10. April 2017, 09:56 Uhr

Marburger Prinzessin

Yvonne ist ein Mann

Dieser Blick! Dieser unendlich traurige Blick, der durch Mark und Bein dringt. Tief rührt sie die Herzen, diese »Yvonne, Prinzessin von Burgund«. Eine Inszenierung von Sascha Nathan in Marburg.
10. April 2017, 09:56 Uhr
Yvonne (Karlheinz Schmitt, l.) provoziert die Aufmerksamkeit des Prinzen Philipp (Moritz Pliquet). (Foto: Jan Bosch)

Hässlich soll sie sein, apathisch und schweigsam zudem: Es dauert über eine halbe Stunde, bis Yvonne trotzig ihren ersten Satz sagt: »Ich bin gar nicht beleidigt.« Und dennoch wirkt sie so, zutiefst verletzt, einfach nur da stehend, ist sie für ihre Mitmenschen schon eine Provokation. Für Karlheinz Schmitt hat die Stunde des Rollenglücks geschlagen. Wie dieser lange Kerl in seinem adretten Mädchenkleid samt weißer Strickstrumpfhose vorsichtig trippelnd den Raum betritt, sich nicht mehr von der Stelle rührt und sämtlichen Anglotzereien standhält – das muss man erst mal bringen und vor allem durchhalten. Brav und regungslos legt er seine großen Hände auf dem Rock ab, mit dem er schon mal fein säuberlich die Fettfingerspuren von der Tür abwischt, nachdem er sich eine Wurst in der königlichen Speisekammer gemopst hat. Denn Yvonne ist in den Palast des Herrschers eingezogen, nachdem der gelangweilte Prinz Philipp auf sie aufmerksam wurde und sie nun als Verlobte ausgibt, um seine Eltern in Rage zu versetzen, sie dann aber doch irgendwann wieder ganz schnell loswerden will.

Es liegt nahe, dass der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz in Yvonne das ganze Leid seines Volkes hineinprojeziert hat, das im Laufe der Geschichte immer still und duldsam seine Opferrolle annahm, sich den jeweiligen Herrschern unterordnete. Doch Gombrowicz’ Gesellschaftssatire trägt deutliche Züge des absurden Theaters, die Gastregisseur Sascha Nathan genüsslich herauskitzelt. Seine Königsfamilie wirkt herrlich überdreht und dekadent. Zu ihrer Unterhaltung müssen die Hofschranzen schon mal zu Musik von Chopin – am Klavier sitzt Kammerherr Artur Molin – im Tutu über die Bühne spitzentänzeln.

Sascha Nathan, sonst als Schauspieler in Frankfurt aktiv, hat das Marburger Ensemble samt Gästen ordentlich durchgeschüttelt und kann die Früchte seiner Lust an der Selbstironie, am Spiel mit gängigen Theaterzitaten, ernten. Erstaunlich, wie es ihm bei seinem ersten großen Abendstück gelingt, das Können der Profis mit den Möglichkeiten der Laiendarsteller zu verbinden. Das Ganze hat Witz und Stil, sprüht vor Regieeinfällen. Die ein oder andere Szene gerät zwar eine Spur zu albern oder hätte ob der Länge ganz wegfallen können. Aber Nathan, das hat er bei diesem Debüt bewiesen, hat als Regisseur mächtig Potenzial.

 

Famose Schauspieler

 

Dass die Inszenierung so gelungen wirkt, ist – neben Schmitt – auch drei Gastschauspielern zu verdanken. Thomas Streibig, langjähriges Mitglied des Marburger Ensembles, kehrt für den König Ignaz auf die Bühne des Theaters am Schwanhof zurück. Sein regierungsmüder Regent schlurft in den ersten Akten derangiert im Hausmantel und langen Unterhosen übers Parkett, bis er nach der Pause zu einer ordentlichen Schimpftirade einen famosen Umzug in den Galafrack hinlegen darf.

Auch Susanne Schäfer, bekannt durch viele Film- und Fernsehrollen, kommt vorerst aus ihrem rosafarbenen Morgenrock (Bühne und Kostüme: Richard Fulton) nicht heraus. Nur als dichtende Königin findet sie ihre Erfüllung und erträgt die Unverschämtheiten des Sohnes mit verblüffender Gelassenheit.

Das Bürschchen hat es in sich! In ellenlangen Monologen dreht und biegt sich Moritz Pliquet die Ansichten des eloquenten Prinzen gerade immer so hin, wie es ihm in den Kram passt. Da bleiben seine einfältigen Kameraden (Maximilian Heckmann und Thomas Huth) nur bloße Stichwortgeber, und die hübsche Isa (Victoria Schmidt) kann noch so lange ihre Reize ausspielen – alles vergeblich.

Das Ende dieses überspitzten Vergnügens: Yvonne erstickt an einer Gräte und Karlheinz Schmitt gibt den sterbenden Schwan. Das muss man erst mal bringen!

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