01. Februar 2018, 21:54 Uhr

Gute Vorsätze

Gute Vorsätze: Dann doch wieder Fast Food

Schon die alten Griechen formulierten gute Vorsätze. Und scheiterten damit genauso oft wie wir heute. Sind wir deshalb schwach und undiszipliniert? Dr. Siegfried Grosse erklärt, wie es besser geht.
01. Februar 2018, 21:54 Uhr
Dem Genuss nachgeben und doch wieder Burger statt Salat essen? Das muss nicht sein - sagt zumindest Psychotherapeut Dr. Siegfried Grosse. (Symbolfoto: dpa)

Abnehmen, Sport treiben, mehr Zeit für die Familie haben, weniger Überstunden machen und der Klassiker »ich höre auf zu rauchen« – mit diesen Vorsätzen gingen vor vier Wochen Millionen Menschen ins neue Jahr. In vielen Fällen war es aber nicht mehr als eine Schnapsidee, entstanden in einer Feierlaune. Schon am Neujahrstag, wenn der Kater sich verzogen hatte, spürten viele, dass sie es nicht schaffen. Auch, weil der Leidensdruck fehlte. Sie kapitulierten – und der Frust war und ist groß.

Nun gibt es Menschen, die sich professionell mit solchen Themen wie mit dem Wunsch nach Veränderung beschäftigen. Sie haben zwar auch keine Patentlösung, keine auf alle passende Schablone in der Tasche. Aber sie kennen die richtigen Ansätze. Der Psychotherapeut Dr. Siegfried Grosse aus Linden ist ein Experte, wenn es darum geht, ein bestimmtes Verhalten im Leben zu ändern, etwas zu beenden, oder etwas neu zu beginnen.

 

Grosse lebt vor, wie man Vorsätze umsetzt

Vor einigen Jahren hat er ein Buch geschrieben, das für Furore sorgte: »Ab morgen mach ich’s anders – Gute Vorsätze erfolgreich in die Tat umsetzen«. Das Buch wurde ein Bestseller, und Dr. Grosse war ein begehrter Gast in allerlei Fernseh- und Radiosendungen. Sein Erfahrungsschatz ist noch größer geworden, und er geht mit gutem Beispiel voran. Grosse lebt vor, wie man Vorsätze umsetzt, sie zum festen Bestandteil seines Lebens macht. Wichtig dabei ist vor allem eins: Einen Plan haben und die Geschichte bis zum Ende bedenken. Wir haben dem Experten einige Fragen gestellt.

Herr Dr. Grosse, warum ist die Geschichte der guten Vorsätze auch eine Geschichte des Scheiterns?

Dr. Siegfried Grosse. (Foto: pv)
Dr. Siegfried Grosse. (Foto: pv)

Dr. Siegfried Grosse: Weil viele Menschen zwar eine grobe Vorstellung vom Ziel haben, sich aber zu wenig Gedanken darüber machen, worauf sie sich einlassen. Wenn man einen Vorsatz in die Tat umsetzen will, hat das meistens starke Veränderungen im Alltag zur Folge. Ein Beispiel: Wenn ich mich gesünder ernähren will, kann ich nicht mehr mittags mit meinem Kumpels in die Kantine gehen, weil es dort die Speisen nicht gibt, die ich essen möchte. Und schon brechen die Leute ab, kehren zurück zu Fast Food und Schnitzel. Wenn ich Sport machen möchte und das nur abends nach der Arbeit im Fitnessstudio machen kann, wird meine Frau ziemlich sauer sein. Und schon ist der Traum von der Fitness ausgeträumt. Weil wir planlos hineinstolpern in das Projekt. Auf dem Weg hin zum Ziel warten eben immer wieder meist unerwartete Hindernisse und dann gibt man auf.

Erledige jeden Tag etwas Unangehmes

Dr. Siegfried Grosse

Wie macht man es richtig?

Grosse: Es sollte etwas wirklich persönlich Wichtiges sein, was ich ändern will. Etwas, was ehrlich und ernst gemeint ist. Und ich sollte bedenken, ob ich es in meinen Lebensplan, meinen Alltag integrieren kann. Es muss auch praktisch umsetzbar sein. Und schließlich auch das: Ich muss mit dem, was ich verändern will, auch etwas anfangen können, es muss mir etwas bringen, einen Sinn haben. Beim Rauchen ist das klar. Aber wenn ich Spanisch lerne, die Sprache aber dann nicht anwende, hat sich der ganze Aufwand nicht wirklich gelohnt. Ich muss mir also von Beginn an einen Nutzen von der Veränderung versprechen. Bei der Formulierung von Vorsätzen spielen immer drei Worte eine Hauptrolle: wichtig, ehrlich, umsetzbar.

Die meisten guten Vorsätze werden an Silvester formuliert. Ist das sinnvoll?

Grosse: Guten Vorsätzen, die an Silvester gefasst werden, fehlt meist die Ernsthaftigkeit. Sie sind aus einer momentanen Laune heraus entstanden. Das wird nix. Sinnvoll ist es, Pläne im Koffer zu haben und dann für den Start auf den richtigen Moment oder den nötigen Leidensdruck zu warten.

Wie bereite ich mich vor, was muss ich bedenken?

