11. Juni 2018, 22:07 Uhr

Frischer Wind für verstaubtes Fach

11. Juni 2018, 22:07 Uhr
Mit der voranschreitenden Digitalisierung stehen auch Archivare zunehmend vor neuen Herausforderungen. (Foto: dpa)

Die Crux mit dem Archiv sind die Entscheidungen: Was bleibt, oder kann das weg? Darin unterscheidet sich die Aufbewahrung privater Fotos und Filme nicht vom Sammeln staatlicher und behördlicher Dokumente. »Nur rund zwei Prozent des Dokumentenmaterials wird archiviert«, erläutert Karsten Uhde von der Archivschule Marburg. Heißt: Das meiste geht in Ablage P (für Papierkorb, mit Reißwolf) oder verfällt immer häufiger der Löschtaste.

Archivare brauchen das Gespür für das Wesentliche. Sie sind die Bewahrer, arbeiten am Langzeitgedächtnis einer Gesellschaft. Doch mit der Digitalisierung steht ein umfassender Wandel des Archivwesens und seiner Arbeitsprozesse bevor. Unter dem Tagungstitel »E-Government und digitale Archivierung« diskutierten in Marburg rund 200 Archivarinnen und Archivare aus dem deutschsprachigen Raum die Zukunft ihrer Zunft.

Dabei arbeiten sie erst mal im Windschatten der Behörden. Solange staatliche Einrichtungen noch Papierberge an Dokumenten ihren Bürgerinnen und Bürgern bei ganz einfachen Verwaltungsakten abverlangen, müssten die Archive eigentlich abwarten, welche Dokumente in welcher Form zum Speichern vorliegen. Die Archivare wollen hier aber vorgreifen, Kommunen beraten, damit gleich von Anfang an die Zusammenarbeit in der Digitalisierung gelingt, erklärt die Leiterin der Archivschule, Irmgard Becker. Die Marburger Einrichtung ist die zentrale Aus- und Fortbildungsstelle für das Archivwesen in Deutschland.

Die Archivlandschaft in Deutschland ist sehr heterogen. Manche kommunalen Archive werden im Ehrenamt geführt. Bei vielen gibt es nur eine oder zwei hauptamtliche Archivare. Landesarchive oder Bundesarchiv haben hingegen einen großen Mitarbeiterstab. »Mir geht es hier um den Austausch. Wie geht es andernorts zu, und welche neuen Entwicklungen bahnen sich an?«, sagt Sabine Raßner vom Archiv des Landkreises Gießen. Sie betreut dort einen Aktenbestand von insgesamt 900 Metern Länge (zum Vergleich: Das Bundesarchiv misst 350 Kilometer).

Die Digitalisierung stehe zunächst einmal dafür, Verwaltungsprozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen, erklärt Roland Jabkowski vom hessischen Finanzministerium. Bürgern ist im Internet der Kauf mit wenigen Klicks etwa bei Online-Händlern vertraut. Das soll es in Zukunft auch bei Anträgen geben. Unter der Agenda »Digitale Verwaltung 2020« will die Landesregierung mit einem Maßnahmenpaket von 50 Punkten die Digitalisierung vorantreiben. Bürger sollen nur einmal ihre persönlichen Daten eingeben – wie bei einem Online-Händler – und dann alle Verwaltungsakte vornehmen können, etwa ein Autokennzeichen bestellen.

Staatliche Stellen weit zurück

Bald könnten Verwaltungsprozesse auch so weit automatisiert werden, dass Antragsberechtigte automatisch etwa einen Bescheid fürs Elterngeld sowie die Überweisung und das Geld bekommen, ohne selbst je einen Antrag gestellt zu haben, sagt Jabowski. Die hessische Landesregierung arbeite immerhin daran, ihre drei Regierungsbezirke zu digitalen Modellbehörden zu machen. Eine rosige Zukunft? Bislang stehen beim elektronischen Service staatliche Stellen abgeschlagen hinten.

Und die Archivare wollen sich da nicht auch noch einreihen. Die Ausbildung nimmt immer mehr IT-Inhalte auf. Die Umstellung zum »E-Government« wird in der Übergangsphase sicherlich zu einem hohen Bedarf an sachkundigen Archivaren führen. Früher war nur Papier, jetzt gibt es einen Zoo an Dokumenten-Formaten. Und wie soll man die sozialen Medien archivieren, Stichwort: Merkel-SMS oder Trump-Tweet? Wenn Archivaren je das Image einer verstaubten Aktentätigkeit anhing, so katapultiert die Digitalisierung den Berufsstand an die vorderste Front der Technik. Sebastian Gleixner vom Bundesarchiv beschreibt die neuen Aufgaben so: Der Archivar der Zukunft berät die Behörden und Dienststellen, betreibt ein digitales Datenmanagement und organisiert die Bereitstellung und Erhaltung des Archivbestands. »Dazu müssen sie technikaffin, flexibel und lernbereit sein«, sagt Gleixner.

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