30. August 2018, 22:11 Uhr

975 Kilometer sind länger geworden

Die Partnerschaft zwischen Brassac und Lollar hält seit drei Jahrzehnten, am Donnerstagabend ist wieder Besuch aus Frankreich eingetroffen. Doch die Busse sind längst nicht mehr so voll wie einst. Woran liegt es, dass der Völkerfreundschaft im Kleinen der Nachwuchs fehlt?
30. August 2018, 22:11 Uhr
1987, kurz vor Gründung der Städtepartnerschaft. Während des Pfingstmarktes wird in Brassac der Lollarer Platz eingeweiht. (Foto: tb)

Die Distanz zur Partnerstadt Brassac verrät in Lollar ein Schild am gleichnamigen Platz: 975 Kilometer. Doch die Freundschaft zwischen den Städten hat, wie auch das Schild, an Strahlkraft verloren. Vor 30 Jahren wurde der Bund zwischen den beiden Kommunen geschmiedet, der aus persönlichen Bindungen dies- und jenseits der Grenze erwachsen war.

Im vergangenen Jahr fuhr ein Bus aus Lollar zu den Freunden in der Auvergne, am Donnerstagabend ist der Besuch zur Rückverschwisterung im Lumdatal eingetroffen. Die deutsch-französische Freundschaft hat in diesem Fall drei Jahrzehnte überdauert. Die Busbesatzungen sind mittlerweile allerdings weitaus überschaubarer.

Cornelia Maykemper, Vorsitzende des Partnerschaftskomitees und FDP-Stadtverordnete, ist von Anfang an dabei. »Damals war die Salzbödener Feuerwehr gut vertreten«, erinnert sie sich an Besuche aus der Gründerzeit. Diesmal hätten zwei Paare aus Frankreich angefragt, ob sie bei deutschen Feuerwehrleuten unterkommen könnten – niemand habe sich gefunden. Maykemper freut sich auf ein schönes Wochenende im Zeichen der internationalen Freundschaft. Die Zukunft des Austauschs sieht sie aber mit Sorge. »Sie glauben nicht, wen ich alles angerufen habe«, sagt Maykemper. Seit einem halben Jahr habe sie händeringend nach Gastgebern in Lollar gesucht. Eine Szene sei besonders symptomatisch für die mangelnde Begeisterung in Sachen Partnerschaft gewesen: Vor einigen Wochen wandte sich Maykemper in der Stadtverordnetenversammlung an ihre Parlamentskollegen. Für eine 18-Jährige aus Brassac werde dringend noch eine Gastfamilie gesucht. Da herrschte Schweigen.

Doch woran liegt es, dass das Engagement für die deutsch-französische Freundschaft in Lollar binnen 30 Jahren offenbar nachgelassen hat? »Wir sind überaltert, auf beiden Seiten.« Einige der langjährigen Partnerschaftspfleger seien mittlerweile über 70 – da werde es natürlich zunehmend schwierig, Gäste zu umsorgen. Mitunter, so Maykempers Eindruck, mache sich aber auch eine gewisse Trägheit breit. Die Busfahrt nach Brassac sei so lang, heiße es nicht selten. Auch in Brassac habe das Engagement inzwischen nachgelassen, doch über die lange Busfahrt habe sich dort noch niemand beschwert.

Vor allem aber mangelt es der Partnerschaft an Nachwuchs. Ein Problem, von dem viele Vereine ein Lied singen können. »Ich will nicht über ›die Jugend‹ schimpfen«, sagt Maykemper, »aber man will sich heute nicht mehr so festlegen.« Mehr Angebote für die Freizeit, eine zunehmende Individualisierung, sinkendes Interesse an der französischen Sprache, verebbende Begeisterung für das Projekt Europäische Einigung – all das und mehr mag eine Rolle spielen. »Oft bekomme ich zu hören: ›Ich spreche kein Französisch.‹ Aber heute haben doch alle Handys!« Ohnehin verständigten sich die wenigen jungen Teilnehmer heute meist auf Englisch. Sie habe vor 30 Jahren auch kein Französisch gesprochen, paukte in der Schule Latein. Eher zufällig kam sie dann zum Partnerschaftskomitee, das die Verbindung zu Brassac-les-Mines pflegt – und ist inzwischen frankophil geworden. Doch mit ihrem Latein ist sie ein Stück weit am Ende, wenn es um die Werbung von Nachwuchs geht.

Auch vonseiten der Stadt Lollar würde sich Maykemper mehr Unterstützung wünschen. »Letztes Jahr war der Bürgermeister in Brassac dabei, aber kaum Stadtverordnete«, beklagt sie. Immerhin schieße die Kommune finanziell etwas hinzu, wenn es auch nicht viel sei. Zuschüsse seien erforderlich, »damit wir angesichts der Gastfreundschaft in Brassac nicht dumm dastehen«. Der Festakt, die Busfahrt, Gastgeschenke – all das koste ja schließlich Geld.

»Europa kann anstrengend sein«, sagt Maykemper, »aber wenn wir nicht mal mit unseren nächsten Nachbarn zusammenarbeiten, wird es schwierig«. Sie wolle die Lollarer aufrütteln. Zwischen all den Krisen und Konflikten, die den politischen Alltag beherrschten, müsse man auch mal durchatmen. »Ich finde den Vergleich mit Nachbarn schön, die sich am Gartenzaun treffen und einfach gemütlich ein Bier trinken.«

975 Kilometer. Die Distanz zwischen Brassac und Lollar ist auf der Karte unverändert. Die Verbindung hält. Gefühlt waren sich beide Orte aber schon mal näher.

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