25. Juni 2013, 12:18 Uhr

Romeo und Julia« bei Festspielen in Bad Vilbel

Bad Vilbel (aho). Mit »Romeo und Julia« startete ein weiteres Stück in die 27. Saison der Burgfestspiele. Theaterstücke von William Shakespeare gehören seit Jahren immer wieder zu den Festspielen. Handlung wie Ausgang dieses Dramas sind bekannt. Daher sind die Erwartungen an die Ausführung und die Nutzung des Raumes beim Publikum umso größer.
25. Juni 2013, 12:18 Uhr
Hitzige Auseinandersetzung: Die Fechtszenen gehören zu den Höhepunkten der Bad Vilbeler Festspiel-Inszenierung von »Romeo und Julia«. (Foto: Sommer/pm)

Regisseurin Ina Annett Keppel verzichtet auf pompöse Kulissen. Die sind mit einem großen Tor und zwei rot belegten Plätzen fast schon beschrieben. Dabei nutzt Keppel sowohl die Bühne als auch die Laufgänge entlang den Mauern und den Palas als weitere Spielflächen, was mit zunehmender Dunkelheit stärker zum Tragen kommt, denn dann kann man die Blicke der Zuschauer durch Beleuchtung auf die Handlungsräume lenken. In den Kostümen findet man manche Anleihe aus der Renaissance, das Fest ist mit Elementen der Commedia dell’arte durchsetzt. Das geben Capulet (Volker Weidlich) und Lady Capulet (Anette Daugardt), damit der heiratswillige Graf Paris (Timo Ben Schöfer) um die 14-jährige Julia (Eva-Maria Kapser) werben kann.

Übermütige junge Männer

Zur ersten Pause war das Stück manchem Zuschauer zu sehr auf die Handlungsebene gehoben: »Shakespeare ist doch mehr Text«, hörte man einige Male. Durch ihre starken Fecht- und Kampfszenen der übermütigen jungen Männer zeigt diese »Romeo und Julia«-Inszenierung zunächst mehr Action-Theater als Dichtung. Hinzu kamen sexualisierte Gesten bis obszöne Anspielungen, die manchem Theaterliebhaber den Genuss zumindest einschränkten. Der in Bad Vilbel lebende Frankfurter Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Heino Ewers konnte der wilderen Inszenierung manches abgewinnen: »Das kommt dem Renaissance-Theater Shakespeares durchaus nahe. Es konnte damals schon ziemlich krawallig werden.« Das sei in neueren Studien festgestellt worden.

Besonders stark ist das Stück in zwei Elementen: dem Kampf der jungen Männer und in der Emotionalität der tragenden Figuren. Die Fechtkämpfe sind von Annette Bauer so gut choreografiert, dass sie nicht als gekünsteltes Degenschwingen erscheinen. Ganz im Gegenteil: Hier sieht man hitzige Auseinandersetzungen, die mit Leidenschaft und scharfen Waffen ausgetragen werden. Zum anderen wirken die schwärmerisch kindliche Julia – und meist die anderen Frauen – und der verliebte und später entsetzte Romeo (Martin Brücker) sehr authentisch, wenn sie ohne unnötige Längen ihre ganze Emotionalität freisetzen. Die Kämpfe, selbst unter den Feinden, sind aber nicht einfach rohe Gewalt. Der Hass kommt oft unterschwellig daher. Wie beim Duell zwischen Tybald (Till Frühwald) und Mercutio (Michael Klein) sind die Zuschauer – noch kurz bevor der erste Tote zu Boden sinkt – geneigt, nur an ein übermütiges Geplänkel zu glauben. Denn auch unter Freunden geht es fechterisch anspruchsvoll zur Sache, ehe die jungen Kerle, heftig atmend, mit ihren Erfolgen auf dem Fest der Capulets und beim anderen Geschlecht aufschneiden. Nur Romeo prahlt nicht, denn er hat dort seine große Liebe gefunden. Auf dem berühmten Balkon wirkt die zarte, schwärmerische Julia schutzlos. Man fürchtet beinah den realen Absturz des Mädchens. Ebenso später, wenn sie dort mit Romeo die Hochzeitsnacht verbringt, fühlt man den drohenden physischen Fall der Liebenden. Schon, weil Romeo den Ruf der Lerche verpassen und den Capulet-Wächtern in die Hände fallen könnte.

Ihr Schicksal steht in der verfeindeten Welt auf der Kippe. Nur die List von Bruder Lorenzo (Axel Kraus) scheint einen Ausweg aus dem unerbittlichen Krieg der Familien Capulet (Julia) und Montague (Romeo) zu bieten. Aber spätestens, wenn der sympathische Priester und die stark von Angelika Bartsch verkörperte Amme den verzweifelten Romeo aufrichten und ermuntern, trotz Verbannung aus Verona um seine Liebe zu kämpfen, fragt man sich, warum man sich das Stück mit dem hoffnungslosen Ende antut. Die pharmazeutisch gestützte Scheintodes-List des Paters scheitert an einem nicht rechtzeitig zugestellten Brief. So hält Romeo seine Julia für tot, und diese wacht noch rechtzeitig auf, um ihren Geliebten sterbend zu Boden sinken zu sehen.

In dieser Inszenierung wird der Raum des Burghofes fast vollständig ausgenutzt, und das Schauspiel erweitert sich zeitweise bis ins Publikum hinein. Aus dem Palas ragt der Balkon ohne Geländer heraus, und die jungen Männer Romeo, Mercutio und Benvolio (Daniel Kuschewski) balancieren auf den Mauern.

Ein Grund, sich diese Aufführung anzutun, ist die – leicht mit sparsamen Kostümzitaten – historisierende Inszenierung. Die hat »Romeo und Julia« zu einem abwechslungsreichen Stück destilliert, in dem die Schauspieler – besonders im zweiten Teil – ihre Stärken ausspielen können. Ein anderer Grund ist die hervorragende Einpassung des Stückes in die historische Umgebung.

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