Grosse: Unser Leben plätschert oft so dahin. Aber dann passiert plötzlich etwas, was mich nachdenklich macht. Das kann eine Krise, eine ernsthafte Krankheit sein. Aber auch etwas Positives wie eine bestandene Prüfung. Wenn daraus eine Veränderung, etwas Neues entstehen soll, dann formuliere ich eine Mangelzustand. Und natürlich einen Zielzustand: Zum Beispiel, dass ich mich mit meinem Gewicht unwohl fühle und zehn Kilogramm abnehmen will.

Man muss sich darauf freuen, darauf konzentrieren, der Sache entspannt entgegenblicken können

Dr. Siegfried Grosse

Wenn ich beginne, müssen die Kernfragen also alle beantwortet sein. Der richtige Zeitpunkt ist dann das Entscheidende?

Grosse: Ja, man darf nicht aus einer Laune heraus anfangen. Es gibt immer einen geeigneteren Startpunkt.

Aber was ist, wenn ich nicht spüre, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist?

Grosse: Der 1. Januar ist schon mal nicht der richtige Zeitpunkt, da ist man nicht wirklich bereit dafür. Man kann den Zeitpunkt auch nicht auswürfeln. Wenn man gerade viel um die Ohren hat, sollte man lieber nicht beginnen. Man darf nicht ungeduldig sein. Man muss sich darauf freuen, darauf konzentrieren, der Sache entspannt entgegenblicken können. Dann kommt der bestimmte Tag – und das spüre ich dann auch.

Was haben Sie auf dem Vorsätze-Zettel?

Grosse: Zwei ganz einfache Dinge. Erstens: Ich hasse das Wort »mal«, bezogen auf einen Vorsatz. Ich möchte nicht mehr sagen »wir telefonieren mal«, sondern ich möchte konkret einen Termin ausmachen. Wenn ich sage, »wir sollten uns mal öfter treffen«, das bringt doch nichts. Ich mache ein konkretes Datum aus. Zweitens: Ich möchte bei kritischen Bemerkungen gegenüber Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen folgende Wörter nicht mehr benutzen: immer, nie, alles, nichts. Ich nenne mal zwei Beispiele: »Dir muss man immer alles sagen« und »du hilfst nie« – das geht gar nicht. Und es stimmt ja auch nicht.

Guten Vorsätzen, die an Silvester gefasst werden, fehlt meist die Ernsthaftigkeit

Dr. Siegfried Grosse

Gibt es denn für Sie immer mal den einen Moment, der alles überstrahlt?

Grosse: Ja, ich schaue gerne auf die kleinen Dinge, aus denen dann auch etwas Großes entsteht.

Wie kommt man ganz allgemein gut durchs Jahr und durchs Leben?

Grosse: Ich habe sechs Grundprämissen. Nummer eins: Sei neugierig. Nummer zwei: Lebe deine Stärken aus. Nummer drei: Umgib dich mit Menschen, die dir guttun. Nummer vier kommt von Sokrates: Es gibt viele Dinge, die du nicht brauchst, also lass sie weg. Nummer fünf ist von Ghandi: Es gibt Wichtigeres im Leben, als ständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen. Nummer sechs steht im Buch Kohelet: Alles hat seine Zeit.

Das klingt sehr griffig. Haben Sie noch eine nette Hausaufgabe für unsere interessierten Leser?

Grosse: Ich nehme mir für jeden Tag drei Aufgaben vor. Erstens: Tu dir etwas Gutes. Zweitens: Erledige etwas Unangenehmes. Drittens: Verzichte bewusst auf etwas, das dir kurzfristig vielleicht ein wenig nutzt, dir langfristig aber schadet.

Info

Ein Buch für jeden Tag

Dr. Siegried Grosse ist nicht nur ein allgemein anerkannter Psychotherapeut, er schreibt auch sehr erfolgreich Bücher. Vor einigen Tagen ist sein neuestes Buch in den Handel gekommen: »Auch Träume wandern ? Begegnungen« (Edition federleicht, 272 Seiten, 18,00 Euro). Grosse schreibt in einer sehr behutsamen Sprache, klar und verständlich, seine Worte sind mitfühlend. Ihm gelingt es, den Leser aus dem stressigen Alltag herauszuführen. Seine Themen: Vor allem Menschliches und Zwischenmenschliches. Er schreibt über Vertrauen, Liebe und Hoffnung, über Schmerz, Trauer und Enttäuschung, über Heimat und Familie. Grosse setzt Fragezeichen, hebt oder senkt Schranken, zeigt uns, was Glück ist und was das Wort Erfüllung konkret bedeuten kann.

Für dieses Buch sollte man sich Zeit nehmen. Viele Zeilen haben Gewicht, mahnen. Andere passen ganz gut zum Verlagsnamen, sind federleicht. Es ist aber kein Buch, das den Alltag mit viel Farbe etwas bunter machen will, als er in Wahrheit ist. Grosse verschont den Leser nicht mit einem kritischen Blick auf Gewohnheiten, auf die weniger schönen Seiten der Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Sein Buch ist spannend, lehrreich und unterhaltsam. Es tröstet und versöhnt, macht nachdenklich. Es ist ein bisschen wie eine Oase: Wenn man es gelesen hat, fühlt man sich gestärkt, gewappnet für die Mühen des Alltags. Manche Texte sind wirklich leicht wie eine Feder. Dieser zum Beispiel: »Seifenblasen ... Sie genießen den winzigen Hauch der Ewigkeit, der Leben heißt. Seifenblasen leben jetzt.«

 

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