30. März 2019, 17:00 Uhr

Fashion auf Instagram

Der schöne Schein

Die Fotoplattform Instagram verkauft eine Welt, in der einfach alles stimmt. Aber welche Gefahren lauern in diesem Paralleluniversum?
30. März 2019, 17:00 Uhr
Hochglanz ist auf Instagram angesagt. (Foto: Josep Rovirosa (Westend 61))

WhatsApp, Facebook, Fortnite – auch für  die digitale Welt gibt es Tipps und Tricks, die einem Orientierung in den unendlichen Weiten des World Wide Web geben können. Benjamin Wockenfuß, Suchttherapeut und Social-Media-Manager bei der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, hat an dieser Stelle schon einige Tipps für Kinder und Erwachsene gegeben. Für das Thema Instagram hat sich der Leiter des Projekts »DigiKids« Verstärkung geholt: Barbara B. betreibt auf der Plattform mit »mochicas« einen Lifestyle-Blog mit rund 16 600 Followern. Das bedeutet, sie wirbt für Produkte, in diesem Fall vorwiegend aus dem Bereich Mode und Kosmetik. Ein Gespräch über Authentizität, Verantwortung und die ungeschminkte Wahrheit.

Frau B., warum Frau B.? Haben Sie etwas zu verbergen?

Barbara B.: Nein, nein (lacht). Ich habe in meinem Blog viele Bezüge zu meiner Heimatstadt Bonn. Ich gebe auch so schon sehr viel private Einblicke, daher möchte ich vermeiden, dass man über den vollständigen Namen etwa meine Privatadresse herausbekommen kann.

Herr Wockenfuß, Beauty und Lifstyle boomen bei Instagram. Mädchen folgen Influencerinnen in Scharen, um ja keinen Schminktipp zu verpassen...

Benjamin Wockenfuß: Das ist kein neues Phänomen. Wir schauen uns schon immer attraktive Menschen an, bei denen wir uns etwas abgucken und an deren Beispiel wir unsere eigenen Wertvorstellungen abgleichen können. Das ist gerade bei Heranwachsenden ein ganz natürlicher und auch ganz wichtiger Prozess.

Wie früher der gute, alte Katalog?

Wockenfuß: Mit dem Unterschied, dass sich die digitale Welt nicht auf das persönliche Umfeld beschränkt. Theoretisch kann ich mich global vernetzen. Das ist für junge Menschen sehr reizvoll. Hier lauern aber auch zahlreiche Stolpersteine.

Als da wären?

Wockenfuß: Es geht um die eigene Wahrnehmung. Wer sich im Internet zur Schau stellt, nur um möglichst viele Klicks zu generieren, der vergisst leicht, wer er wirklich ist und wie viel er von seiner Persönlichkeit preisgeben möchte.

Benjamin Wockenfuß Projektleiter DigiKids Hessische Landestelle für Suchtfragen Foto: pm
Benjamin Wockenfuß Projektleiter DigiKids Hessische Landestelle für Suchtfragen Foto: pm

Warum ist Instagram bei jungen Menschen beliebter als zum Beispiel Facebook?

Wockenfuß: Hier kann man von einer digitalen Völkerwanderung sprechen. Und die hat eingesetzt, als die ersten Mamis und Papis bei Facebook mit ihren Kindern befreundet sein wollten. Der Nachwuchs hat sich eine Nische gesucht, in der man wieder unter sich sein konnte. Allerdings ist Instagram längst keine Nische mehr.

Instagram ist dafür bekannt, dass man Fotos leicht aufhübschen kann. Makel können entfernt werden, um möglichst viele Likes zu ergattern. Wie ungesund ist diese Entwicklung?

Barbara B.: Ich glaube, es ist immer abhängig von der Person, die bloggt. Auch ich bearbeite Fotos, damit sie mehr diesen Fashion-Style haben: Farben werden hervorgehoben, das Umfeld wird reduziert, um die Produkte hervorzuheben.

Verändern Sie auch Ihr Erscheinungsbild?

Barbara B.: Durch die Bearbeitung können sich im Gesichtsfeld Schatten oder Konturen bilden, die es eigentlich nicht gibt. Dann arbeite ich nach. Aber alles im natürlichen Bereich. Es gibt Beispiele von Bloggerinnen, die es übertreiben. Die haben zum Teil auch eine andere Zielgruppe. Ich bin 35 Jahren alt und erreiche eher ein breites Publikum. Authentizität ist mir sehr wichtig und das schätzen meine Follower sehr.

Ist Makellosigkeit ein Muss, wenn man auf Instagram erfolgreich sein möchte?

Barbara B.: Es ist sehr verbreitet. Aber in den meisten Fällen sieht man ja direkt, dass da nachgeholfen wurde. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Follower ab etwa 25 Jahren mit total retouchierten Fotos wenig anfangen können. Bei ganz jungen Menschen sieht das aber oft anders aus.

