13. September 2018, 10:05 Uhr

Edersee

»Edersee-Atlantis« bereitet vielen Sorgen

Versunkene Dörfer: Sommer für Sommer taucht bei Niedrigwasser das »Edersee-Atlantis« wieder aus der nordhessischen Talsperre auf. Eine Attraktion für die einen. Für viele andere ein echtes Ärgernis.
13. September 2018, 10:05 Uhr

Wenn Petra Dietz-Ruckstuhl wieder einmal vom »Edersee-Atlantis« hört oder liest, kommen die ärgerlichen Gefühle wieder hoch.

Während es Schaulustige in wasserarmen Sommern zu der in großen Teilen trockengefallenen Talsperre im Naturpark Kellerwald-Edersee zieht, sind Anlieger und touristische Nutzer des Gewässers wenig begeistert von den aus der Versenkung auftauchenden Brücken und Gemäuern.

 

Talsperrenwasser für die Weser

»Als betroffene Anwohnerin mit einem Wochenendhaus am Edersee ist es für mich unbegreiflich, dass Jahr für Jahr dieser Atlantis-Vergleich herhalten muss, wenn der See mal wieder im Eiltempo ausgekippt wurde«, meint die 58-Jährige aus Lützellinden.

Sie kritisiert, dass die Talsperre in heißen und trockenen Monaten entleert wird, um die Weser mit Wasser zu füllen – unter anderem für »Partyschiffe«.

Dem hält das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) in Hann. Münden entgegen, dass das Ablassen zum Aufrechterhalten der Schifffahrt notwendig sei. Nicht nur für die Freizeitangebote auf der Weser, sondern auch für die Transportschiffe (zum Beispiel für Kies) sowie einige Fähren, erklärt Timo Freitag, Leiter der »Bündelungsstelle Gewässerkunde Mitte« beim WSA.

 

Einschränkung für die Schiffahrt

»Für eine ungestörte Schifffahrt auf der Oberweser wird am Pegel Hann. Münden ein Wert von 1,20 m benötigt, der wenn nötig durch Zugabe von Talsperrenwasser gestützt wird, oberhalb von 40 Millionen Kubikmetern Talsperreninhalt«, erläutert Freitag.

Bei Unterschreitung dieses festgelegten Talsperreninhaltes wird die Stützung um fünf Zentimeter reduziert, um Talsperrenwasser einzusparen. »Dies ist mit einer Einschränkung für die Schifffahrt auf der Oberweser verbunden.

Unter anderem sind für die Fahrgastschifffahrt nicht mehr alle Strecken befahrbar, und die Kiesschifffahrt kann nur noch geringere Mengen laden.«

 

Dürre besondere Herausforderung

Die Schifffahrt auf der Oberweser nehme dies jedoch für einen begrenzten Zeitraum in Kauf, um somit eine längere Befahrbarkeit der Oberweser – wenn auch bei schlechteren Verhältnissen – zu erreichen.

»Unterhalb dieses reduzierten Wasserstandes oder bei dauerhafter Reduzierung ist ein wirtschaftlicher Betrieb der Schifffahrt jedoch nicht mehr möglich«, sagt Freitag. Nach seinen Worten erfolgt die Reduzierung des Talsperrenwassers »sorgfältig und veranwortungsbewusst«.

Allerdings komme es auch vor, dass höhere Pegelstände durch lokale Niederschlagsereignisse bei der Entscheidung über das Ablassen von Wasser aus dem Edersee zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht bekannt waren, räumte Freitag ein. Die Dürreperiode dieses Sommers sei eine besondere Herausforderung gewesen.

Unsere Marke ist jedoch der Edersee. Ein See mit nur wenig Wasser lässt sich schwierig verkaufen

Claus Günther, Edersee Touristic GmbH

Kritik kommt unter anderem von der Edersee Touristic GmbH. Einerseits trage die mediale Aufmerksamkeit dazu bei, dass mehrere Zehntausende Tagesgäste durch »Atlantis« angezogen werden.

Allerdings würden damit nicht mehr Übernachtungsgäste gelockt, manche sogar verschreckt. »Unsere Marke ist jedoch der Edersee. Ein See mit nur wenig Wasser lässt sich schwierig verkaufen.

Mehr Übernachtungsgäste sind nur mit einem vollen See zu gewinnen«, sagt Geschäftsführer Claus Günther. Wassersport und Camping litten teilweise extrem unter dem Niedrigwasser. Nach Günthers Meinung werde definitiv zu viel Wasser abgelassen.

 

Verband fühlt sich benachteiligt

Winfried Geisler, Vorsitzender des Regionalverbands Eder-Diemel, sieht im »Edersee«-Atlantis keinen nachhaltig positiven Effekt für die Fremdenverkehrswirtschaft.

Nach eigenen Angaben vertritt der Verband Tausende Wassersportler, diverse Segel- und Surfschulen, Bootsverleiher, Campingplätze sowie Hotel- und Gaststättenbetriebe.

Auch Geisler kritisiert den Umfang der Wasserabgaben: »Durch das bestehende Wassermanagement wird das Ferienziel und Naherholungsgebiet Region Edersee gegenüber der touristischen Schifffahrt auf der Oberweser in unangemessener Weise benachteiligt.

 

Rechtliche Möglichkeiten prüfen

Eine Reduzierung des Pegels um nur wenige Zentimeter hätte kaum Auswirkungen auf die Schifffahrt auf der Oberweser, würde aber die Saison am Edersee wesentlich verlängern.«

Derzeit prüft der Verband die rechtlichen Möglichkeiten für ein »angemessenes Wassermanagement, bei dem die Schifffahrt und der Tourismus in einem wirtschaftlich sinnvollen Verhältnis stehen«.

Pessimistischer sieht es Petra Dietz-Ruckstuhl: »Wir sind am überlegen, ob wir nach über 50 Jahren Freude am See in mehreren Generationen das Haus verkaufen, falls es noch einer will. Es spricht sich ja rum, was am Edersee los ist.«

Info

Edertalsperre

(rüg). Die Edertalsperre entstand zwischen 1908 und 1914. Ziel ihres Baus war, der Weserschifffahrt und dem Mittellandkanal auch in trockenen Zeiten ausreichend Wasser zuführen zu können. Auch der Hochwasserschutz und die Stromerzeugung waren in die ursprünglichen Planungen einbezogen. Im Edersee versanken die Dörfer Asel, Bringhausen und Berich. Rund 700 Bewohner waren davon betroffen. Ein Teil von ihnen wurde nach Neu-Berich und Bad Arolsen umgesiedelt. Eine touristische Nutzung der Talsperre war ursprünglich nicht geplant, sie entwickelte sich aber schon vor dem Zweiten Weltkrieg. So entstanden zahlreiche touristische Angebote wie Campingplätze, Gastronomiebetriebe, Jugendherbergen, Hotels und Segelclubs. Dazugehört auch der Nationalpark Kellerwald-Edersee.

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