07. September 2018, 19:00 Uhr

Bohnacker-Prozess

Fall Johanna: Abgründe hinter der Fassade des Angeklagten

Der 15. Verhandlungstag im »Fall Johanna« gibt weitere Einblicke in die Abgründe hinter Rick J.’s Fassade. Jugendlichen soll er absichtlich Überdosen LSD gegeben haben.
07. September 2018, 19:00 Uhr
Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker Polizeibeamte bauen ein großes Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird. (Foto: Polizei)

Einziger Erwachsener, der mit kleinen Kindern im Planschbecken des Eschersheimer Freibads sitzt; impotenter Sexbesessener bei unterschiedlichsten Analpraktiken mit einer durch Fesselung wehrlosen, teilweise vor Schmerzen wimmernden Frau; dämonisch grinsender Dealer, der naive, noch minderjährige Schüler mit LSD-Überdosen auf lebenslang prägende Horrortrips schickt – dem Bild des Psychopathen, das seit Monaten im Landgericht Gießen von Rick J. gezeichnet wird, fügten Zeugen am gestrigen 15. Verhandlungstag weitere verfeinernde Pinselstriche hinzu.

Drei Jahre vor dem Verschwinden der achtjährigen Johanna im September 1999 lernte ein damals 16-Jähriger, heute selbstständiger Fliesenleger, den vier Jahre älteren Rick J. kennen, der ihm als Dealer empfohlen worden war. Haschisch stand auf der Wunschliste des Schülers und seiner Clique. Beschreibungen von Bekannten zufolge erwartete er einen durchtrainierten hochgewachsenen Kampfsportler und war enttäuscht vom dem, was er vorfand: »eine kleine Kreatur, in der Ecke des Bettes sitzend, mit wirrem, irrem Blick«. Gleichwohl nutzten er und seine Freunde J.’s chaotische Wohnung als Refugium für ungestörtes Kiffen.

 

Überdosis LSD

Irritiert wurde der heute 38-jährige Zeuge hin und wieder von J.’s Angewohnheit, sich mit Freundin Annette (Name geändert) oder einem der anderen drei Mädchen seines Umfelds nach dem Genuss von Drogen teilweise stundenlang im Bad der Wohnung einzuschließen. Dabei seien auch Schreie zu hören gewesen – ob aus Lust oder Qual ausgestoßen, habe man nicht erkennen können.

Das auf Schwarzlichtwirkung hin ausgestaltete Badezimmer mit den durch fluoreszierende Motive verzierten Wänden spielte auch eine Rolle bei einem Schlüsselerlebnis des Zeugen mit J.: Dieser habe ihn, den unerfahrenen Schüler, neugierig gemacht auf die angeblich belustigende Wirkung von LSD, ihn dann aber gleich sieben Trips auf einmal, in Cola aufgelöst, konsumieren lassen.

Die Folge der Überdosierung beschrieb der Zeuge noch nach zwanzig Jahren mit sichtlicher Erregung als »Höllentrip meines Lebens«, den er nie vergessen könne, Rick J. als grinsenden Dämonen, der sich an dem Zustand des Jugendlichen weidete, ihn in dieser hilflosen und als beängstigend empfundenen Situation mit Genuss vorführte und verspottete, ihn seine Macht spüren ließ.

Junge Leute »auf LSD zu bringen«, sie nachher mit Valium »wieder herunterzuholen«, dann wieder »hochzubringen«, sei J.’s Spezialität gewesen, sexuelle Handlungen mit unter Drogen gesetzten Mädchen eine regelmäßige Folge. Er selbst, so der Zeuge, sei »wie ein geprügelter Hund zu seinem Herrchen« immer wieder zu J. gegangen.

 

Aufgestaute Wut bei Zeugen

Seinen Bruch mit J. 1998 führte denn auch nicht die LSD-Überdosis herbei. Den Ausschlag gab ein ihn schockierender Fund von Zeitschriften mit Fotos nackter Kinder in J.’s Wohnung während dessen Abwesenheit. Lang aufgetaute Wut brach sich am Ende der Vernehmung Bahn, als der Zeuge J. zum Abschied zurief: »Und dir wünsche ich, dass du in der Hölle schmorst, du Bastard!«

Elf Stunden lang ist eines der Videos, die im Zuge der Ermittlungen gegen J. wegen des »Maisfeld-Falles« bei einer Wohnungsdurchsuchung gefunden worden waren. Es zeigt in zwei von drei stundenlangen Sequenzen unterschiedlichste Analpraktiken, die J. an einer später ermittelten erwachsenen, drogen- und alkoholabhängigen Frau vornahm, während diese gefesselt und zeitweise auch geknebelt war; teilweise wimmerte die Frau und bat darum, aufzuhören.

Im August 2017 war dann auch die Soko Johanna auf J.s Fährte, ließ ihn observieren. Den 29. August verbrachte J. im Freibad in Eschersheim, wo er mal als einziger Erwachsener im Planschbecken bei den kleinen Kindern herumtollte, mal die Rutsche ins Becken herunterrutschte und zwischen den Kindern landete, dann das Becken umrundete, und zwar, wie der Beamte sich erinnerte, »mit suchendem Blick«.

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