28. September 2014, 18:58 Uhr

Jux und Dollerei zum Auftakt in Darmstadt

Die neue Intendanz von Karsten Wiegand am Staatstheater startet mit Shakespeares »Der Kaufmann von Venedig« in die Spielzeit.
28. September 2014, 18:58 Uhr
Wird Venedigs Doge (Jana Zöll, oben) Recht sprechen? Shylock (Catherine Stoyan) wittert seine Chance. (Foto: Joachim Dette)

Die neue Intendanz von Karsten Wiegand beginnt mit einer Verwechslung. Stolz grinsend präsentiert die mittelalterliche Gauklertruppe auf dem Theaterbanner das Stück des heutigen Abends: »Othello, der Mohr von Venedig«. Nur stimmt das nicht. Die Premiere »Der Kaufmann von Venedig« steht zur Saisoneröffnung auf dem Spielplan, die Zuschauer im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt schmunzeln, die aufgeregten Mimen beeilen sich, hastig den richtigen Titel zurechtzuwurschteln. Mit der gleichen Schusseligkeit stolpern, straucheln, holpern sie in ihre Rollen auf der halbrunden Holzbühne, die Shakespeares Globe Theatre entlehnt ist.

Hier darf jeder jeden darstellen: Frauen spielen Männer, Männer Frauen, eine Schauspielerin mit Glasknochenkrankheit den Dogen von Venedig, ein Farbiger den antisemitischen Soliano, Doppelbesetzung ist Pflicht. Die beiden männlichen Außenseiterhauptrollen übernehmen Frauen: Catherine Stoyan, ausdrucksvolle Schwester von Corinna Harfouch, mimt Shylock, Tina Keserovic verwandelt sich in den Kaufmann von Venedig, den männerliebenden Antonio. Die zartgliedrige Statur beider Frauen verstärkt das Verletzliche ihrer Figuren und unterlegt Hans Mayers berühmtes Buch über die Entrechteten als Subtext der Schau: Frauen, Juden, Homosexuelle.

Regisseur Christian Weise wagt viel: Seine Gaukler geben alles, um die scheinbar heitere Shakespeare-Komödie mit derbem Jux und saftiger Dollerei auf die Spitze zu treiben, sie rüpeln, randalieren, provozieren. Mit einem albernen »Palim-Palim« stolpert Durchschnittsantisemit Gratiano alias Miguel A. Ostrowskij über die Bühnenschwelle, eine Art Dieter Hallervorden mit bescheuerter Hornbrille, peinlich eingezwängt ins Till-Eulenspiegel-Kostüm, der sich mit unkorrekten Außenseiterwitzen beliebt zu machen versucht. Klar darf der vor Shylocks Haus mit Blick auf den Klingelknopf fragen: »Wie heißt Shylock eigentlich mit Nachnamen?«

Christian Weise, der anderswo schon so manchen Shakespeare virtuos verkasperte, hat sichtlich Spaß an hektisch getakteter Pointendichte, an trashiger Kostümklamotte (Jana Findeklee) und drollig auf den Punkt gebrachter Liedbegleitung (Jens Dohle und Falk Effenberger). Gespielt wird vor halbrunder Bretterwand, auf der ein geflügelter venezianischer Löwe thront, videoanimiert von Joki Tewes und ironisch gebrochen von stürzenden Cupidos, wilden Seefahrten und Heile-Welt-Bebilderung.

Auch Shylock mit Staksbeinen, schwarzem Wams und lächerlich wippenden Schläfenlocken versucht, komödiantisch mitzuhalten. Catherine Stoyan fistelt im Diskant, als hätte sie Lachgas inhaliert. Wenn die Scherze antijüdisch kippen, nimmt sie den Hut ab und es erscheint der Mensch hinter der Maske, ein beklemmend ehrlicher Augenblick: »Hat nicht ein Jud Augen?«, beginnt sie hohlwangig ihren berühmten Monolog. Tiefe Ergriffenheit ist jetzt im Raum zu spüren. Wenn ihre nicht enden wollenden Racheschreie durch Mark und Bein gellen, zerbröselt das ganze Venedig-Belmont-Hopsassa und erhebt seine grässliche HassfFratze. Wie Shakespeares Shylock startet Stoyan als ironisch übertriebener mittelalterlicher Vice-Teufel und endet als bewegender Anwalt der Menschlichkeit. Der böse Shylock ist und bleibt mit Joachim Kaiser ein »Demokratietest«. Christian Weise sei Dank, lässt die Inszenierung keinen Zweifel an der historischen Verantwortung.

Ab jetzt wird konzentriert und poetisch weitergespielt. Tina Keserovic als Antonio entblößt in der Gerichtsszene für den geliebten Bassanio die in diesem Fall weibliche Brust, um sich das Pfund Fleisch herausschneiden zu lassen. Nadja Stübiger als Portia im aufgeblasenen Gangsterdress plus Zigarre nuschelt ihre berühmte Gnadenrede herunter, der kleinwüchsige Doge (Jana Zöll) auf hohem Thron beugt das Recht, Shylock geht gedemütigt ab. Im letzten Akt herrscht statt Happy End komplizierte, teils doppelte Travestieverwirrung. Yves Wüthrich, vordem eine bärtige Conchita Wurst Nerissa, liebt jetzt Ex-Gaukler Gratiano, Christoph Bornmüllers Bassanio hält ein Portia-Gangster-Mischwesen im Arm, beide Frauen, Shylock und Antonio klammern sich irritiert aneinander, nicht wissend, ob Männlein oder Weiblein. Nichts ist am Platz, dafür alles möglich.

Nach großem Beifall wird Neu-Intendant Wiegand mit Brot und Salz auf der Bühne überrascht. Zwei Abgesandte des benachbarten Theater Moller Hauses und der freien Szene wünschen ihm »Willkommen und gute Zusammenarbeit«. Dabei hat die schon vielversprechend begonnen. Das gesamte Auftaktwochenende startet als Mix von Staatstheater und freier Szene.

Bettina Boyens

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