19. Juli 2018, 22:26 Uhr

Genickschuss

Der Fall Adem Bozkurt: Kein Unfall, sondern Mord

Knapp 20 Jahre lang galt Adem Bozkurt aus Bad Nauheim als Unfallopfer, das gegen einen Baum gefahren war. Doch der 45-Jährige wurde erschossen. Warum wurde das damals übersehen?
19. Juli 2018, 22:26 Uhr
Auf den ersten Blick ein tragischer Unfall. Der BMW ist im Feld bei Ober-Mörlen gegen einen Baum geprallt. Doch der Schein trügt, nun ist klar: Adem Bozkurt ist im April 1997 durch einen Genickschuss gestorben. (Foto: pob)

Es war der 8. April 1997, als die Polizei um 4.30 Uhr zu einem Unfall in der Wintersteinstraße im Feld bei Ober-Mörlen Richtung Raststätte Wetterau ausrückte. Ein schwarzer BMW 518i war gegen einen Baum geprallt. Am Steuer der 45-jährige Adem Bozkurt, »ein rechtschaffener Bürger«, wie Staatsanwalt Thomas Hauburger 21 Jahre und gut drei Monate später sagen wird. Bozkurt war türkischer Staatsangehöriger. Er lebte in Bad Nauheim, hinterließ eine Ehefrau und zwei Töchter. Auch weil er als unbescholten galt, kam kein Verdacht auf, es könnte sich um ein Verbrechen handeln.

Mittlerweile wissen die Ermittler mehr, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilten. Der vermeintliche Unfall wurde Ende 2014/Anfang 2015 wieder aufgerollt. Es gab einen Zeugenhinweis: Bozkurt sei nicht verunfallt, sondern ermordet worden.

Austrittswunde muss es nicht geben

Staatsanwaltschaft Gießen und Kripo Friedberg begannen mit umfangreichen Ermittlungen. Infolge der Aufarbeitung des Unfallgeschehens und diverser Zeugenvernehmungen erhärtete sich der Verdacht, dass Bozkurt tatsächlich erschossen und das Tötungsdelikt als Verkehrsunfall getarnt worden war. In einem Kfz-Sachverständigengutachten ging es um Geschwindigkeit, Bremsspuren, den Schaden im Auto – »das sind so kleine Puzzleteile gewesen«, sagt Hauburger. »Die Obduktion in der Türkei hat Gewissheit gegeben.«

Im April 2016 wurde Adem Bozkurts Leichnam in der Türkei exhumiert. Bei der Obduktion vor Ort wurde festgestellt, dass Bozkurt durch einen Genickschuss getötet worden war. Auch Beamte der Staatsanwaltschaft und des Instituts für Rechtsmedizin Gießen sowie der Kripo Friedberg waren bei der Obduktion dabei. Die weiteren Ermittlungen ergaben als mögliches Mordmotiv eine geschäftliche Konkurrenzsituation. Es ging um die Bewirtschaftung von Toilettenanlagen an Autobahnraststätten. Vor diesem Hintergrund gerieten mehrere Personen unter Verdacht. Drei Beschuldigte wurden Ende 2016 vernommen, die Wohnungen durchsucht. »Da sich jedoch ein dringender Tatverdacht nicht ergab, mussten die Männer nach vorangegangener vorläufiger Festnahme wieder entlassen werden«, heißt es in der Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Es folgten weitere aufwendige Ermittlungen, teils im Ausland – letztlich jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.

»Die Gesamtumstände, insbesondere das sich darbietende Verkehrsszenario, und die getroffenen Feststellungen zum äußeren Verletzungsbild, deuteten damals zunächst auf einen Alleinunfall ohne Fremdbeteiligung hin. Folglich wurde der Leichnam nicht obduziert und bereits wenige Tage später von Angehörigen nach Izmir überführt«, heißt es in der Mitteilung vom Donnerstag.

Warum fiel den Ermittlern vor 21 Jahren nicht auf, dass jemand dem 45-jährigen Bad Nauheimer ins Genick geschossen hatte? Hauburger geht von drei Gründen aus. Erstens die Situation. Die Polizei wurde wegen eines Unfalls alarmiert, war dahingehend sensibilisiert. Zweitens war dem Bericht von damals zufolge keine Austrittswunde vorne am Kopf zu sehen. Hauburger geht von einer kleinkalibrigen Waffe aus. Wenn man die aufsetze und abdrücke, sei die Wunde nur wenige Millimeter groß. Bei einer behaarten Kopfhaut könne man sie leicht übersehen. Das Projektil könne steckenbleiben oder durch den Mund austreten, eine Austrittswunde müsse es nicht geben. Bei der Obduktion 2016 wurde keine Austrittswunde entdeckt, allerdings eine Deformation am Halswirbel.

Drittens sei Bozkurt »ein gut integrierter Bürger« gewesen, sagt der Staatsanwalt. Warum also sollte ihn jemand umgebracht haben? Doch genau das ist geschehen. Hauburger geht davon aus, dass der oder die Täter zum Zeitpunkt, als der Wagen gegen den Baum prallte, im Auto saßen. Womöglich wurden er oder sie beim Vortäuschen des Unfalls verletzt. Der Schuss müsse unmittelbar zuvor abgegeben worden sein – und zwar im Auto.

Von wem vor rund zweieinhalb Jahren der Hinweis kam, dass der Unfall keiner war, wollte Hauburger nicht sagen – »aus Sicherheitsgründen«. Auch zu den drei Beschuldigten äußerte er sich nicht. Aber: »Es handelt sich nicht um ein typisches Delikt der Organisierten Kriminalität, zumal der Mann nicht aus dem Milieu stammte.«

Kann eine solche Mord-Vertuschung auch heute noch passieren? »Eine Garantie, dass das heute nie wieder passieren könnte, wäre vermessen, weil es sich um einen außergewöhnlichen Fall handelt, der als Verkehrsunfall getarnt war.«

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