27. August 2018, 18:00 Uhr

Von oben

Als Grüningen in ganz Europa einen guten Namen hatte

Die Zeiten ändern sich: Das beschauliche Grüningen war vor rund 600 Jahren europaweit bekannt. Und noch viel früher lebten hier Neandertaler. Ein Ortsporträt.
27. August 2018, 18:00 Uhr
Heute ein Dorf, vor rund 600 Jahren dank seiner Wolltuchmacher eine bekannte Stadt: Grüningen. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Was für ein Blick. Was für eine traumhafte Aussicht. Wer die 52 Treppenstufen der Grüninger Warte erklimmt und rundum in die Weite schaut, sieht das Schiffenberger Tal, den Vogelsberg, die Wetterau und das Gießener Land. Grün überall.

Die auf dem 280 Meter hohen Wartberg stehende Grüninger Warte ist der Aussichtspunkt im Süden des Kreises – im Volksmund »Hoinkdippe«, also Mustopf genannt.

Selbstverständlich blickt man hier von oben auch auf das beschauliche Grüningen. Wobei: Beschaulich waren vor 600 Jahren eher die übrigen heutigen Pohlheimer Dörfer, da war Grüningen bereits eine Stadt.

 

Eine eigene Waidmühle

Im 15. Jahrhundert erlangte Grüningen zudem europaweit Bekanntheit – als Stadt der Wolltuchmacher. Es gab dort ein Färbehaus und eine eigene Waidmühle zum Zerkleinern des wichtigen Farbstoffes. Auch zahlreiche Leinweber lebten in Grüningen.

Auf der Messe in Frankfurt wurde das Grüninger Tuch nach ganz Europa verkauft. Da das Befahren der Wetterauer Straßen nach Frankfurt mit wertvoller Fracht gefährlich war, erhielten die Grüninger damals Geleit vom Rat der Stadt Frankfurt. Im 16. Jahrhundert allerdings ging die Tuchmacherei wieder zurück. Zum wirtschaftlichen Niedergang Grüningens hat später unter anderem der Dreißigjährige Krieg beigetragen.

 

Funde aus der Altsteinzeit

Grüningen, am nördlichsten Zipfel des früheren Römischen Reiches gelegen, verdankt dem Lorscher Kodex die erste urkundliche Erwähnung vom 3. Mai 799.

Damals vermachte ein gewisser Seckehart alles, was er in Holzheim, Grüningen, Bergheim, Güll, Lich, Feldheim, Birnkheim und Weisel besaß, dem Kloster Lorsch. Die damaligen Mönche hielten die Schenkung für die Nachwelt schriftlich fest.

Wer durch und rund um Grüningen einen Spaziergang unternimmt, stößt immer wieder auf Gebäude und Mauerwerke, die Geschichte atmen – wie der 1713 aus einer früheren Windmühle entstandene Hoinkdippe, die um 1400 erbaute Stadtmauer, der Diebsturm, die im 16. Jahrhundert erweiterte Kirche und die liebevoll renovierte Burgruine.

Für den Bau der Burg waren einst 20 000 Ochsenfuhren nötig, um die Steine heranzufahren. Funde aus der Altsteinzeit belegen übrigens, dass einst der Neandertaler in der Grüninger Gemarkung lebte.

 

Name stammt aus der germanischen Zeit

Der Ortsname Grüningen stammt aus der germanischen Zeit. Er ist auf einen gewissen »Gruono« zurückzuführen, der dort einen Hof oder eine Dorfsiedlung hatte.

Die Burg wurde erstmals vor 600 Jahren urkundlich erwähnt. Bereits vor 1397 erhielt Grüningen das Recht, Märkte abzuhalten. Als Stadt durfte sich Grüningen erstmals um 1400 bezeichnen. Erst dann durfte auch die Stadtmauer errichtet werden.

 

Wahrzeichen der Region

1464 erhielt ein Dietrich Geißler von seinem Dienstherren, den Herren von Eppstein, die Genehmigung, ein Hofstatt neben der Burg zwischen Kirchhof und der Brücke zu errichten.

Diese Brücke konnte archäologisch nachgewiesen werden. Hölzer der Brücke wurden bei einem Suchschnitt in vier Metern Tiefe unter der Sohle des Burggrabens gefunden.

Ebenfalls wurde auf der Sohle im Turminnern eine Münze, ein Heller des 13. Jahrhunderts gefunden. Damit wird die Existenz der Burg vor 1394 belegt. Wann die Burg zur Ruine wurde, ist bisher unklar.

Fest steht, dass im Dreißigjährigen Krieg »Vagabunden« Grüningen in Brand steckten.

 

Beliebtes Ausflugsziel

Unweit des Dorfs, in dem einst die Tuchmacher lebten, steht mit der Grüninger Warte ein heute sehr beliebtes Ausflugsziel – ein Wahrzeichen der Gießener Region.

Das unter Denkmalschutz stehende, elf Meter hohe Gebäude wurde im vergangenen Jahr für 135 000 Euro saniert. Weizen wird in der einstigen Mühle wohl auch in Zukunft nicht mehr gemahlen.

Der ein oder andere Ausflügler aber wird im Schatten der Grüninger Warte sicher eines trinken, nachdem er die herrliche Aussicht genossen hat.

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