12. Mai 2013, 17:18 Uhr

»Porgy and Bess« aus Kapstadt in Wiesbaden

Die mitreißende Deutschlandpremiere der Cape Town Opera aus Kapstadt mit Gershwins »Porgy und Bess« war einer der Höhepunkte der Wiesbadener Maifestspiele.
12. Mai 2013, 17:18 Uhr
Im Gewusel der sich langsam füllenden Catfish Row zeigt sich eine stimmige Ensembleleistung. (Fotos: John Selling

»I am on my way« singt der behinderte Bettler Porgy am Schluss der Oper und reckt entschlossen die Faust in die Höhe, bereit, sein Mädchen Bess im 1000 Meilen entfernten New York zurückzugewinnen. Die fast naive Emphase, mit der Xolela Sixaba in der Hauptrolle auf der Bühne des Wiesbadener Staatstheaters das tut, löst Wellen von Gänsehautattacken aus. Denn der stimmstarke Bariton Sixaba muss diese Aufbruchshaltung gar nicht spielen, er verkörpert sie leibhaftig, genau wie der Rest der Operntruppe, die fast vollständig aus ehemaligen Township-Bewohnern besteht. Die packende Authentizität, mit der sie die quirligen Catfish-Row-Bewohner verkörpern, die zugleich intensive, wie lässige Körpersprache, mit der sie sich mitteilen, die beschwörenden, von Gershwin raffiniert eingestreuten Spirituals des hell und kraftvoll singenden Chors machen aus dieser Aufführung einen der Höhepunkte der diesjährigen Maifestspiele. Selten hat man die weltbekannten Evergreens »Summertime«, »I got plenty o« nuttin« oder »Oh, doctor Jesus« derart angefüllt mit echtem Drama gesehen wie hier.

Apartheid-Stimmung der 70er Jahre herrscht auf der Bühne, deren Blickfang ein riesiges, abgenutztes Zigarettenwerbeplakat ist, auf dem ein markanter Farbiger für die Marke »boxer« wirbt. Der tröstliche Subtext ist klar: Nelson Mandela war der wohl berühmteste Schwergewichtsboxer Südafrikas und thront auf diese Weise im Bühnenhintergrund hoch oben über den Verschlägen, Bretterbuden und dem abrissreifen Haus am Hafen der Soweto-Szenerie (Michael Mitchell).

Im Gewusel der sich langsam füllenden Catfish Row zeigt sich eine stimmige Ensembleleistung, die bis in die kleinsten Nebenrollen lebendig und mitreißend besetzt ist. Ob Philisa Sibeko als sanfte junge Mutter Clara oder ihr Mann, der gutmütig zuversichtliche Fischer Jake (Owen Metsileng) oder die alles mit ihrer Energie in den Schatten stellende Maria der Miranda Tini. Diese mollige Sängerin in Landestracht hat ein besonders durchdringendes Organ, das sich sowohl zu extremen Hysterielauten in die Höhe schrauben lässt, wie es sich hervorragend zu Schimpftiraden im saftigen Big-Mama-Stil eignet. Ihr Hauptopfer ist der windige Dealer Sportin’ Life (Tshepo Moagi), der es am Ende doch schafft, die lebensdurstige Bess mittels Drogen, den sogenannten »happy dusts«, zu einem Trip ins gelobte Land zu bewegen.

Dirigent Albert Horne gelingt es im Verein mit dem Orchester des Hessischen Staatstheaters in den farbenreichen Klängen Gershwins aus den 30er Jahre zu schwelgen und gelegentlich mit dem wuchtigen Chorsound der Südafrikaner mitzuhalten.

Bis in die 90er Jahre war das Singen in der Cape Town Opera ausschließlich Weißen vorbehalten. Seit 13 Jahren ist das Opernhaus ein Ort der Versöhnung zwischen den Volksgruppen, allerdings singen dort jetzt überwiegend Farbige. Sie ist die einzige Oper Südafrikas, die durchgängig im Jahr spielt und die einzige, die ihren Ensemblemitgliedern ein angemessenes Salär und Chancen zur Weiterentwicklung bieten kann. Viele arme Township-Bewohner können sich kein Instrument leisten, haben aber in Kirchenchören reiche Erfahrungen gesammelt. Das stimmliche Potenzial ist enorm, wie man an der Mezzosopranistin und Bess-Darstellerin Nonhlanhla Yende sehen kann. Sie selbst ist im heruntergekommenen Vosloorus aufgewachsen, wie sie im Gespräch nach der Vorstellung verrät, dem östlichen Randgebiet Johannisburgs und lernte das Singen von ihrer Großmutter. Mit Nachdruck betont sie: »We did not play acting on stage« (»Wir mussten gar nicht schauspielern bei der Aufführung«). Die schöne Sängerin hat dank der Cape Town Opera eine große Karriere hingelegt und ist zudem mit einem »great-grand-nephew« von Nelson Mandela verheiratet. Eine der wenigen Glücklichen, die sich nicht nur auf den Weg gemacht haben wie Porgy, sondern vorläufig auch angekommen sind. Bettina Boyens

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