23. Juli 2018, 05:05 Uhr

»Kulturschock«

245 Tage am Hindukusch: Lollarer erzählt von seinen Bundeswehr-Einsätzen in Afghanistan

Florian Wagner ist verwurzelt in seiner Heimat Ruttershausen. Vor wenigen Jahren trug er noch Uniform, war für die Bundeswehr in Afghanistan. Wie blickt er auf seine Einsätze zurück?
23. Juli 2018, 05:05 Uhr
Die Bundeswehr engagiert sich seit bald 17 Jahren in Afghanistan. Florian Wagner aus Ruttershausen war dort von Ende 2010 bis Anfang 2011 und im Sommer 2012 im Einsatz. (Symbolfoto: dpa/ISAF)

Kabul im Sommer 2012: Die Luft flimmert über staubigen Straßen. Überall hupen Autos, Fahrräder und Mofas schlängeln sich durch kilometerlange Staus. Mittendrin in diesem Chaos steckt Florian Wagner aus Ruttershausen – auf dem Dach eines gepanzerten Fahrzeugs, neben ihm ist ein Gewehr – ein G36 – verankert. »In Kabul steckt man irgendwann zwangsläufig im Stau«, sagt Wagner heute. »Dann sitzt du auf dem Präsentierteller.« Der 33-Jährige erzählt von seinen zwei Einsätzen für die Bundeswehr in Afghanistan, als Richtschütze sicherte er dabei Transporte der Truppen.

Es ist eigentlich traurig, aber man gewöhnt sich sehr schnell wieder an diese Welt

Florian Wagner

In kurzer Hose und T-Shirt sitzt Wagner in einem abgekühlten Raum, trinkt eine Tasse Kaffee. »Heute bin ich ein Nerd«, sagt er lächelnd. Er arbeitet als Fachinformatiker. Bei der Bundeswehr ist er nicht mehr. Der Bund hat die Umschulung bezahlt. »Mit der Mittleren Reife wäre es schwierig geworden, Fachinformatiker zu werden. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich gerne hinwollte.«

 

 

Sorgenfrei - passt nicht ganz

Der Ruttershausener strahlt Ruhe aus – auch, wenn er von seinen 245 Tagen in Afghanistan erzählt. Ende 2010 und im Sommer 2012 flog er für jeweils vier Monate in das Kriegsgebiet. Spricht er von dieser Zeit, verwendet er aber ein Wort, das man so gar nicht erwartet: »sorgenfrei«. Wagner räumt ein, dass der Begriff nicht völlig passe. Dennoch: Soldaten führen Befehle aus, stehen als Kameraden zusammen. »Es war einfacher«, erklärt er. Die Tätigkeit sei zudem sicher, so leicht verliere man den Job nicht.

Foto: srs
Foto: srs

Gänzlich sorgenfrei waren die Einsätze als Oberstabsgefreiter in Kabul zweifellos nicht. Bei der Sicherung von Transporten seien die »harmlosesten« Zwischenfälle« gewesen, »als Kinder ans Fahrzeug gekommen sind und Geld wollten.« Habe man nichts gegeben, hätten sie den Konvoi bespuckt, andere hätten mit Obst und Steinen geworfen. »Sie haben damit deutlich gemacht, dass sie uns dort nicht wollen.«

Wagner berichtet: »Wir waren auch mal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.« Einheimische hätten sich untereinander einen Auftrag geklaut. »Dann fährt man plötzlich mit gepanzerten Fahrzeugen durch eine Schießerei.« Für die Bundeswehrsoldaten sei die Anweisung gewesen: »Von allem, was passiert, lässt man die Finger. Sonst ist man schnell in inneren Konflikten verwickelt« So fuhren sie an der Steinigung einer Frau vorbei, ohne einzuschreiten. »Hier in Deutschland würde man natürlich etwas tun.« In Afghanistan aber laute der Auftrag der Soldaten, Deutschland am Hindukusch zu verteidigen.

