27. Juni 2018, 09:00 Uhr

WhatsApp

Erst denken, dann posten

WhatsApp: Fluch oder Segen? Wie können Kinder mit der Nachrichtenflut und der App am besten umgehen? Ein Experte hat Anworten.
27. Juni 2018, 09:00 Uhr
Der Nachrichtenfluss ist nicht zu bremsen. Messenger wie WhatsApp bieten große Kommunikationsmöglichkeiten. Bergen aber auch Gefahren. (Foto: dpa)

Nach Angaben des Dienstes nutzen jeden Tag eine Milliarde Menschen WhatsApp und schicken sich 55 Milliarden Nachrichten, 4,5 Milliarden Fotos und eine Milliarde Videos. Wer den Messenger nicht nutzt, wird schnell als Außenseiter gesehen. Benjamin Wockenfuß ist Suchttherapeut und Social-Media-Manager in der hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Und er leitet das Projekt »DigiKids«, das die Jüngsten in Sachen Medienkompetenz fit machen soll. Er hat die wichtigsten Fragen zum Umgang mit dem Medium beantwortet.

 

? Warum wird die Nutzung von WhatsApp oft kritisch gesehen?

Grundsätzlich gehe es um den Datenschutz. WhatsApp gebe zwar an, mit einer Zwei-Faktor-Verschlüsselung zu arbeiten, dies sei aber nur die halbe Wahrheit, sagt Wockenfuß. Denn WhatsApp sei eine Tochter von Facebook. Und zwischen dem Messenger und dem Social-Media-Netzwerk würden Daten ausgetauscht. »Es kann gut sein, dass Sie mit einem Freund über das Urlaubsziel Kroatien chatten und anschließend bei Facebook entsprechende Werbung angezeigt bekommen. Man sollte wissen, wem man seine Daten zur Verfügung stellt.«

? Ab welchem Alter ist WhatsApp eigentlich erlaubt?

Ab 16 Jahren. So steht es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Doch daran hält sich niemand. »Wir dürfen uns nicht an die graue Theorie klammern«, erklärt Wockenfuß. In der Realität seien Kinder oftmals in bis zu zehn WhatsApp-Gruppen. 300 bis 500 ausgetauschte Nachrichten pro Tag und pro Kind seien keine Seltenheit.

? Wie kann ich als Elternteil mein Kind auf die Gefahren aufmerksam machen?

Von einem Verbot hält der Experte überhaupt nichts. »WhatsApp gehört zur kulturellen Kommunikation der Kinder«, erklärt er. Sie von diesem Teil ihrer Lebenswelt abzuschneiden, mache sie zu Außenseitern. Daher empfiehlt Wockenfuß, mit den Kindern über mögliche Fallstricke zu reden und dabei leicht verständliche Beispiele zu wählen. »Eine Postkarte ist auch nicht sicher. Niemand würde schließlich auf die Idee kommen, Bankdaten und Passwörter per Postkarte zu verschicken.« Eine WhatsApp-Nachricht sei wie eine solche Postkarte. Daher sollten Kinder mit ihren Daten auch vorsichtig umgehen. »Erst denken, dann posten«, betont der Social-Media-Manager. »Die Kinder müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie ihre Fotos quasi an ein digitales schwarzes Brett hängen, das jeder einsehen kann.«

? Sollten Eltern den WhatsApp-Verkehr der Kinder kontrollieren?

»Ohne das Wissen des Kindes auf gar keinen Fall«, sagt Wockenfuß. Auch die Jüngsten hätten das Recht auf Privatsphäre. »Fragen sie ihr Kind, ob sie die Nachrichten aus dem Klassen-Chat einmal lesen dürfen. Zeigen Sie ihr Interesse, Anteil an der Lebenswelt des Kindes nehmen zu wollen. So bieten sie sich auch als Ansprechpartner an, falls das Kind über Chat-Inhalte irritiert ist und sprechen möchte.

? Wie kann ich als Elternteil die Mediennutzung des Kindes beeinflussen?

»Die Kinder haben so gut wie keine Chance, auf WhatsApp zu verzichten«, sagt Wockenfuß. Dazu sei der Messenger einfach zu weit verbreitet. Man müsse die Kinder mit den Medien leben lassen und den sinnvollen Umgang damit vorleben. Der tollste und sicherste Messenger bringe nichts, wenn ihn kein anderer nutze. »Fakt ist aber auch, dass es weitaus sinnvollere Dienste als WhatsApp gibt. Das gilt es auch immer wieder aufzuzeigen und Lust auf einen Wechsel zu machen. Vielleicht zunächst einmal als »Zweit-Messenger‹.« Man könne sie aber dazu anleiten, sich Pausen von der Kommunikations- flut zu gönnen. Während der Hausaufgaben zum Beispiel. Oder während des gemeinsamen Essens. An der »Medienresilienz arbeiten«, nennt das der Experte. Also am bewussten Nichtnutzen zum Beispiel des Smartphones.

? Im Zusammenhang mit den neuen Medien wird immer auch das Thema Mobbing genannt. Warum?

»Der Nachrichtenfluss lässt nicht nach«, sagt Wockenfuß. Früher habe man Meinungsverschiedenheiten persönlich ausgetragen. Und irgendwann mittags war die Schule vorbei. Heute könne man anderen Menschen 24 Stunden am Tag zusetzen. »Das ist eine große Herausforderung. Nicht nur für unsere Kinder, auch für uns. Unsere Kommunikationskultur hat sich ein Stück weit gewandelt«, sagt der Experte. Wenn man früher beispielsweise zu einem Klassenkameraden gesagt habe »Du stinkst«, habe man die Wirkung auf diese kränkenden Worte direkt am Gesicht des Gegenübers ablesen können. Bei WhatsApp-Nachrichten sei diese direkte Konfrontation verschwunden. »Und damit sinkt auch die Hemmschwelle.« Man müsse den Kindern klarmachen, dass jede Whats-App-Nachricht ebenfalls eine Wirkung habe. Wenn sie auch für den Gegenüber nicht sichtbar sei. »Daran arbeiten wir bei den ›DigiKids‹ sehr intensiv.«

? Was kann ich meinem Kind generell für den Umgang mit neuen Medien mit auf den Weg geben?

Machen sie ihm klar, dass es mehr ist, als sein Messenger, dass es also viel mehr ist, als sein digitales Ich. »Du bist mehr, als all die Likes und Shares und Chat-Kommentare. Das ist vielleicht die essentielle Botschaft, die wir als Eltern unseren Kindern mit auf den Weg geben können.«

? Ist WhatsApp nun ein Fluch oder ein Segen?

»Grundsätzlich natürlich ein Segen«, sagt Wockenfuß. Der Messenger sei kostenfrei und auf jeder Plattform erhältlich. »Aber: Die romantischen Zeiten in der digitalen Welt sind schon lange vorbei.« Datenschutz sei zu Recht ein großes Thema, das kein Nutzer vernachlässigen sollte.

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