19. September 2013, 15:28 Uhr

Aus Feinden wurden Partner

Gießen (kw). Die Franzosen galten in der Nazi-Propaganda als »Erbfeinde«, die Amerikaner als undisziplinierte Soldaten mit »minderwertigen« Schwarzen in ihren Reihen. Jahrelang hatten die Deutschen gegen sie gekämpft – jetzt sollten die westlichen Sieger des Zweiten Weltkriegs Beschützer und Partner werden.
19. September 2013, 15:28 Uhr
US-Militär als Attraktion: Zum »Tag der amerikanischen Streitkräfte« kamen 1957 zahlreiche Interessierte. (Foto: GAZ-Archiv)

Wie das in Gießen nach 1945 gelang, beleuchten zwei Schülerarbeiten zum Geschichtswettbewerb. In einer geht es um die Städtepartnerschaft mit Versailles, in der anderen um den Umgang mit US-Soldaten.

Lorena Glatthaar und Vanessa Estreich, jetzt Elftklässlerinnen im Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, stellten ihren Beitrag über die deutsch-französische Städtepartnerschaft unter das Motto »Nicht zurück zu den Fehlern der Vergangenheit«. Ihre Klassenkameraden Max Ernst Hamscher und Fabian Luca Buchauer sprachen für ihre Arbeit »Nachbarn aus Übersee« unter anderem mit Zeitzeugen, die sich auf einen Artikel in der Gießener Allgemeinen Zeitung hin gemeldet hatten. Das waren so viele, dass »wir leider nicht alle interviewen konnten«.

Gießen bemühte sich bereits ab 1952 um eine Partnerstadt in Frankreich und gehörte damit zu den ersten in Deutschland, schreiben Vanessa und Lorena. Doch es dauerte bis 1958, bis nach sechs vergeblichen Anläufen ein Austausch mit dem geschichtsträchtigen Versailles begann. Offiziell wurde die Partnerschaft nie beurkundet, nach wenigen Jahren schlief sie ein.

Zu den zahlreichen Hürden gehörte, dass es in Frankreich wegen der anderen Verwaltungsstruktur schlicht weniger Städte gab als in Deutschland. Die Gießener seien wohl auch »tief ins Fettnäpfchen« getreten, meinen die Mädchen am Beispiel Caen. Eine erste Fahrt in die von deutschen Bomben stark beschädigte Stadt unternahm ausgerechnet der Verband der Kriegsheimkehrer.

Solche »unsensiblen« Gesten wirkten um so stärker, als die junge gemeinsame Geschichte kaum je offen angesprochen wurde, wundern sich Lorena und Vanessa. Im Schüleraustausch mit Versailles sei es jedenfalls fast ausschließlich um Kultur und Freizeit gegangen, erfuhren sie. »Wäre es nicht angebrachter gewesen, mit den Schülern die Kriegsdenkmäler französischer Soldaten des Ersten Weltkrieges auf dem Neuen Friedhof in Gießen zu besuchen und gemeinsam über die Fehler, die die Nachbarländer in der Vergangenheit begangen hatten, zu reden?«

Insgesamt könne man die kurze Partnerschaft dennoch als Erfolg sehen. Es sei schade, dass Jugendliche von heute die deutsch-französischen Beziehungen nicht mehr so wichtig fänden und die Sprache immer seltener lernten, so das Fazit der Mädchen.

Kontakte mit Amerikanern mussten Gießener nicht erst mühsam anbahnen: Tausende US-Bürger waren bis in die neunziger Jahre im europaweit wichtigen Militärstandort stationiert. Wie das alte Vorurteile ins Wanken brachte und die Alltagskultur revolutionierte, skizzieren Fabian und Max. Mehr noch als mit ihrer technischen Überlegenheit hätten die »Amis« die Deutschen mit ihrem lässigen, freundlichen Auftreten angezogen. Sie hatten »immer ein Lächeln auf Lager« und schenkten Kindern exotisch anmutende Süßigkeiten. Bei Jugendlichen wurden Jeans, Coca-Cola und Rock’n’Roll »in«.

Allerdings habe das Ansehen der US-Soldaten ab 1960 gelitten: Etwa unter dem Vietnamkrieg, dem Verfall des Dollarkurses und mit dem Wechsel zur Berufsarmee. Damit wuchs der Anteil der »GIs«, die aus der Unterschicht stammten. Es gab Probleme mit Alkohol, Drogen und Gewalt.

»Keine Farbigen erwünscht«

Solche Vergehen hätten schwarze Soldaten nicht häufiger begangen als weiße, stellten die Schüler fest. Dennoch seien sie in vieler Hinsicht diskriminiert worden, sogar ganz offiziell: In der städtischen Kriminalitätsstatistik gab es eine eigene Kategorie für dunkelhäutige Täter. An etlichen Gaststätten hing das Schild »keine Farbigen erwünscht«. Und »Mischlingskinder« wie auch ihre Mütter mussten mit Beschimpfungen rechnen.

»Wirklich überrascht« waren Max und Fabian darüber, mit wie viel Freude ihre sämtlichen Interviewpartner von der Nachkriegszeit erzählen (und dabei unbefangen von »Negern« sprachen: »Für sie ist diese Bezeichnung völlig normal und keineswegs rassistisch gemeint«). Die Amerikaner seien offenbar nicht als Besatzer empfunden worden, die etwas Neues vorschrieben. Aus freiem Willen hätten viele Deutsche ihre Kultur übernommen. Damit hänge auch zusammen, dass die Demokratie als Staatsform in der Bundesrepublik schnell akzeptiert wurde.

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