11. September 2018, 10:05 Uhr

Würth-Prozess

Mutmaßlicher Entführer von Milliardärssohn Würth vor Gericht

Vor dem Landgericht Gießen hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer von Milliardärssohn Würth begonnen. Am ersten Verhandlungstag am Dienstag wurde nur die Anklage verlesen.
11. September 2018, 10:05 Uhr
Der 48-jährige Angeklagte (l.) sitzt zum Prozessbeginn im Gerichtssaal des Landgerichts neben seinem Verteidiger Alois Kovac. (Foto: Arne Dedert/dpa)

Am 17. Juni 2015 wurde der geistig behinderte Sohn von»Schraubenkönig« Reinhold Würth in Schlitz im
Vogelsbergkreis entführt. Seit Dienstag nun muss sich ein 48-jähriger Serbe vor dem Landgericht Gießen
verantworten. Der Fall erregte bundesweit Aufsehen. Auch wegen eines besonderen Beweismittels.

Es war ein kurzer Auftakt am Dienstagmorgen vor dem Gießener Landgericht. Nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden Richter Jost Holtzmann verlas Oberstaatsanwalt Frank Späth die Anklage. Demnach wird dem verheirateten Familienvater Nedzad A. vorgeworfen, gemeinschaftlich mit unbekannten Mittätern den damals 50 Jahre alten Sohn der Unternehmerfamilie Würth auf dem Hofgut Sassen entführt zu haben. Markus Würth lebte dort in einer integrativen Wohngruppe für behinderte und nicht behinderte Menschen.
Ob der Angeklagte sich im Laufe des Prozesses äußern wird, ist noch offen. Nach seiner Festnahme im März dieses Jahres habe er sich zwar ausführlich geäußert, die Vorwürfe allerdings bestritten. Als Motiv werden Geldsorgen angenommen. Sollte der Serbe wegen erpresserischen Menschenraubs verurteilt werden, drohen ihm laut Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft, zwischen fünf und 15 Jahre Gefängnis.
Die Anklage geht davon aus, dass der 48-Jährige nicht allein gehandelt hat. Laut Staatsanwaltschaft war er für die Kommunikation mit der Familie des Entführten verantwortlich. Dafür kamen zwei Internet-Surfsticks und ein Handy zum Einsatz. Die Tat sei wohl schon länger geplant gewesen, denn im Oktober 2014 sei in Frankfurt der erste Cashcode für ein Handy-Guthaben gekauft worden, das im November aktiviert worden sei. Insgesamt seien nach diesem Muster drei Rufnummern im Laufe der Zeit zum Einsatz gekommen.
 
Erfolg durch »Aktenzeichen XY«
 
Am 17. Juni 2015 wurde Markus Würth dann auf dem Weg zur Mittagspause in der Wohnstätte in Schlitz entführt. Am späten Nachmittag soll der Angeklagte die Mutter des Entführten angerufen und die Lösegeldforderung von drei Millionen Euro gestellt haben. Um an die Nummer zu kommen, rief er in einem Hotel an, das der Mutter gehört. Er gab sich als »Dr. Hassan« aus und erklärte, der Sohn liege im Krankenhaus. Wie die Übergabe ablaufen sollte, konkretisierte er in einem weiteren Telefonat mit Carmen Würth am späten Abend. Zu diesem Zeitpunkt habe sich der Anrufer bei Bad Vilbel im Wetteraukreis aufgehalten, wie aus den Handy-Daten hervorgeht. Er drohte, sich und Markus Würth umzubringen, sollte die Polizei eingeschaltet werden.
Doch zu einer Geldübergabe kam es nicht. Ob es Verzögerungen in der Organisation waren oder die Entführer von ihrem Vorhaben absahen, ist nicht geklärt. Die Familie jedenfalls hatte das Lösegeld bereits besorgt.

Körperlich unversehrt bei Würzburg entdeckt


Die Mutter bekam dann von den Kidnappern die Koordinaten vom Aufenthaltsort ihres Sohnes übermittelt und Markus Würth wurde am Morgen des 18. Juni, also einen Tag nach der Entführung, körperlich unversehrt in einem Waldstück bei Würzburg gefunden. Er war mit einer Kette an einen Baum gefesselt. Es wird angenommen, dass er auch deshalb als Opfer ausgewählt wurde, weil er nicht sprechen kann. Der Würth-Sohn ist wegen eines Impfschadens seit dem ersten Lebensjahr behindert.
Der Angeklagte machte am Dienstag Angaben zu seiner Person. Von der Familie Würth war gestern niemand anwesend. Sie tritt als Nebenklägerin auf und wird vertreten von Anwältin Manuela Lützenkirchen. Die Unternehmensgruppe von Reinhold Würth beschäftigt weltweit 76 000 Mitarbeiter. Der Umsatz lag 2017 bei 12,7 Milliarden Euro. Der Stammsitz des Unternehmens ist in Künzelsau in Baden-Württemberg.
Der Verdacht gegen den 48-jährigen Angeklagten gründet sich hauptsächlich auf einer Stimm-
analyse. Ein Novum, wie Hauburger ergänzt. Die Ermittler kamen dem Angeklagten 2018 durch eine Fahndung in der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY ... ungelöst« auf die Spur. Eine Zeugin erkannte die Stimme eines Handwerkers. Im März klickten in seiner Wohnung in Offenbach die Handschellen.
Hauburger erklärte, dass es nicht sicher sei, dass der Angeklagte Komplizen gehabt habe. Offen sei auch, ob er an der tatsächlichen Entführung beteiligt gewesen sei. Man sei aber überzeugt, dass er für die Kommunikation mit der Familie Würth verantwortlich war. Das Gutachten zur Stimmanalyse stammt von Wissenschaftlern der Uni Marburg, die unter anderem eingrenzten, aus welcher Region der Mann, der 1994 nach Deutschland kam, ursprünglich stammt.

Fortsetzung im Oktober

Der Prozess vor dem Landgericht Gießen wird am 2. Oktober fortgesetzt. Am 15. Oktober soll nach Angaben von Anwältin Lützenkirchen die Mutter des Opfers, Carmen Würth, als Zeugin auftreten. Bis zum
4. Dezember sind elf weitere Prozesstermine vorgesehen.


 

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