Disko-Serie

Dorian Gray: Echte Promis und harte Beats

Das Dorian Gray im Frankfurter Flughafen war jahrelang der Hotspot für die Reichen und Schönen. Aber nicht nur: Die Untergrund-Szene drängte ans Licht: Der Techno wurde salonfähig.
10. Februar 2018, 12:34 Uhr
Hoch die Hände, Wochenende: Abtanzen im Dorian Gray im Jahr 1998. (Foto: dpa)

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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Wenn Gerhard Schüler über »das Gray« spricht, dann tut er es immer noch mit Begeisterung, mit einem Strahlen in den Augen. »Das war eine tolle Zeit«, erinnert sich der ehemalige Rennfahrer, der es Anfang 1978 mit seinem Partner Michael Presinger bereits auf rund 20 Unternehmen in der Gastronomie gebracht hatte – zumeist Diskotheken und Clubs im Rhein-Neckar-Raum. »Eines Tages stand ein Abgeordneter des Frankfurter Flughafens vor uns und fragte, ob wir nicht im Airport etwas machen könnten.« Sie konnten. Am 8. November 1978 eröffnete das Dorian Gray in der Tiefebene der Halle C im Terminal 1.

Gerd Schüler heute. (Foto: gäd)
Gerd Schüler heute. (Foto: gäd)

Entspannt sitzt Schüler in seinen Büroräumen in Frankfurt, unweit der Alten Oper. »Disko-Legende« wird er genannt. Und das hängt nicht zuletzt mit dem Erfolg des Dorian Gray zusammen. Inspiriert vom legendär-mondänen »Studio 54« in New York, brachten Schüler und Presinger das Konzept der Großraumdiskothek nach Deutschland. 1500 Quadratmeter, keine Sperrstunde, Licht und Sound nur vom Feinsten – das waren am Anfang die Zutaten. Toningenieur Richard Long, der auch das »Studio 54« bestückt hatte, baute das Soundsystem, Lightjockeys sorgten für die richtige Beleuchtung.

 

 

Vom Standort immens profitiert

 

Hohe Promi-Dichte: Nastassja Kinski und Curd Jürgens machten Station am Frankfurter Airport. (Foto: pm)
Hohe Promi-Dichte: Nastassja Kinski und Curd Jürgens machten Station am Frankfurter Airpor...

»Wir hatten das Glück, dass die Diskowelle gerade von den USA zu uns herüberschwappte«, sagt Schüler. Und man habe von der Location profitiert. »Den Flughafen kennt jeder. Jeder weiß, wie er zu erreichen ist. Dadurch haben wir sehr schnell ein internationales Publikum angelockt.«

Disco, Funk und Soul wurden in den Anfangstagen aufgelegt – und auch die Promis kamen und tanzten. Schüler nutzte seine Kontakte in die Rennszene und bekam von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone schließlich die Erlaubnis, jeweils zum Hockenheim-Rennen die offizielle Party ausrichten zu dürfen. »1979, bei der ersten Auflage, kamen fast alle Fahrer«, erinnert sich Schüler. Mario Andretti, Niki Lauda, Nelson Piquet oder »Strietzel« Stuck – quasi der Beginn des Dorian Gray als Promi-Hotspot.

 

 

Rollerskates raus, Techno rein

 

Gerd Schüler (l.) in den 80ern mit seinem Geschäftspartner Michael Presinger und US-Superstar Stevie Wonder. (Foto: pm)
Gerd Schüler (l.) in den 80ern mit seinem Geschäftspartner Michael Presinger und US-Supers...

