24. November 2017, 17:18 Uhr

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Das Verhältnis Mensch/Tier ist von Gegensätzen geprägt. Viele Menschen verwöhnen Hund und Katze. Andere können diese »Viecher« nicht ausstehen. Tierschützer freuen sich über die Rückkehr des Wolfs. Viele Jäger aber wollen die Ausbreitung des Raubtieres mit allen Mitteln verhindern. Heute starten wir eine Serie über eine höchst komplizierte Beziehung, die auch in unserer Region zu heftigen Konflikten führt.
24. November 2017, 17:18 Uhr

In der Schöpfungsgeschichte ist das alles kein Problem: Da schuf Gott die Vögel und alles, was unter und über Wasser schwimmt. Das kann jeder Interessierte im 1. Buch Mose lesen. Dann kamen die Tiere dazu, die auf dem Land leben. Und schließlich – als »Krone der Schöpfung« – der Mensch. Für all das, was Mensch und Tier zum Leben brauchen, hatte der himmlische Vater schon vorher gesorgt. Nahrung gab es in Hülle und Fülle: Bäume, Früchte, Samen, Gras – ein Paradies, aus dem wir Menschen nur wegen eines wurmstichigen Apfels vertrieben wurden. Und wegen einer Schlange.

Diese Geschichte war übrigens der erste Hinweis darauf, dass Mensch und Tier nicht immer gut zusammenleben können oder wollen. Schon bald gab es immer mehr Konflikte. Das hat sich bis heute nicht geändert. Was daran liegen könnte, dass der liebe Gott vergessen hat, ein klares Regelwerk aufzustellen. Da müsste zum Beispiel drinstehen: »Lieber Mensch, lass deinen Hund nicht überall sein Geschäft verrichten. Oder nimm einen Plastikbeutel mit und mach es weg. Und führe deinen besten Freund an der Leine, sonst verbreitet er Angst und Schrecken.« Gott hätte dem Waschbären das Lesen beibringen müssen, damit der diese Regel versteht: »Waschbär, du darfst den Menschen nicht ihre Dämmung unter ihren Hausdächern zerstören. Bleib im Wald und ernähre dich redlich. Merk dir das, du Frechdachs.« Vermutlich würde Gott aber gar nicht Frechdachs sagen, denn damit könnte er die Dachse gegen sich aufbringen – und auch manche Tierschützer, die den Waschbären ganz possierlich finden.

Der himmlische Herrscher hätte viel zu tun, wenn er das Miteinander von Mensch und Tier selbst bis ins Kleinste regeln müsste. Dem Marder müsste er unter Androhung von Gewalt befehlen, dass er keine Kabel in Automotoren anknabbern soll. Den Wespen, dass sie keine Nester in den Häusern der Menschen bauen dürfen. Dem Wolf, dass er seine Ernährung auf pflanzliche Kost umstellen und um den Menschen einen weiten Bogen machen soll. Was Isegrim ja auch tut, aber der Mensch treibt sich auch draußen in der Natur herum, und dann wird’s manchmal eng. Da sagt sich dann mancher Mensch: »Es kann nur einen geben!« Und schießt den armen Wolf tot.

Ein Wolf lebt nicht vom Gras allein

Menschen müsste Gott viele Ansagen machen. Vor allem: »Ihr dürft die Tiere nicht quälen. Ihr müsst sie achten und gut behandeln. Ihr sollt euch nicht wie kleine Götter aufführen, denn ich bin hier der Chef.« Der Schöpfer aller Dinge hat zwar einst gesagt: »Sie (also wir Menschen) sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!« Er hat aber nie gesagt: »Mensch, wenn dir danach ist, dann kannst du jeden Wolf abknallen wie einen räudigen Hund. Und wenn du noch eine Kugel im Lauf hast, dann ballere auch noch auf den nächsten Luchs, der dir vor die Flinte läuft.«

Klingt übertrieben martialisch, und das soll es auch – denn genau so geht’s doch manchmal zu in Feld und Wald. »Was soll ich denn machen«, sagt sich der Mensch. »Ich habe Schafe auf der Weide, die muss ich beschützen.« Ein anderer ruft vom Hochsitz herab: »Ich muss auf meine Rehe aufpassen.« Da kommt dann die BUND-Ortsgruppe mit Transparenten um die Ecke, und der Vorsitzende sagt: »Der Wolf lebt nicht vom Gras allein, er braucht auch Fleisch, also müssen wir ihm ab und zu ein Opfer(-Lamm) bringen.« Und die Menschen, die sowohl den Wolf als auch die Schafe mögen, sagen: »Hätte Gott doch nur Vegetarier erschaffen, dann wäre alles nur halb so wild.« Der Verstand müsste uns sagen: Wir können nicht alles Leid verhindern – und das Wort Nahrungskette bedeutet: Es geht immer um das Fressen und Gefressenwerden.

Vom Instinkt getrieben

Nun hat Gott aber nicht nur Vegetarier erschaffen. Warum auch immer. Tatsache ist: Irgendwie machen alle, was sie wollen. Oder besser: Was ihr Instinkt ihnen sagt. Beim Menschen sollte aber die Vernunft hinzukommen, dazu Verantwortung, Empathie und Mitgefühl, eine robuste Kompromissfähigkeit. Leider mangelt es oft daran.

Wenn man Frauchen/Herrchen und Hund spazieren gehen sieht, könnte man denken: Mensch und Tier, das passt zusammen. Und nicht nur, wenn ein T-Bone-Steak auf dem Grill liegt. Die Wahrheit sieht dann doch oft leider ganz anders aus. Aber wer ist schuld daran? Der Waschbär ist nicht über den Atlantik geschwommen, um die Europäer zu ärgern. Der Wolf tötet nicht, weil er Spaß daran hat. Diese Tiere tun Dinge, die in ihrer Natur liegen. Könnte es also sein, dass vielleicht die Krone der Schöpfung für ganz viele Probleme die Ursache ist? Dieser Frage wollen wir nachgehen. Wir machen das gemeinsam mit Prof. Dr. Hans-Peter Ziemek und Dr. Anna-Katharina Wöbse vom Institut für Biologiedidaktik der Uni Gießen. Im Rahmen einer Serie die Redaktion jeweils den Blick auf die Problemfelder. Prof. Ziemek und Dr. Wöbse schreiben über die biologischen Aspekte und die kulturhistorischen Hintergründe. Und wir alle zusammen versuchen, Lösungsansätze aufzuzeigen.

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