 

 

Brenzlige Situationen gut verarbeitet

 

Der Lollarer erlebte brenzlige Situationen: Während einer Fahrt reißt mitten in Kabul der Keilriemen des Fahrzeugs. Die zehn Soldaten steigen aus, um auf den Bergungstrupp zu warten. Kinder nähern sich, auch Erwachsene, es werden immer mehr, sie schreien in arabischer Sprache. Die Einheimischen fassen Wagner und seine Kameraden an. Es wird hektisch. Hinzu kommt: 30 Meter entfernt sind zerstörte Mauern. Wenige Tage zuvor gab es einen Anschlag auf die italienische Botschaft, ein Kind hatte ein Paket mit einer Bombe abgelegt. »Da schaut man den Tatsachen ins Gesicht«, blickt Wagner zurück. »Hier geht’s vielleicht um dein Leben.« Dann aber kommt der Bergungstrupp. »Wir sind immer heil geblieben.«

In solchen Einsätzen werde man erwachsen, habe ihm ein Kumpel gesagt. Wagner stimmt zu: »Man lernt, mit Fingerspitzengefühl zu handeln, denkt anders nach.« Brenzlige Situationen habe er gut verarbeitet, sie beschäftigen ihn heute nicht. »Das ist vielleicht eine Typfrage.« Mittlerweile habe er eher Angst davor, morgens zu verschlafen und zu spät zur Arbeit zu kommen.

Die Gießener Allgemeine Zeitung hat Wagner vor sieben Jahren in Ruttershausen besucht, als er frisch von seinem ersten Einsatz zurückgekehrt war. Tränen flossen bei den Eltern. Um damals den Abschiedsschmerz vor den Einsätzen in Grenzen zu halten, fuhren ihn Freunde und nicht die Familie zum Flughafen. »Ich habe erzählt bekommen: Ein Freund musste später sein Auto anhalten, ist in Tränen ausgebrochen.« Das habe ihn sehr berührt, sagt Wagner.»Man weiß ja nie: Sieht man sich wieder?«

 

 

Nicht ein negativer Tag

 

Zurück in der Heimat stand er damals im Garten seiner Eltern. Hyazinthen blühten himmelblau, die pure Idylle. Er sprach von einem »Kulturschock«. Man lerne neu zu schätzen, wie gut es einem geht. Heute hält er fest: »Es ist eigentlich traurig, aber man gewöhnt sich schnell wieder an diese Welt.«

Denke er an die Zeit in der Bundeswehr, packe ihn bisweilen Fernweh, sagt er. Zur Bundeswehr sei er gegangen, »weil ich nach meiner kaufmännischen Lehre eine Perspektive gebraucht habe.« Er habe als Soldat nicht einen negativen Dienst erlebt. Verlassen hat er den Militärdienst, weil seine ursprüngliche Kompanie in Koblenz/Lahnstein geschlossen wurde. Er sei froh, im zivilen Leben Fuß gefasst zu haben. Währenddessen nimmt der bald 17 Jahre andauernde Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr kein Ende.

Lange Jahre war Wagner als Handballer beim TV 1905 Mainzlar aktiv. Mittlerweile ist er nach Butzbach gezogen. Der Kommandoton zählt nicht mehr zu seinem Sprachgebrauch – von einer Ausnahme abgesehen. Für den TSV Griedel spielt er in seiner Freizeit in der Landesliga. Außerdem trainiert er dort die zweite Damenmannschaft. »Manchmal bin ich im Training schon ein bisschen forsch«, gesteht er. »Dann antworten Spielerinnen auch mal scherzhaft: »Wir sind hier nicht bei der Bundeswehr.« (Foto: srs)

Info

"Wenig Ehre für Soldaten"

Emotional war für Florian Wagner die Rückkehr auf dem Militärflughafen in Köln. »Wenn Familien und Freunde klatschen, das macht einen stolz.« Dennoch ist er der Ansicht, dass das Ansehen der Bundeswehr leide. »In Deutschland wird jedem hinterhergetrauert – egal wer stirbt. Aber toten Soldaten wird wenig Ehre gezeigt.«

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