13. November 2018, 09:00 Uhr

Ernährung

Fast Food: Jeder Mensch is(s)t anders

Fast Food genießt nicht gerade den besten Ruf. Der Diplom-Ernährungswissenschaftler Uwe Knop aus Echzell hält von solchen Einordnungen wenig. Er empfiehlt: »Essen Sie, was Ihnen gut tut.«
13. November 2018, 09:00 Uhr
(Foto: dpa)

Der Buchautor arbeitet seit vielen Jahren in der Branche und hat sich nach eigenen Angaben der »reinen wissenschaftlichen Lehre« verschrieben, frei von Trends, Vorschriften oder Diät-Moden. Vom »Diktat der Ernährungsapostel« hält er nichts. Sein Credo: »Vertrauen Sie auf ihr Bauchgefühl.« Aber was, wenn das Gefühl zu oft nach Burger und Co. lechzt?

Herr Knop, was ist an einem Burger mit Pommes eigentlich verkehrt?

Uwe Knop: Gar nichts. Jeder, der behauptet, das wäre ungesund, der hat keine Ahnung von der Studienlage oder will gezielt missionieren.

Das bedeutet?

Ernährungswissenschaftler Uwe Knop.                                                   (Foto: Ramon Haindl)
Ernährungswissenschaftler Uwe Knop. (Fot...

Knop: Die Ernährungswissenschaft ist nicht in der Lage, kausale Zusammenhänge dafür zu liefern, dass irgendwelche Ernährungsstile, Lebensmittel oder gar einzelne Inhaltsstoffe gesund oder ungesund wären, schlank oder dick machen. Das ist nicht möglich. Die Wissenschaft kann keine Beweise für gesunde Ernährung liefern. Das liegt daran, dass Studien nur Korrelationen darstellen können, aber keine Kausalitäten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Knop: Korrelation bedeutet statistischer Zusammenhang. Die Statistik sagt also: Menschen, die häufiger braune als schwarze Strümpfe tragen, haben weniger Herzinfarkte. Trotzdem empfehlen Sie dann nicht, mehr braune Socken zu tragen. Das ist aber das System der Ernährungsforschung. Es gibt keine Beweise, sondern nur statistische Zusammenhänge.

Aber wenn ich mich jeden Tag von Burgern, Pommes und Tiefkühlpizzen ernähre, kann das doch nicht gesund sein, oder?

Knop: Das kommt auf die Qualität des Essens an. Einseitige Ernährung kann problematisch werden, das ist keine Frage. Das ist aber auch der Fall, wenn Sie jeden Tag nur Äpfel, Birnen und Gurken essen. Wenn Sie Burger und Pizzen so zubereiten, dass es Ihnen schmeckt, dann können Sie das so oft essen, wie sie wollen. Es gibt kein gutes oder schlechtes Fast Food. Sondern nur solches, das einem schmeckt oder halt nicht. Die Frage ist doch eher, ob Sie jeden Tag auf die gleichen Mahlzeiten Lust haben. Und das bezweifle ich sehr. Menschen reglementieren sich oft aus Angst vor ungesundem Essen. Weil sie das erzählt bekommen. Da sage ich: »Macht euch das Leben nicht unnötig schwer, hört auf euren Körper.«

Und was wird mir mein Körper dann genau sagen?

Knop:  Wenn Sie richtigen körperlichen Hunger haben, essen Sie das, worauf Sie Lust haben, was Ihnen gut schmeckt und vor allem, was Sie gut vertragen. Wenn Sie sich nach der Mahlzeit wohlfühlen, dann haben Sie alles richtig gemacht.

Was ist denn eigentlich Fast Food?

Knop: Eine offizielle Definition gibt es nicht. Mittlerweile ist es aber ein Kampfbegriff geworden. Wann immer es um vermeintlich ungesunde Ernährung geht, fällt er rasch. Aber das englische »fast« heißt ja nur »schnell«. Sie können auch auf die Schnelle einen vermeintlich hipster-gesunden »Bio-Vegan-Rohkost-Wrap« bestellen und essen. Da wird niemand sagen, dass Fast Food generell ungesund ist. Wichtig ist nur: Was schmeckt mir und was schmeckt mir nicht? Ob ich das schnell esse oder langsam, hängt immer vom Hungergefühl ab, von der Situation und von der Umgebung, in der ich mich befinde.

Unter dem Begriff wird aber vieles zusammengefasst: Die Currywurst, der Döner oder der Schaschlik-Spieß...

