07. Juni 2018, 21:00 Uhr

Youtube

"Kein klassisches Kindermedium"

Auf Youtube Videos schauen – für viele Kinder und Jugendliche ist das ein bevorzugter Zeitvertreib. Doch nicht alles, was dort angeboten wird, sollte von Heranwachsenden auch geschaut werden.
07. Juni 2018, 21:00 Uhr
(Foto: Nicolas Armer (dpa))

Mal eben eine Folge der Lieblings-Zeichentrickserie auf dem Tablet gucken, die neuesten Spielzüge des Fußball-Videospiels studieren oder den angesagtesten Influencern nacheifern – die Video-Plattform Youtube ist beim Nachwuchs sehr beliebt. Michael Wockenfuß sieht das kritisch. Der Suchttherapeut und Social-Media-Manager von der hessischen Landesstelle für Suchtfragen weiß, wovon er spricht. Denn er leitet das Projekt »DigiKids«, das es sich zum Ziel gemacht hat, die Jüngsten in Sachen Medienkompetenz fit zu machen.
 

Herr Wockenfuß, viele Kids würden Youtube uneingeschränkt weiterempfehlen. Sie nicht. Warum?

Benjamin Wockenfuß: Das Problem liegt – wie so oft – nicht beim Medium an sich, sondern vielmehr an der persönlichen Interaktion damit. Aus meiner Sicht, sollten Kinder Youtube nicht unbegleitet und unreflektiert nutzen. Das Gleiche gilt jedoch auch fürs TV. Um Youtube nutzen zu können, brauchen sie ein Google-Konto, sprich, sie müssen 13 Jahre als sein. Aus Datenschutzsicht ist es zudem strittig, ob diese Altersbeschränkung ausreicht. Eine Lebensrealität spiegelt das jedoch nicht wider. Wir dürfen uns nicht hinter Gesetzen und Richtlinien verstecken, sondern brauchen einen aktiven und reflektierten Umgang damit.

Die Altersbeschränkung wird häufig nicht  eingehalten...

Wockenfuß: Stimmt. Das ist aus Nutzersicht auch irgendwo verständlich, denn Youtube bietet einen unglaublich großen Pool an Videos. Youtube gibt dazu an, dass Mitarbeiter und eben ein Algorithmus Inhalte auslesen. Eine andere Regulierung kommt von der Community, die fragwürdige Inhalte melden kann. Das geschieht jedoch nicht zuverlässig. Zur Größenordnung: Innerhalb von einer Minute Internet-Nutzung werden weltweit 4,3 Millionen Youtube-Videos angeschaut.

Worin bestehen die Gefahren für Kinder konkret?

Wockenfuß: Für die Zielgruppe unter 15 Jahren ist Youtube die beliebteste Suchmaschine. Gewaltvideos oder politische Propaganda werden aber oft erst entfernt, wenn die Inhalte gemeldet werden. Und dieser Prozess kann dauern. Um es klar zu sagen: Youtube ist kein klassisches Kindermedium.

Warum nicht?

Wockenfuß: Das liegt zum Einen an dem sogenannten »clip sinking«. Nach der einen Folge Zeichentrickserie wird das nächste Video angeboten und gestartet. Und das nächste und das nächste – nicht altersgerecht sortiert. Man versinkt quasi immer tiefer im Youtube-Kosmos.

Und zum Anderen?

Wockenfuß: Youtube ist eine Tochter von Google. Die Plattform ist nicht dazu da, um Kinder zu unterhalten, sondern um Werbung zu verkaufen. Vor den Clips und auch mitten im Video läuft Werbung. Und auch die ist auch nicht immer altersgerecht.

Also Youtube aus dem Kinderzimmer verbannen? Das Verbotene hat ja oft einen ganz besonderen Reiz...

Wockenfuß: Ich bin kein Freund von Verboten. Youtube sollte von Kindern aber nur unter ständiger Begleitung genutzt werden. Eltern müssen sich bewusst machen, was passieren kann.

Wie sollten sich Eltern verhalten?

Wockenfuß: Zeitliche Beschränkungen sind problematisch, weil kleinere Kinder schlecht einschätzen können was zum Beispiel 20 Minuten bedeuten. Daher empfehle ich eine Beschränkung nach der Anzahl der Videos. Auf jeden Fall sollten die Eltern die Kinder begleiten, ihnen zum Beispiel erlauben, die Anwendung zu starten und – wichtig – später auch wieder zu schließen. Wir sollten uns aber auch nichts vormachen. Mit Youtube werden wir alle natürlich nicht medienkompetenter. Wir können jedoch gemeinsam mit diesem Medium erleben, wann es Sinn macht und wann nicht. Vielmehr als die Frage der Medienkompetenz, sollten wir heute eher über Medienresilienz also das bewusste Nicht-Nutzen von Medien, sprechen. Wie immer gibt es hier kein entweder-oder. Das richtige Maß ist wünschenswert.

Was ist mit Youtube Kids?

Wockenfuß: Youtube Kids soll die Plattform sicherer für Kinder machen. Aber der Filter, der dort zur Anwendung kommt, funktioniert nicht wie angekündigt. Im Rahmen von »DigiKids« haben wir Youtube Kids getestet und kamen auch an Clips, in denen beispielsweise der Anbau von Cannabis demonstriert wird.

Ein schlechtes Zeugnis für Youtube...

Wockenfuß: Youtube hat sicher seine Berechtigung. Auch für Kinder. Es gibt tolle Bastelanleitungen und Clips, bei denen der Nachwuchs viel lernen kann. Wenn die Kinder aber lediglich linear konsumieren, dann gibt es bessere Möglichkeiten.

Welche?

Wockenfuß: Streaming-Dienste oder die Mediatheken der Fernsehsender sind hier zu nennen. Noch einmal: Medien an sich sind nicht grundsätzlich schlecht. Man muss sie nur richtig nutzen. Eine wichtige Frage, die Eltern sich in diesem Zusammenhang stellen können, lautet: Hat das einen Mehrwert für mein Kind?

 

Über DigiKids

Das im Juni 2017 in Hessen gestartete Pilotprojekt »DigiKids« der Techniker Krankenkasse (TK) und der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen soll Kindern den richtigen Umgang mit digitalen Medien vermitteln. Das Projekt übt schon mit Mädchen und Jungen im Kindergartenalter eine ausgewogene Balance in Sachen Mediennutzung ein. Dabei soll nach eigenen Angaben die Verbindung der Kinder zur analogen Welt erhalten, gestärkt und weiterentwickelt werden. Weitere Infos gibt es im Netz unter der Adresse www.digikids.online, bei Facebook: https://www.facebook.com/digikids.online/, Twitter: https://twitter.com/DigiKidsHLS und Instagram: /digikids.online. Den Blog-Eintrag zu Youtube Kids gibt es unter https://digikids.online/youtube-kids-im-digikids-test.

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