40 Uhr setzt ein Anwohner einen Notruf ab: »Die ehemalige Disco ›Atlantis‹ brennt lichterloh!« Weitere Anrufe folgen. Alle Feuerwehren der Busecker Ortsteile werden alarmiert und sind schnell vor Ort.

Wir waren damals nicht so gut ausgestattet wie heutet

Frank Müller, damals stellv. Ortsbrandmeister

»Wir waren damals nicht so gut ausgestattet wie heute«, blickt Frank Müller zurück, seinerzeit stellvertretender Ortsbrandmeister. Die Fahrzeuge stammten teilweise aus den 60er Jahren.

 

Löschen aus acht Rohren

In ganz Buseck gab es nur ein Löschfahrzeug mit Wassertank, das gerade einmal 2500 Liter Wasser an Bord hatte. Um an Nachschub zu gelangen, werden Schlauchleitungen zur Kilometer entfernten Wieseck gelegt, aus insgesamt acht Rohren bekämpfen die Wehren das Feuer.

Schließlich brechen sie die Stahltüren auf und werden von einem tosenden Inferno empfangen. Müller war bei diesem »Innenangriff« dabei: »Ich bin dann mit Atemschutz reingegangen«, allerdings ohne Feuerschutzjacke und -haube, wie sie heute Standard sind.

Damals trugen die Feuerwehrleute noch orange Jacken, die kaum Schutz boten. Müller erlitt Verbrennungen an den Ohren, auch andere Kameraden trugen leichte Verletzungen davon. »Das war kein schönes Gefühl«, sagt der Feuerwehrmann mit 30 Jahren Abstand.

 

Qualmende Ruine

Unterstützt wurden die Busecker von benachbarten Wehren, insgesamt seien etwa 100 Brandbekämpfer im Einsatz gewesen. Immerhin, berichtet der Ex-Ortsbrandmeister, habe Buseck damals viel Routine im Löschen gehabt. Anfang der 1980er habe eine Serie von rund 70 Bränden für Aufsehen gesorgt – gelegt von einem Feuerwehrmann, wie Richter später feststellten.

Gegen 5 Uhr lichten sich die Flammen, die ehemalige Disco ist zur qualmenden Ruine geworden. Müller und seine Kollegen ziehen sich bald wieder aus dem Gebäude zurück, man lässt es kontrolliert abbrennen.

Derweil fahren Streifenwagen durch benachbarte Orte, die der Rauch inzwischen erreicht hat. Per Lautsprecher fordern sie die Bevölkerung auf, vorsichtshalber die Fenster zu schließen.

 

Ermittler vermuten Brandstiftung

Zum Glück hat das »Atlantis« in jener verheerenden Nacht nicht geöffnet. Der Sachschaden wird später auf mehrere Millionen D-Mark geschätzt. Brandermittler der Kriminalpolizei und des Landeskriminalamts nehmen die Arbeit auf und kommen bald zu einem brisanten Ergebnis: Es war Brandstiftung, vermutlich mittels Benzin.

Der oder die Täter hatten das Feuer offenbar in einem angebauten Schuppen gelegt, von dort griff es auf die Räume der Diskothek über und erfasste auch ein darüber gelegenes Versandlager. Pappkartons wirkten wie Zunder und trugen dazu bei, dass das Gebäude im Flammenmeer aufging.

Im Dorf war der Brand das Thema schlechthin. Günther Grimm, heute Vorsitzender des Feuerwehrvereins in Trohe, wohnte damals außerhalb. Die Brandnacht hat er nicht vor Ort erlebt, doch an die Stimmung danach erinnert er sich noch gut: »Es war zweigeteilt: Auf der einen Seite war das ›Atlantis‹ sehr bekannt. Dass es abgebrannt ist, war gerade für viele jüngere Leute hart«, sagt Grimm.

 

Schuldfrage bis heute ein Rätsel

Doch bei Weitem nicht alle Troher hätten der einst legendären Disco nachgetrauert: »In den letzten Jahren war das ›Atlantis‹ nicht mehr so toll, sondern eher runtergekommen.« Die Klientel habe allmählich gewechselt, es sei häufiger zu Schlägereien gekommen.

Die Frage, auf wessen Konto der Brand geht, ist bis heute nicht geklärt. In Trohe machten bald Gerüchte über angeblichen Versicherungsbetrug die Runde, doch dies haben Ermittlungen offenbar nie erhärtet.

Nach dem Brand wurde bekannt, dass das Gebäude in dieser Form nie genehmigt worden war. Wo einst das »Atlantis« Feiernde anlockte, steht heute das Neubaugebiet »Auf der Weißburg«.

Bis heute hat es in dem Fall weder eine Anklage noch eine Verurteilung gegeben, und dies dürfte sich auch nicht mehr ändern: Laut Strafgesetzbuch verjährt Brandstiftung nach zehn Jahren.

 

Info

Von Peter Maffay bis »Rollschuhdisco«

Seit 1974 zog das »Atlantis« im Keller einer Lagerhalle in Trohe Feierwütige aus ganz Mittelhessen an. Dort gastierten unter anderem Peter Maffay, Marianne Rosenberg und Wolfgang Petry.

DJ Jürgen Schließner am Plattenteller. (Foto: privat)
DJ Jürgen Schließner am Plattenteller. (Foto: privat)

Anfangs umfasste der Club rund 250 Quadratmeter, später sogar 850. Neben Schlagern wurden Soul, Funk und Rock geboten. Geöffnet war das »Atlantis« zu Hochzeiten Dienstag bis Sonntag mit wechselndem Programm, dazugehörten der »Bundeswehrtag« und die »Rollschuhdisco am Dienstag«. Geschlossen wurde um 1 Uhr nachts. Auch Rollschuh-Tanzkurse wurden angeboten. (edg/jwr)

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