16. August 2018, 09:00 Uhr

Bahnhofsviertel

Drogenprobleme im Rotlichtbezirk Frankfurt

Als quirlig und liebenswert bezeichnet die Stadt Frankfurt ihr Bahnhofsviertel. Es gibt positive Veränderungen in den ehemals stark von Drogen und Prostitution geprägten Straßen. Allerdings nicht überall.
16. August 2018, 09:00 Uhr
Das Rotlichtgewerbe prägt nach wie vor große Teile des Bahnhofsviertels. (Foto: dpa)
 
Fotostrecke: Bahnhofsviertel Frankfurt

Mit geschwungenen Buchstaben hat sich Chantal einen Schriftzug unter das Schlüsselbein tätowieren lassen. »Liebe mich so, wie ich bin«, steht da auf Englisch. Die 26-Jährige arbeitet in der Table-Dance-Bar »Pure Platinum« im Frankfurter Bahnhofsviertel. Dort tanzt sie mit ihren hochhackigen Plateau-Schuhen um eine der beiden Stangen in der Mitte des großen, rot beleuchteten Raumes. Falls ein Kunde einen Privatauftritt wünscht, tanzt sie in einem der Séparées. »Manche Gäste kommen immer wieder«, sagt Chantal. Sie stamme aus Rumänien und mit dem Geld, das sie in dem Strip-Club verdient, unterstütze sie ihre Familie zuhause. Ihre Mutter wisse auch, woher es komme.

Sex ist in dem Club in der Taunusstraße nicht gestattet. Auch nicht Anfassen, nicht einmal Küssen. »Wir verkaufen hier Getränke und Illusionen«, sagt Betriebsleiter Norman Weber. Viele der insgesamt rund 50Tänzerinnen seien verheiratet und hätten Kinder, manche arbeiteten tagsüber in ganz normalen Berufen, etwa als Krankenschwester.

Chantals Kollegin Laura erzählt, sie sei Optikerin, könne in der Bar aber weit mehr verdienen. Seit mehr als zehn Jahren arbeite sie dort, zwei Mal pro Woche derzeit. »Eine Freundin hat mir davon erzählt. Das Geld hat mich gereizt«, sagt die 32-Jährige. Wie viel es ist, will sie nicht sagen. Mehrere Tausend Euro könnten es pro Monat leicht sein, berichtet eine ihrer Kolleginnen.

 

Frankfurts berüchtigster Stadtteil

Der Rotlicht-Bezirk macht das Bahnhofsviertel zum berüchtigtsten Stadtteil Frankfurts. Die Stadt betont, dass sich in den vergangenen Jahren Vieles zum Besseren gewandelt habe, viele der Straßen sicherer seien, sich schicke Bars und coole Clubs sowie Kreative angesiedelt hätten und nach Sanierungen viele, auch exquisite Wohnungen, Läden und Büros entstanden seien.

Doch es gibt nach wie vor viele Probleme. Dazu zählt Weber vom »Pure Platinum« die Drogenproblematik. Laufkundschaft gebe es so gut wie gar nicht mehr, angesichts von Dutzenden am Rand der Bürgersteige liegenden oder sitzenden Junkies, die sich offen Heroin spritzen oder Crack rauchen. »Katastrophal« sei die Situation.

Ortswechsel: Ein Bordell nur wenige hundert Meter weiter. Mit einem lauten Knall lässt dort Vanessa den Rohrstock auf die Liege in ihrem Zimmer klatschen. Sie arbeitet als Domina. Zufrieden mit dem Verlauf ihres Geschäfts ist sie nicht. Jetzt im Sommer sei es meist mau, sagt Vanessa. Dabei sei sie noch besser dran als die Prostituierten, die im gleichen Haus arbeiten.

 

Nachfrage sinkt

Nach Abzug der Zimmermiete, die sie in dem Laufhaus in der Taunusstraße bezahlen müssten, bleibe oft nicht viel übrig. »Die Kunden wollen den Frauen fast gar nichts mehr bezahlen«, berichtet Vanessa. Auf 20 Euro und teils noch darunter sei inzwischen der Preis für eine Viertelstunde gefallen.

In den insgesamt 14 Laufhäusern im Bahnhofsviertel mieten sich die Prostituierten Zimmer. Viele der Frauen kommen aus sehr armen Verhältnissen in Ländern wie Bulgarien oder Rumänien und arbeiteten für sehr wenig Geld. Das macht die Preise kaputt. Wegen der heutzutage im Internet leicht verfügbaren Pornos sinke die Nachfrage zusätzlich, mutmaßt ein Sicherheits-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will.

Im »Pure Platinum«, das im Keller eines Laufhauses liegt, läuft das Hauptgeschäft am Wochenende mit Junggesellenabschieden. Darunter sind auch viele Frauengruppen, für sie treten männliche Stripper auf. Die Bar bietet den Gästen einen Limousinen-Service an, der sie direkt zu dem von kräftigen Türstehern bewachten Eingang fährt – so müssten sie nicht vorbei an den Drogenabhängigen auf den Bürgersteigen. »Die Stadt macht nichts, die Polizei macht nichts Wirksames«, sagt Betriebsleiter Weber.

 

Eigene Polizeieinheit zur Kriminalitätsbekämpfung

Die Drogenpolitik, die neben Repression auch Hilfe für die Abhängigen wie sogenannte Druckräume mit der Möglichkeit zum legalen und hygienischen Drogenkonsum vorsieht, sei gescheitert. »Das ist nicht der Frankfurter Weg, sondern ein Frankfurter Witz«, sagt Weber. Mit den Flüchtlingen seien auch viele Straftäter ins Viertel gekommen. »Es ist mehr oder weniger ein rechtsfreier Raum hier.«

Um die Drogen- und Straßenkriminalität im Viertel einzudämmen, wurde eine eigene Polizeieinheit abgestellt. Die »Regionale Einsatz- und Ermittlungseinheit« (REE) ist mit mehr als 140 Beamten die größte Einzeldienststelle in Hessen. Unter anderem mit großangelegten Razzien hat sie viel Aufmerksamkeit erregt. Sie seien sehr erfolgreich gewesen, Drogen im Wert von mehreren Millionen Euro seien sichergestellt worden, sagt der für Sicherheit zuständige Stadtrat Markus Frank (CDU). Zugleich gehe es darum, Strukturen zu beobachten und gegen Hintermänner vorzugehen. Problematisch sei vor allem die Abhängigkeit von Crack.

»Die Situation hat sich verändert, es gibt einen regelrechten Strukturwandel im Viertel, aber man kann nicht sagen, es gäbe keinen Drogenabhängigen mehr, das würde auch schwer werden. Das Bahnhofsviertel ist ein Hotspot des Drogenhandels in der Stadt und der ballt sich inzwischen auf kleiner Fläche«, sagt Frank. Der angestrebte Wandel des Viertels sei ein langer Prozess, der vermutlich noch Jahre dauern werde.

 

Motto "Ankommen"

Der schillerndste Frankfurter Stadtteil wird sich heute Abend wieder in eine Partymeile verwandeln. Das offizielle Programm der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht auf einer Bühne in der Taunusstraße beginnt um 18 Uhr mit einem multireligiösen Friedensgebet und einer Diskussionsrunde zum Thema »Ankommen«. Dies ist zugleich das diesjährige Motto der Veranstaltungen, die an insgesamt 50 Orten stattfinden. Bei den angebotenen Veranstaltungen und Führungen spielen zwar auch Rotlicht, Prostitution und Drogen eine Rolle – doch vor allem sind Restaurants, Clubs, Hotels und Künstler mit Angeboten dabei.

 

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