12. April 2018, 22:07 Uhr

Die meisten Opfer sind Mädchen

12. April 2018, 22:07 Uhr

Marburg/Gießen (op). »Ich hasse das Thema, weil es Menschen kaputtmacht«, beschreibt eine 16-jährige hessische Förderschülerin aus dem Förderschwerpunkt Hören ihre Erfahrungen mit dem Thema »sexualisierte Gewalt«. Bei den Opfern schwinde das Selbstbewusstsein und es gebe vermehrt Schuldgefühle, schrieb die Schülerin weiter in einem anonymen Kommentar im Rahmen der wissenschaftlichen Studie »Speak«. Doch gleichzeitig gab sie den Opfern von sexuellen Übergriffen noch einen kämpferischen Ratschlag mit auf den Weg: »Gebt euch nicht auf, egal wie steinig und schwer das ist.«

Studie aus Gießen und Marburg

Mit ihrem Kommentar sprach die 16-Jährige wohl auch den Initiatoren der vom hessischen Kultusministerium geförderten Studie aus der Seele. Bereits im Juli 2017 waren die ersten Ergebnisse einer groß angelegten Befragung von 2718 Regelschülern zwischen 14 und 16 Jahren vorgestellt worden.

Die beiden Studienleiter Professorin Sabine Maschke (Uni Marburg) und Professor Ludwig Stecher (Uni Gießen) präsentierten gestern im Marburger TTZ die Ergebnisse einer Folgestudie, bei der 264 Förderschüler ab 14 Jahren befragt wurden. Die Marburger Uni-Vizepräsidentin Professorin Evelyn Korn bezeichnete das Projekt als »gelungene Kooperation zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis«. Der Gießener Uni-Vizepräsident Professor Peter Winker ergänzte: »Die Antworten aus der Studie sind wertvoll. Sie erlauben das bessere Verstehen des Phänomens ›sexualisierte Gewalt‹ und dessen Bekämpfung.« Winker dankte auch den jugendlichen Studienteilnehmern für ihren Mut, schriftlich über ihre Erfahrungen zu berichten.

Grundsätzlich ähneln sich die Befunde beider Studien, wie Sabine Maschke bilanziert. Direkte körperliche Übergriffe und verbale sexuelle Beleidigungen spielen sich demnach vor allem unter gleichaltrigen Jugendlichen ab. Sehr oft erfolgen die Übergriffe in der Schule, aber auch auf Partys, im öffentlichen Raum oder sogar zu Hause. Die allermeisten Opfer sind Mädchen. Nach Darstellung der Erziehungswissenschaftlerin sind die Förderschülerinnen aber noch verletzlicher und anfälliger für sexuelle Übergriffe und Beleidigungen als ihre Geschlechtsgenossinnen in den Regelschulen. Und sie reden darüber vergleichsweise deutlich weniger – sowohl im Freundeskreis, als auch in der Familie oder mit Lehrern.

Mit vielen Zahlen aus der Studien-Statistik unterfüttert, stellte Maschke bei der Tagung die Befunde aus der aktuellen Erhebung vor. Zum Fachpublikum zählten die Vertreter von Schulen (Schulleitungen, Lehrkräfte) aus ganz Hessen sowie von Eltern und Schülern.

Kultusminister Alexander Lorz war als Auftraggeber ebenfalls Gast der Tagung. »Die Opfer von sexueller Gewalt wurden lange alleingelassen«, sagte Lorz. Jetzt werde das Thema aber nicht mehr totgeschwiegen. Die mittelhessische Studie liefere wichtige Daten über Fälle, die nicht in der Kriminalstatistik erfasst würden. Es sei eine Aufgabe für die Lehrer, die Probleme in der Schule wahrzunehmen. Sie müssten aber auch wissen, an welche Experten sie sich bei gravierenden Vorfällen wenden könnten. »Aus den Ergebnissen der Studie wollen wir zusätzliche Präventionsprojekte etablieren«, sagte der Kultusminister zu. Das solle gemeinsam mit den Forschern aus Marburg und Gießen erfolgen. »Wir wissen jetzt, worüber wir sprechen«, sagte Sabine Maschke. Jetzt sei es eine Aufgabe, die vorhandenen Präventionsangebote auf die neuen Erkenntnisse zuzuschneiden.

Auch in der Lehrerbildung an den Universität solle das Thema »Sexuelle Gewalt als Erfahrung bei Jugendlichen« vertieft behandelt werden, erläuterte Professor Ludwig Stecher.

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