»Aber das ist nur die halbe Wahrheit«, sagt Schüler. Denn das »Gray« sei nicht nur exklusiver Club gewesen, sondern auch Keimzelle für Musik, die damals vorzugsweise in der Untergrund-Szene zuhause war: Techno. In einem eher kleinen Teil des Tanztempels war in den frühen Tagen eine Rollerdisko untergebracht. Bis in den späten 80er-Jahren zwei DJs an die Tür von Schüler und Presinger klopften: Andreas Tomalla, alias Talla 2XLC, und Alex Azary wollten dort auflegen. Die Rollerskates flogen also raus und Techno zog ein. »Genau das Richtige«, sagt Schüler. Auf diesem Weg habe man die Techno-Welle nach und nach vom kleinen Club auf die großen Tanzflächen der Diskothek gebracht. Torsten Fenslau, Sven Väth, DJ Dag oder Mark Spoon legten unter anderem im Frankfurter Airport auf.

Schüler ist stolz darauf, gemeinsam mit Presinger Vorreiter gewesen zu sein. Und dann gerät er ins Plaudern. Als er »mit dem Bernie« (Ecclestone) im Wohnmobil saß und den Deal mit den Formel-1-Partys eintütete. Oder als er Harry Belafonte überreden musste, in die Stretch-Limousine einzusteigen (»Der war ja eher grün angehaucht.«).

 

 

Schüler: »Ja, wir hatten eine gewisse Zeit ein Drogenproblem im Gray«

 

Showauftritte gehörten im Dorian Gray dazu. (Foto: pm)
Showauftritte gehörten im Dorian Gray dazu. (Foto: pm)

Bei einem Thema wird Schüler ernst. »Ja, wir hatten eine gewisse Zeit ein Drogenproblem im Gray«, sagt er. »Damals hatten wir bis Sonntagmittag geöffnet. Wer angesagt war, kam erst am Sonntagmorgen.« Er glaube aber, dass man das Schlimmste aus der Disko herausgehalten habe.

Fast ebenso legendär wie die Feiern drinnen, war die Schlange vor dem Club. Niemand, der dort anstand, konnte sich sicher sein, später auch hineingelassen zu werden. »Wir waren halt ein Treffpunkt schöner Menschen«, sagt Schüler. Aber man habe einen sehr eloquenten Türsteher gehabt. »Der kam mit jedem Klientel zurecht.« Wie musste er denn aussehen, der Gast, der die Kontrolle passieren durfte? Schüler überlegt einen Augenblick: »Appetitlich«, sagt er und lacht. »Das umfasst wirklich alles.«

 

 

Strenge Brandschutzbestimmungen sorgten für Schließung im Jahr 2000

 

Im Jahr 2000 war die Party dann vorbei. 1996 brannte der Düsseldorfer Flughafen, in der Folge wurden die Brandschutzbestimmungen auch für den Frankfurter Airport strenger. Millionen hätte man investieren müssen, um Deutschlands erste Großraumdisko weiterführen zu können. »Da haben wir den Vertrag auslaufen lassen. Die große Disko-Zeit war da eh schon am abklingen«, sagt Schüler. Heute würde das »Gray« seiner Meinung nach nicht mehr funktionieren. »Man ist damals in die Disko gegangen um Kontakte zu knüpfen, bevorzugt zu attraktiven Frauen oder Männern und um Spaß zu haben. Dazu brauchen Sie heute nicht mal mehr das Haus zu verlassen.« Schüler macht eine kurze Pause. »Ach, schön war’s.«

Info

Oscar Wilde stand Pate

Über 100 Diskotheken, Clubs und andere Unternehmen vorwiegend in der Gastro-Branche hat Gerd Schüler mit auf den Weg gebracht, 50 davon mit seinem Partner Michael Preisinger auch betrieben. Die Idee, sein wohl spektakulärstes Projekt »Dorian Gray« zu nennen, hatte eine Mitarbeiterin. »Sie machte mich auf das Buch ›Das Bildnis des Dorian Gray‹ von Oscar Wilde aufmerksam. Schönheit, Exhibitionismus und Extrovertiertheit – das passte perfekt.« Die Hauptfigur, der reiche Dorian Gray, besitzt ein Porträt, das statt seiner altert und in das sich die Spuren seiner Sünden eingraben.

 

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