Barbara B. Lifestyle-Bloggerin (Foto: Nadine Kuhn Fotografie)
Barbara B. Lifestyle-Bloggerin (Foto: Nadine Kuhn Fotografie)

Wie gehen Sie mit Ihrer Verantwortung gegenüber Ihren Followern um?

Barbara B.: Ich würde nichts posten, bei dem ich nicht vollkommen dahinterstehe. Ich zeige mich auch mal ungeschminkt, weil das halt die Realität ist. Grundsätzlich muss man sich darüber im Klaren sein, was man mit seinem Blog erreichen möchte. Und dann kann man sich selbst einen entsprechenden Rahmen setzen: Was möchte ich zeigen? Wie viel möchte ich zeigen? Wen möchte ich damit ansprechen?

Laut einer Befragung haben 38 Prozent der Mädchen, die keinen Influencern folgen, angegeben, dass ihnen ein schlanker Körper sehr wichtig ist. Bei den Mädchen, die mindestens einer Influencerin folgen, sind es 61 Prozent...

Wockenfuß: Diese Zahlen sagen uns, dass viele Gefahr laufen, ein verzerrtes Bild von Weiblichkeit vermittelt zu bekommen. Mädchen wird suggeriert: So musst du aussehen. Daher ist es wichtig, dass Influencerinnen auch einmal Fotos posten, die nicht perfekt sind. Damit besonders die jungen weiblichen Follower begreifen, dass das eigentlich eine Scheinwelt ist.

Geht Authentizität auf Kosten der Klicks?

Barbara B.: Nein, das würde ich nicht sagen. Im Gegenteil. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen dadurch besser mit mir identifizieren können. Ich bin ein normaler Mensch – mit einem sehr, sehr intensiven Hobby. Ich habe einen ganz normalen Job, mache das nicht hauptberuflich.

Aber würde Ihr Blog auch funktionieren, wenn Sie äußerlich so überhaupt nicht in diese Welt passen würden?

Barbara B.: Ich glaube schon. Dann hätte ich halt eine andere Zielgruppe. Size-Zero-Models sind nicht die Regel. Auch nicht auf Instagram. Ich kenne genügend Frauen, die über 60 Jahre alt und sehr erfolgreiche Bloggerinnen sind. Bei Instagram gibt es für jede Nische etwas. Auch wenn ich 30 Kilogramm mehr wiegen würde, gäbe es viele, die sich mit mir identifizieren könnten.

Aber warum wird ein vermeintlicher Makel dann so gerne digital ausradiert?

Wockenfuß: Authentisch zu sein, wird oft auf eine harte Probe gestellt. Denn durch die fehlerlosen Hochglanzfotos bekommen wir viel positives Feedback. Und das wollen wir ja. Das kann dann dazu führen, dass wir das immer wieder haben wollen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder richtig durch die Instagram-Welt zu lotsen?

Wockenfuß: Medienkompetente Kinder brauchen medienkompetente Eltern. Ich halte nichts von den vorgegebenen Altersbeschränkungen, weil das an der Lebensrealität vorbeigeht. Das ist auch nicht das Thema. Das Thema ist, dass die meisten auf Insta-gram nur schöne Sachen posten. Es gibt Untersuchungen, wonach die Plattform Depressionen fördern kann. Wenn ich nur schöne Leute sehe, die hübsche Sachen machen, dann kann der Eindruck entstehen, dass mein eigenes Leben sehr langweilig ist. Und dann ist es die Aufgabe der Eltern, dieses Bild geradezurücken.

Und was kann der Nachwuchs tun, um nicht in die digitale Falle zu geraten?

Wockenfuß: Die Kinder müssen sich mit dem Medium auseinandersetzen. Da geht es um Privatsphäre. Um die Frage, welche Fotos auf Instagram nichts zu suchen haben. Ist das Bikini-Foto wirklich nach 24 Stunden wieder gelöscht? Nein, natürlich nicht. Es ist nur nicht mehr zu sehen. Es ist aber auf einem Server irgendwo in den USA noch verfügbar. Und die Rechte an dem Foto habe ich beim Hochladen an den Mutterkonzern Facebook abgetreten. Instagram bietet aber auch viele Chancen, da es eine sehr kreative Plattform ist.

Jung, selbstbewusst, mit sich selbst zufrieden – geht das in Zeiten von Social Media überhaupt noch?

Wockenfuß: Es geht nur, wenn man eine Balance zwischen analoger Wertschätzung und digitaler Präsenz findet. Instagram ist eine Ausdrucksform wie musizieren oder schreiben. Und da befinden wir uns noch in der digitalen Pubertät. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Kinder uns irgendwann ungläubig fragen, warum wir früher unser Mittagessen fotografiert und gepostet haben.

Barbara B.: Die Anzahl von Followern oder Likes hat keinen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein. Es ist vielmehr eine Anerkennung meiner Arbeit. Wie viele Menschen meine Fotos sehen, ist ja immer auch vom Instagram-Algorhitmus abhängig. Es liegt also nicht vollständig in meiner Hand. Und wenn man sich davon löst, dann macht es auch Spaß.

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