01. September 2017, 20:29 Uhr

Auf tierischen Abwegen

Füchse in der Innenstadt, Wildschweine oder Rehe im Garten – daran ist man schon fast gewöhnt, wenn der Wald nicht allzu weit entfernt ist. Aber ein Alligator auf einem Freizeitgelände? Das sprengt denn doch ein bisschen die Vorstellungskraft. Die Polizei hat es nicht immer nur mit schweren Jungs zu tun, sondern öfter auch mal mit entfleuchtem Federvieh oder ausgebüxten Vierbeinern. Einige Beispiele für tierische Erfahrungen.
01. September 2017, 20:29 Uhr

Wildschweine als Fluchthelfer: Der Spaziergänger dürfte nicht schlecht gestaunt haben beim Anblick der urzeitlichen Echse, die man eher in den Sümpfen Floridas oder Louisianas vermuten würde: Auf einem Freizeitgelände im Friedberger Stadtteil Ockstadt sonnte sich ein Alligator.

Der Mann verständigte sofort die Polizei, die schnell herausfand, dass das Tier von einer angrenzenden Farm ausgebrochen war, vermutlich, weil Wildschweine ein Loch ins Gehege gebuddelt hatten. Doch zum Glück stellte sich das zunächst bedrohlich wirkende, 50 Kilo schwere und 1,80 Meter lange Tier als ziemlich handzahm heraus: Sein herbeigeholter Besitzer trug es schließlich zurück in sein Domizil.

Apropos Wildschwein: Ein Exemplar hatte sich beispielsweise nach Ortenberg hinein verirrt. Aufgrund seiner Größe und außerhalb seines ursprünglichen Lebensbereiches stellte es eine erhebliche Gefahr für die Bevölkerung dar. Da sich schließlich keine andere Lösung ergab, musste das Tier von einem Jagdpächter erlegt werden.

Das ist allerdings mit einer erhöhten Vorsicht verbunden: »Natürlich können wir ein Tier im absoluten Notfall erschießen. Dies ist aber immer das letzte Mittel«, erklärte der Gießener Polizeisprecher Jörg Reinemer. »Bei der Prüfung kommt es auf die Gefährdung an. Diese Gefahrenbeurteilung muss immer mit einfließen. Geprüft werden muss auf jeden Fall, ob – beispielsweise in der Stadt – andere gefährdet werden können.«

Vorkommnisse mit Wildschweinen im bewohnten Bereich haben in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Sommerzeit gebe es aber eher sehr wenige solcher Fälle. Sie seien meistens im Herbst oder im Winter zu beobachten, berichtet Reinemer. Für das Verhalten in diesen Situationen gibt es spezielle Schulungen für die Beamten. Im Einsatztraining wird auch der Schusswaffengebrauch gegen Tiere geübt.

Ein Klassiker unter den tierischen Einsätzen ist auch die Suche nach geflüchteten Pferden, die umso dringlicher ist, wenn sich die Tiere in der Nähe von Autobahnen oder anderen viel befahrenen Straßen aufhalten.

Ein Fall von Ende Januar, der sich in der Nähe der Sackpfeife im Kreis Marburg-Biedenkopf ereignete: Zwei Schimmel hatten sich selbstständig gemacht. Eine Autofahrerin bemerkte die beiden Tiere auf einer Kuppe der B 253 nachts gegen Viertel vor eins und verständigte die Polizei.

Auf die Beamten kam dann ein vierstündiger Einsatz zu: Zunächst galt es, die Pferde einzufangen. Die liefen ungerührt die Bundesstraße mal runter und mal wieder rauf. Die Streife wusste sich aber zu helfen. Letztlich gelang es den uniformierten Cowboys, die Tiere mit einem Lasso einzufangen und zu sichern.

Die Suche nach der Besitzerin war zunächst nicht einfach, aber ebenfalls erfolgreich. »Die Spuren in Form der verlorenen Pferdeäpfel hatten quasi den Weg gewiesen«, hieß es im Polizeibericht.

Dann aber griff »Murphys Gesetz«, nach dem alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht. Zumindest zunächst. Die Pferdebesitzerin in Dexbach war telefonisch nicht erreichbar. Von einer Streife geweckt, war ihr Pferdeanhänger nicht nutzbar, weil er voll mit Heu beladen war. Dann zeigten sich die beiden Schimmel absolut störrisch und verweigerten den Einstieg in einen eiligst geliehenen Anhänger.