Knop: Man braucht immer klare Feindbilder. Im Moment ist das der Zucker. Auf einmal hängt das Wohl und Wehe nur vom Zucker ab. Das ist Blödsinn. Und genau so ist es mit den anderen Begriffen.
Es kommt also auf die Mischung und auf die Frequenz an, in der ich bestimme Lebensmittel zu mir nehme?
Knop: Das, was Sie essen, muss Ihnen auch gut tun. Das ist das Allerwichtigste. Sie müssen von ihrem Körper eine positive Rückkopplung erhalten. Es heißt immer: Zu viel davon ist ungesund, zu viel davon ebenso... Was aber ist zu viel? Wer einen sensiblen Darmtrakt hat, für den ist zu viel Vollkornbrot oder zu viel Rohkost gefährlich. Niemand weiß, was zu viel ist, niemand weiß, was zu wenig ist. Es gibt so viele gesunde Ernährungsstile, wie es Menschen gibt. Denn jeder Mensch is(s)t anders. Der eine frühstückt nicht, der andere schon. Der eine isst mittags viel, der andere abends. Es gibt nur eine Regel: Hören Sie auf Ihren Körper. Wer sollte es besser wissen? Wer sollte es sonst wissen? Was Sie nicht vertragen, kann für Ihren Körper nicht gut sein.

Also essen nach Gefühl?

Knop: Das ist bei jedem Einzelnen ein Prozess. Bei dem einen geht es schnell, bei dem anderen dauert es. Wenn Sie sich bisher sehr stark an Regeln gehalten haben, wenn Sie zwischen gesunden und ungesunden Produkten unterschieden haben, dann befinden Sie sich im permanenten Clinch mit Ihren Körpersignalen. Und dann fällt es natürlich schwer, sich plötzlich nach Gefühl zu ernähren. Das hat etwas mit der Furcht vor Kontrollverlust zu tun. Plötzlich weiß ich nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Wenn Sie sich noch nie mit Ernährungstipps oder Diäten auseinandergesetzt haben, wird es wesentlich einfacher.

Das bedeutet konkret?

Knop: Wenn Sie nicht mehr wissen, was eigentlich richtiger Hunger ist, weil Sie nur noch aus Langeweile oder Gewohnheit essen, dann stehen Sie doch einmal morgens auf und fragen sich: Habe ich jetzt wirklich Hunger? Oder esse ich einfach, weil ich das jeden Morgen tue? Und wenn Sie kein körperlich starkes Hungergefühl spüren, dann lassen Sie das Frühstück einfach einmal weg. Spätestens zur Mittagszeit werden Sie merken, dass Sie echten Hunger haben. Das kann man trainieren. Und wenn Sie dann essen, was Ihr Körper wirklich fordert – und da müssen Sie ehrlich zu sich selbst sein –, dann wird er die Sättigung mit einem Wohlgefühl belohnen. Man lehnt sich zurück und genießt dieses, wie ich es nenne, »Stöhnen aus der Tiefe des Bauches«. Die Schlagworte heißen: Hunger, Lust, Verträglichkeit und Zufriedenheit.

Aber darf ich der Lust immer nachgeben? Ein Beispiel: Ich gehe über einen Markt und es lockt an jeder Ecke allerlei Kulinarisches...

Knop: Dass muss jeder für sich entscheiden. Wenn Sie essen, obwohl Sie keinen Hunger haben, kann das verschiedene Gründe haben. Zum Beispiel emotionale Ursachen wie Frust, Kummer, Langeweile oder Gewohnheit. Das sollte man hinterfragen. Zweitens: Viele Menschen essen sich nicht mehr richtig satt. Damit züchten sie sich ein unterschwelliges Hungergefühl, das uns immer begleitet. Und dann sind sie daueranfällig für alles, was ihnen schmeckt. Sinn des Essens ist, dass Sie satt werden. Und wenn Sie das sind, richtig satt, haben Sie auch in der Regel kein Interesse mehr an hochkalorischem Essen.

Und dann esse ich nach Herzenslust und nach Gefühl, aber falsch. Ich gehe zum Arzt, und der sagt: »Zu viele Kilos, schlechte Werte – Sie müssen sich anders ernähren...«

Knop: Das, worüber wir gerade reden, gilt nur für gesunde Menschen. Wenn der Arzt feststellt, dass eine Krankheit des Patienten vorliegt, dann muss er natürlich eine entsprechende Therapie einleiten. So etwas muss aber nicht zwingend mit der Ernährung zusammenhängen. Es gibt jedoch Fälle, wo eine Anpassung Sinn macht. Aber das ist wieder von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Fertigprodukte sind aus den Supermarktregalen nicht mehr wegzudenken. Haben wir keine Zeit mehr zum Kochen?

Knop: Wenn ich etwas kaufen kann, das mir beim Essen ein vergleichbares Gefühl gibt, wie das, was ich vielleicht mit großem Aufwand selbst hätte kochen können oder müssen, dann ist das in Ordnung. Für viele Menschen stehen Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis mehr. Ich halte nichts davon, Fertigprodukte zu verteufeln. Denn wir werden zu nichts gezwungen. Wir haben die freie Wahl. Wenn ich selbst kochen möchte, dann kann ich das tun. Wenn ich Lust auf eine Tiefkühlpizza habe ist das ebenfalls meine Entscheidung. Das sollten wir zu schätzen wissen.

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  • Emotion und Gefühl
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