Entenfamilie gerettet

Guter Rat war jetzt teuer. Es folgte dann die pragmatische Lösung der Beamten: Sie packten kurzerhand mit an und entluden mitten in der Nacht die gut zwei Kubikmetern Heu aus dem Anhänger der Pferdebesitzerin. »Dieses gewohnte Transportmittel akzeptierten die beiden Vierbeiner anstandslos, sodass die Gefahr schließlich um 4.40 Uhr beseitigt war«, berichtete die Polizei

Wesentlich reibungsloser ein anderer tierischer Einsatz Anfang Juni auf der Marburger Stadtautobahn. Verkehrsteilnehmer meldeten morgens gegen sechs Uhr in Höhe der Abfahrt Mitte eine Entenfamilie auf der Fahrbahn. Die Polizei rückte sofort aus, um Schlimmeres zu verhindern.

Die Entenfamilie – bestehend aus Mutter und sechs Küken – kam den »Anweisungen« der Ordnungshüter anfangs allerdings nur widerwillig nach. Die Gruppe watschelte zunächst wie gewünscht in Richtung einer Tankstelle, machte aber gleich wieder auf dem Absatz kehrt und versuchte nun, erneut die Straße zu betreten.

Daraufhin rückte eine zweite Streife mit einer Transporttasche an, um die Enten an einen sicheren Ort zu bringen. »Das Einsammeln und anschließende Aussetzen der Truppe in der Lahn verlief ohne Probleme«, hieß es im Polizeibericht.

Nutria frühstückt im Hühnerstall

Als Familienretter für das Federvieh erwiesen sich Polizeibeamte auch bei einem Vorfall auf der A5. Allerdings hatte eine Entenfamilie dort so keine rechte Lust auf die gut gemeinte Unterstützung, nachdem Verkehrsteilnehmer die tierischen Spaziergänger kurz vor dem Parkplatz Hegberg zwischen Grünberg und Homberg/Ohm gemeldet hatten. Die Entenfamilie zog es vor, ihre Reise ohne Hilfe fortzusetzen. Allerdings änderte sie dabei ihre Route und verzichtete auf die Nutzung der Schnellstraße, sodass die Polizisten ihre Rettungsaktion beenden konnten, ohne groß eingreifen zu müssen.

Kurios auch ein Einsatz der Niddaer Polizei im August. Der Hilferuf einer Hühnerbesitzerin rief die Beamten und zwei Jäger auf den Plan. Ein ihr unbekanntes Tier war in ihren in der Nähe von Nidda gelegenen Stall eingedrungen. Ein fachkundiger Blick der Waidmänner reichte, um das rund 40 Zentimeter große Tier als Nutria zu identifizieren. Der Nager fand offensichtlich Gefallen an dem Hühnerfutter und genoss in aller Ruhe sein Frühstück.

Die Beamten und Jäger trieben das auch als Biberratte oder Sumpfbiber bezeichnete Tier letztlich aus dem Stall, von wo aus es sofort zur nahe gelegenen Nidda aufbrach und in den Fluten verschwand. Vermutlich satt und zufrieden. »Nach und nach legte sich die Aufregung bei der Besitzerin und ihren Hühnern«, lautete die Bilanz der Polizisten.

In welchen Fällen muss die Polizei eingreifen, wenn es um Probleme mit Tieren geht? »Grundsätzlich ist der Halter bzw. der Eigentümer immer für seine Tiere verantwortlich. Ebenso sind bei Gefahren aber auch die Gemeinden und Städte verantwortlich. Bei dringenden Gefahren, also dann, wenn sofort gehandelt werden muss und wenn die dafür zuständige Kommune nicht mehr verständigt werden kann, ist die Polizei zuständig«, erklärt Reinemer. So beispielsweise, wenn ein Pferd sich auf einer Bundes- oder Landesstraße befindet. »Dann muss sofort gehandelt werden. Das Risiko eines Unfalls wäre viel zu hoch.«

Dabei gilt allerdings immer die Haftungspflicht des Tierhalters: »Jeder Eigentümer eines Hundes oder Pferdes ist nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch grundsätzlich für den Schaden verantwortlich. Aus diesem Grund sollte eine entsprechende Sorgfaltspflicht immer beachtet werden«, rät Reinemer.

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